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„Parade’s End“ bei Arte : Die Grausamkeit bester Absichten

Sie sind zwar verheiratet, bleiben einander aber fremd: Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) und seine Frau Sylvia (Rebecca Hall). Bild: © Mammoth Screen Limited/BBC/Nic

In „Parade’s End“ geht die viktorianische Welt unter. Wir sehen die Kampfszenen einer Ehe und das Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Und Rebecca Hall, die Hauptdarstellerin, ist phänomenal.

          Der britische Landedelmann Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) steht wie ein Vorwurf in seiner Zeit. Dem heraufziehenden zwanzigsten Jahrhundert hat er wenig zu sagen. Im stolzen Bewusstsein, der letzte seiner Art zu sein, will er ihm wenigstens formvollendet ins Gesicht blicken. „Die Welt ist schon lange untergegangen, im achtzehnten Jahrhundert.“ Was danach kommt, ist mit Haltung zu ertragen: „Parade!“

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Tietjens ist die Hauptfigur der britischen Serie „Parade’s End“, die das unstillbare nostalgische Interesse am Niedergang der britischen Adelswelt mit einem opulenten Kostümdrama, das die viktorianische Epoche in schwelgerischen Stimmungsbildern einfängt, um sie schließlich im Ersten Weltkrieg zu beerdigen.

          Die Serie, die auf der Romantetralogie des britischen Schriftstellers Ford Maddox Ford basiert, erinnert in vielem an den Exportschlager „Downton Abbey“. Wie diese Serie spannt „Parade’s End“ den Erzählbogen vom Jahrhundertbeginn bis zum Ende des Weltkriegs, es fehlt ihr aber ein ähnlich differenziertes Gesellschaftsbild.

          Die Suffragenten treten auf den Plan

          Während „Downton Abbey“ sich für jede Person und jedes Detail im Herrschaftsgefüge der britischen Oberschicht interessiert, bleibt „Parade’s End“ dicht an der Hauptperson. In der Fassung sechs dreiviertelstündiger Folgen wirkt vieles gedrängter, vor allem was die Darstellung sozialer Reformbewegungen betrifft.

          Während Christopher im Krieg ist, erreichen seinen Vater (Alan Howard, links) und seinen Bruder Mark (Rupert Everett) in London böse Gerüchte über ihn

          Die postviktorianische Epoche wird durchgeschüttelt. Die Suffragetten fordern vehement das Wahlrecht. An der Sozialversicherung scheiden sich konservative und liberale Geister. Tietjens, traditionell im Herzen, liberal aus Einsicht, ergreift gegen die Mehrheitsmeinung seines Umfelds für die Suffragetten Partei. Sein Grundbesitz macht ihn für seine glamouröse Frau Sylvia (Rebecca Hall) attraktiv. Sonst verbindet das Paar wenig. Schon bei der Hochzeit ist klar, dass das Kind, das sie erwartet, nicht das seine ist.

          Die Ehe beschränkt sich auf den Austausch gepflegter Gemeinheiten. Sylvia erträgt Christophers tyrannische Perfektion mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verachtung, betrügt ihn, verlässt ihn, kehrt zurück. Der Gehörnte akzeptiert die Rückkehr aus Formbewusstsein. Eine Scheidung kommt nicht in Frage: „Ich stehe für Monogamie und Sittlichkeit, und dafür, nicht darüber zu sprechen.“

          Messerscharfe Dialoge

          Dass diese Gravitas nicht schrullig wirkt, liegt daran, dass sie auf den Schultern einer stimmigen Persönlichkeit ruht. Benedict Cumberbatch, der als genialischer Meisterdetektiv „Sherlock“ wie ein Komet einschlug, macht eine respektable Figur, wird von der flamboyanten Rebecca Hall aber in den Schatten gestellt.

          Das Drehbuch von Tom Stoppard, der schon das Skript für „Shakespeare in love“ und „Anna Karenina“ lieferte, zerlegt das Duell der ungleichen Charaktere in messerscharfe Dialoge. Der Roman von Maddox Ford scheint eine gute Vorlage gewesen zu sein. Sylvia zeigt sich variantenreich im Ausdruck ihres Überdrusses am hölzernen Gatten. „Er korrigiert die Encyclopaedia Britannica. Brächte ich ihn um, würde kein Gericht mich verurteilen“, schleudert sie dem über seine Bücher gebeugten Gatten im Salon zu, gefolgt von der Tasse. „Erstaunt, dass ich ihn hasse?“

          Ihr Mann ist in seiner Prinzipienreiterei aber kein gefühlloses Fossil. „Der Empfindsame gehört gesteinigt. Er bewirkt, dass alle sich unwohl fühlen.“ Jede Pose und jede Pointe sitzt in diesem Drama enttäuschter Erwartungen. Der zweite Handlungsstrang fällt deutlich ab. Die aufflackernde Liebe zu der couragierten Suffragette Valentine Wannop (Adelaide Clemens) erscheint eher als Vorwand, Zeitgeschichte zu referieren. Auch kann die junge Adelaide Clemens den beiden anderen schauspielerisch nicht die Stirn bieten. Ihrer Valentine Wannop gegenüber versagt sich der skrupulöse Gentleman Tietjens (zumindest drei Folgen lang) jedes Gefühl. Der Gegensatz von Fortschritt und Tradition wirkt dadurch hölzern.

          Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch, Mitte) überlebt einen Luftangriff. Doch viele seiner Kameraden in den Gräben sind diesem zum Opfer gefallen.

          Die Hassliebe des Ehepaars gerät wieder ins Zentrum des Geschehens. Rebecca Hall changiert dabei als Sylvia virtuos zwischen dem Wunsch nach Nähe zu ihrem Mann und einem in Zynismus ertränkten Leiden an der Vergeblichkeit dieses Bemühens: „Du bist so ein Paradebeispiel ehrenwerten Benehmens, und der grausamste Mann, den ich kenne.“

          In den ersten Folgen bleibt die Verpanzerung der Figuren. Die Geschichte hängt deshalb etwas durch. Die weiteren Folgen erzählen vom Christopher Tietjens Kriegseinsatz und davon, wie er seine Gefühle vor dem Gerichtshof seines Gewissens rechtfertigt. Sehenswert ist „Parade’s End“ bis zum Schluss aber vor allem der großartigen Rebecca Hall wegen.

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