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Oprah Winfreys neue Show Busen, Botox oder Benefiz

03.03.2008 ·  Dem amerikanischen Fernsehen ist bekanntlich nichts heilig. Mit ihrer neuen Realityshow überschreitet Oprah Winfrey einmal mehr die Schmerzgrenze. „Geld gegen Güte“ heißt das Konzept, das die Idee des Altruismus ohne Scham der Lächerlichkeit preisgibt.

Von Nina Rehfeld
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Dem amerikanischen Fernsehen ist bekanntlich nichts heilig. Oprah Winfrey überschritt gestern mit ihrer neuen Realityshow „The Big Give“ einmal mehr die Schmerzgrenze. „Geld gegen Güte“ heißt das Konzept der ABC-Sendung, das die Idee des Altruismus ohne Scham der Lächerlichkeit preisgibt. Und das geht so: Zehn Kandidaten müssen mit einem bestimmten Geldbetrag für redaktionell bestimmte und zugewiesene Bedürftige möglichst viel Gutes tun. Drei Richter beurteilen die Güte der jeweiligen Aktionen anschließend anhand von „Führungskraft, Kreativität, Präsentation und Leistung“ - sprich: Tränendrüsentauglichkeit und Medienkompetenz, und wer keinen Paukenschlag produzieren kann, fliegt raus.

Zehn Teilnehmer aus allen Ecken des Landes schafften es nach einem Auswahlprozess in die Show - darunter eine ehemalige Miss America, ein junger Geschäftsmann, ein Armeehauptmann und eine Rollstuhlfahrerin. „Wenn man vierzig wird“, sagt eine der Kandidatinnen, „kann man sich entweder den Busen vergößern oder das Gesicht mit Botox glätten lassen. Oder man kann sein Leben umdrehen und Gutes tun.“ Am besten im Austausch gegen Ruhm und Geld - denn der Clou der Sendung ist, dass der Gewinner von Oprah mit einer Million Dollar bedacht wird. Oprah behauptet im Vorspann dramatisch raunend, dass keiner der Kandidaten dies ahnt. Wie auch: Verschenkt doch die 54-Jährige gern und dauernd, medien- und werbewirksam teure Konsumartikel in ihrer Talkshow, darunter 2004 einen nagelneuen Mitteklasswagen an jeden Studiogast. Selbstverständlich erwartet jeder, dass der Sieger aus den Händen der Frau, die sich am liebsten selbst für ihre eigene Großzügigkeit feiern lässt, ein verschwenderisches Geschenk erhalten wird.

Oprah, die hauptberufliche Mitfühlerin und Ratgeberin

Oprah Winfrey verkörpert den amerikanischen Traum wie kaum ein anderer Zeitgenosse. Geboren als Tochter zweier Teenager wuchs sie zunächst in ländlicher Armut bei ihrer Großmutter und später bei ihrer Mutter in einem innerstädtischen Getto in Milwaukee auf. Sie erlebte Prügel und sexuelle Belästigung, und als Vierzehnjährige brachte sie selbst ein Kind zur Welt, das kurz nach der Geburt starb. Zugleich machte sie schon früh durch ihre Intelligenz auf sich aufmerksam, übersprang zwei Schulklassen und wurde mit 18 Jahren „Miss Black Tennessee“, bevor sie eine steile Medienkarriere begann.

Heute regiert sie ein Imperium, das unter anderem eine tägliche Talkshow, zwei Zeitschriften, eine Radiosendung, mehrere Filmproduktionen, diverse Immobilien und nun auch noch eine Realityserie umfasst. Ihr persönliches Vermögen wird auf zweieinhalb Milliarden Dollar beziffert, und sie wurde zuletzt 2007 von der Zeitschrift Forbes zur einflussreichsten prominenten Person des Planeten erklärt. Ihren Status als hauptberufliche Mitfühlerin und Ratgeberin nutzt sie zu diversen Welt- und Selbstverbesserungsprojekten, die Reichtum und Selbstdarstellung als Insignien des Glücks feiern und ihr noch dazu den Ruf der größten amerikanischen Philantropin einbrachten.

Geben als schrankenlose Selbstbeschmeichelung

So ist „The Big Give“ eine weitere mediale Inkarnation von Oprahs Weltanschauung: Geben als schrankenlose Selbstbeschmeichelung.
Und so kann man in den Augen ihrer Kandidaten die Dollarzeichen mit den Tränen der Selbstrührung um die Wette blitzen sehen, wenn sie einer obdachlosen Mutter ein Heim beschaffen, ein Siedlungsfest für die Frau und zwei kleinen Töchter eines bei einem Überfall erschossenen Supermarkt-Angestellten veranstalten oder mit Gesängen und Gebeten die Kirchenkollekte für einen Kriegsveteranen anheizen.

Man kann bei „The Big Give“ die Bereitschaft ganz normaler Amerikaner bestaunen, dutzende, sogar hunderte Dollar für einen Unbekannten in Not zu spenden (die freilich nicht zuletzt der Abwesenheit eines sozialen Sicherungssystems geschuldet ist). Und man kann sich mit Menschen freuen, denen in schweren Zeiten Gutes widerfährt.

Eigentlich sind sich die Spender selbst am nächsten

Doch die Show bleibt ein schauriges Spektakel von Not und Erlösung, das die „Wohltätigkeit“ einer Handvoll Leute feiert, die aus dem Portemonnaie eines schwarzen, weiblichen Ersatz-Jesus rührende Errettungsschauspiele inszenieren dürfen: ein spendenfinanziertes Auto von der sich selbst applaudierenden Nachbarschaft, eine Wohnung von einem schamlos Schleichwerbung betreibenden Reifenkonzern, eine Schulausbildung für die Kids vom örtlichen Gemeindepfarrer, natürlich in der Gemeindeschule. Eigentlich sind sich die Spender selbst am nächsten, Nachbarschaftshilfe wird in kalten, harten Dollars beziffert, und eine Handvoll Konsumgüterhersteller freut sich, die freundliche Erinnerung sponsern zu dürfen: Haste nischt, biste nischt.

Wie eigentlich die Kandidaten und die von ihnen zu Begütigenden ausgewählt wurden, bleibt hinter den emotionsgeladenen Bildern und der musikalischen Untermalung in Moll im Dunkeln. Man fragt sich ratlos, wie es der angehende Mediziner, der sein geplanetes Hilfs-Projekt in schwarzen Gettosiedlungen angesichts von 200.000 Dollar Ausbildungsschulden nicht starten kann, mit der obdachlosen Mutter oder der Witwe mit zwei kleinen Kindern an Bedürftigkeit aufnimmt. Oder welchen Gütewert eine Einkaufsorgie mit den verwaisten Sechsjährigen („ihr dürft euch alle Spielzeuge kaufen, die ihr wollt!“) hat. Oder ob die impertinent-energische Rollstuhlfahrerin im Kandidatenfeld gleich mehrere Realityshow-Quoten erfüllt.
Egal, hier geht es schließlich um was anderes: Darum nämlich, neun Mitstreiter in Sachen Gutmenschlichkeit auszustechen. Well done, Oprah.

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