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Oprah Winfreys letzte Show Nu geht hin und macht was aus eurem Leben

26.05.2011 ·  Amerikas Talkqueen Oprah Winfrey gibt nach einem Vierteljahrhundert ihre Show auf. Zum Abschied war sie ganz allein mit ihrem Publikum. Sie predigte, schulmeisterte und erklärte ihre große Liebe.

Von Jordan Mejias, New York
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Am Ende hat sie keine Autos, keine Weltreisen, keine Brautkleider, ja nicht einmal ein paar Bücher verschenkt. Am Ende stand sie ganz allein auf der Bühne ihres Studios in Chicago, eine Stunde lang. Es war kein Monolog, was sie vorbereitet hatte, es war keine Ansprache, es war auch nur streckenweise eine Danksagung. Es war eine Predigt. Und wenn die Predigerin im pinkfarbenen Kleid auch die Kamera nicht aus den Augen ließ, so gab es doch keinen Zweifel daran, dass sie auf die Kanzel gehörte. Das Fernsehstudio war ihre Kirche, diesmal mehr denn je. „Gott ist die Liebe“, verkündete sie und: „Gott ist das Leben.“ Wie es alle Fernsehprediger tun. Aber dann war Oprah Winfrey doch wieder wie niemand sonst, als sie nach einem Vierteljahrhundert Abschied von ihrer Gemeinde nahm und die Gelegenheit ergriff, den Kern ihrer ganz eigenen Fernsehreligion in Worte zu fassen.

Auf Worte war tatsächlich die gesamte Sendung gebaut. Das war die Überraschung des Tages. Nur ab und zu flimmerte ein Videoclip aus alten Zeiten vorüber, aber die viertausendfünfhundertundeinundsechzigste „Oprah Winfrey Show“, die allerletzte überhaupt, warf die üblichen Fernsehunterhaltungsregeln gezielt über den Haufen. Warum keine Bilder? Warum keine Stargäste? Oprah war genug. Zum Abschluss hatte sie vor allem Frauen um sich versammelt, die sonst nachmittags vor dem Fernseher saßen und sich von ihr nicht nur unterhalten, sondern Mut machen und das Leben erklären ließen. „Every day people“, nennt Oprah sie. Handverlesen waren sie trotzdem, denn jede musste, bevor sie eine Einladung erhielt, in einem kleinen Aufsatz begründen, warum gerade sie eingeladen werden sollte. Es war gleichsam ein Test, eine letzte Schulaufgabe, die ihnen von der Fernsehdiva gestellt wurde, die, wie sie jetzt bekräftigte, sich immer auch als Lehrerin fühlte. Bei ihr saß die Nation auf der Schulbank, um sich selbst besser kennenzulernen.

Macht was aus eurem Leben!

Die Lehrerin, einfühlsam, wie sie war, konnte streng sein, wenn sie glaubte, dass sie verschaukelt wurde. Ein Autor, der ihr Lügen aufgebunden hatte, musste öffentlich nachsitzen wie ein unartiger Schuljunge. Aber mehr noch war sie voller Anteilnahme und Verständnis, wenn jemand Schwächen offenbarte und diese auch eingestand, wenn Probleme zu lösen, Niederlagen zu überwinden und neue Ziele anzupeilen waren. Die Leute waren bereit, von ihr zu lernen, weil sie selbst noch am Lernen war. Sie hingen an ihren Lippen, weil sie selbst ihre Fehler eingestand. Dabei war nie ihre Grundbotschaft zu überhören: Macht was aus eurem Leben! Lasst euch nicht von Rückschlägen unterkriegen! Alles wird gut! So war Oprahs Schulstunde zugleich Gruppentherapie und Glaubensbestärkung. Die Lehrerin war für die Erbauungspredigt ebenso zuständig wie für die Seelendiagnose, die mit der Versicherung einherging, dass das Leben einen Sinn hat oder erwartet, von uns einen Sinn zu bekommen.

Oprah stellte immer wieder das gleiche Rezept aus. Dem Trost folgte die Aufforderung, das Leben endlich fest in die Hand zu nehmen. Die mächtigste Frau Amerika lehrte, dass jeder die Macht hat, sein Leben zu bestimmen und nach seinem Willen einzurichten. Es war eine uramerikanische Lektion, in der es keine Zweifel daran gab, dass die Welt zum Guten verändert werden kann. Mit Gottes Hilfe, wie Oprah nun so deutlich hinzufügte, wie nie zuvor. Anders könnte sie sich nicht erklären, wie das schwarze Mädchen aus Mississippi, arm, ungeliebt und missbraucht, es in ein Paradies geschafft hat, wo das Scheinwerferlicht nie ausgeht. Ein Wunder, staunte Oprah. Und: „Es gibt keine Zufälle, nur göttliche Befehle.“

Ihr Beruf ist ihr somit Berufung. Und weil sie sich in uns allen wiederkennt, kann sie uns versichern, dass auch wir nur unserer wahren Berufung zu folgen brauchen, um das Licht in uns leuchten zu lassen. Dazu müssen wir unseren Energievorrat freisetzen, unseren Selbstwert entdecken und an ihn glauben. Es hilft nicht weiter, da entgeistert die Augen zu verdrehen und von Platitüden zu reden. An Oprahs Lebenslauf zerschellt jede Kritik. Er ist der Beweis, dass ihre Lebensanleitung funktioniert. Er ist auch die Voraussetzung für ihren Bund mit dem Publikum, dem sie verspricht, auf gleicher Ebene zu begegnen. Ihm gestand sie zum Abschied: „Ihr und die Schau seid die große Liebe meines Lebens.“ Wenn andere das behauptet hätten, wäre ihnen höhnisches Gelächter sicher gewesen. Bei Oprah füllten sich Augen mit Tränen. Die letzte Show, sagte sie, sollte auch als Liebesbrief verstanden werden.

Unterhaltung mit Lehren

Nicht anders als „Every Day People“ kamen einst Filmstars, Großschriftsteller und die jeweiligen Mieter im Weißen Haus zur Audienz bei der Herrscherin über den Fernsehnachmittag. Mit ihrer Sendung krempelte sie das herkömmliche Programm um. Statt leerer Unterhaltung bot sie Unterhaltung mit Lehren. Es war in der Tat eine Fernsehrevolution, die sie damals zwischen vier und fünf angezettelt hatte. Aber übers Fernsehen ging die tägliche Revolution nicht hinaus. Oprah wollte Amerika auf die rechte Bahn führen, ohne das Land aus den Angeln zu heben. Sie war auf Veränderung aus, ohne die traditionellen Strukturen zu zerstören. Das musste zu Widersprüchen führen, die nie aufzulösen waren. Sie hat sich in ihnen eingerichtet. Als Popstar warb sie fürs Lesen, sogar fürs einsame Lesen langer, gewichtiger, betagter Romane. Als Milliardärin wollte sie begreifen und nachempfinden, was in den Köpfen von Obdachlosen vor sich ging. Als absolute Fernsehregentin setzte sie sich für die Sache der Entrechteten ein. Und immer blieb sie glaubwürdig.

Ersatz für sie ist weit und breit nicht auszumachen. Aber sie verschwindet ja auch nicht in irgendeiner Selbstfindungszelle im Hinterland von Chicago. Die „Oprah Winfrey Show“ mag Fernsehgeschichte sein, Oprah indes kann fortan über einen ganzen Fernsehkanal verfügen. Sie hat nicht vor, im neu begründeten „Oprah Winfrey Network“ ihre Talkshowroutine von einst fortzusetzen, aber ihre Fernsehweltanschauung soll auch ohne sie durch alle Plauderrunden, erbaulichen Realty-Episoden und Spielfilme schimmern. Viel gibt es da für sie zu tun, denn bisher sind die Zuschauer ausgeblieben. Jetzt kann und muss sie sich endlich voll der neuen Aufgabe widmen. Die nächste Herausforderung wird von Oprah Winfrey als Chance angesehen, ihre Energieströme anders fließen zu lassen. OWN, der Kanal, ist sie. So wie es die Talkshow war. Das Rätsel, wer der Megastar sein könnte, der es wert wäre, ihren letzten Auftritt zieren, hat sie deshalb auf die einzige Art gelöst, wie es zu lösen war. Wen hätte sie nicht überschattet? Die Predigerin, die ihren Worten Taten folgen lässt, musste allein im Scheinwerferlicht stehen. Sie, inmitten ihrer Gemeinde.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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