http://www.faz.net/-gqz-76zjs

Opposition in Russland : Für eine ferne Zukunft

Gesichter der Opposition: Das ehemalige Glamour-Girl Ksenia Sobtschak mit ihrem Ex-Freund, dem liberalen Politiker Ilja Jaschin. Bild: REUTERS

Wie sich ein Dokumentarfilmprojekt über die Gegenbewegung zum Putinregime zur wichtigsten Nachrichtenquelle des Landes entwickelte.

          Würde er nicht schreien, könnte man annehmen, Alexej Nawalny wäre ein Knetgummimensch. Während der Kundgebung zum „Marsch der Millionen“ zerren mehrere Milizionäre den russischen Oppositionsführer Nawalny, der nur noch gebückt die Schmerzen seiner Festnahme ertragen kann, durch die Moskauer Straßen. Im Rhythmus seiner Schreie verdrehen die Staatsdiener Nawalnys Arme hinter seinem Rücken. Die Bilder der Verhaftung tauchten zum ersten Mal im August vergangenen Jahres im Internet auf. Die Aufnahmen sind Teil des russischen Filmprojekts „srok.doc“, das zunächst als Dokumentation vom Schicksal der russischen Opposition erzählen wollte, sich dann zu einem neuen Nachrichtenformat etablierte und schließlich vom Putinregime auf perfideste Art missbraucht worden war.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Alles beginnt im Mai 2012, sechs Monate nach der offenkundig gefälschten Dumawahl in Russland. Die Filmemacher Alexander Rastorguew, Alexej Piwowarow und Pawel Kostomarow besuchen in dieser Zeit Demonstrationen, Kundgebungen und Oppositionssitzungen. Sie wollen die Aufnahmen machen, die das russische Staatsfernsehen seinen Zuschauern vorenthält. Weil das Material zu heiß ist, um es in Archiven verglühen zu lassen, stellen Rastorguew, Piwowarow und Kostomarow jede Woche kurze Ausschnitte ihrer Dokumentation online. Ihr Blog wird innerhalb kürzester Zeit zur Informationsquelle oppositionsnaher Bürger.

          Der Extremismus der Nationalbolschewisten

          Im Zentrum der Aufnahmen stehen bekannte Regierungskritiker wie der Blogger Nawalny, der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow oder der Schriftsteller und Gründer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands, Eduard Limonow. Die Filmemacher dokumentieren gleichermaßen wütende Polizeieinheiten auf Demonstrationen und ihre wahllosen Festnahmen wie private Gespräche verschiedener Oppositionsführer. Die kurzen Dokumentationsausschnitte zeigen, wie viele Menschen tatsächlich auf die Straßen gehen, denn gerne beschneidet die Regierung die Zahlen der Demonstranten um mehrere Nullen. Sie manifestieren aber auch, wie zerrüttet die Bewegung gegen Putin in Wirklichkeit ist.

          Filmemacher Alexander Rastorguew
          Filmemacher Alexander Rastorguew : Bild: picture alliance / dpa

          Die russische Opposition lebt nämlich in einer ideologischen Diskrepanz, die größer kaum sein könnte. Neben Idealisten und Liberalen finden sich im Kreis der Oppositionellen leider auch viele radikale Gesinnungen. So sieht man auf der „srok.doc“-Website auch Aufnahmen der politischen Schreckensgestalt Eduard Limonow, in denen er „die Rückkehr der roten Farbe“ für „sein Russland“ einfordert und oppositionelle Gegner aufs Schlimmste beleidigt. In anderen Episoden versucht Limonows Ziehsohn, der Schriftsteller Zakhar Prilepin, die Aussagen seines Parteigenossen mit Lobeshymnen auf Limonows Literatur von dessen menschenverachtenden nationalistischen Ideen reinzuwaschen. Weniger extremistisch - dennoch mit leichtem nationalistischem Kolorit - vertritt Alexej Nawalny in den Dokumentarausschnitten seine Vorstellungen vom künftigen Russland.

          Zum Informationsorgan der Regierung mutiert

          Für die Unterhaltungsmomente der Dokumentationsfolgen sorgt immer wieder die wohl ungewöhnlichste Person der oppositionellen Bewegung, Ksenia Sobtschak. Neben ihren unerschrockenen und engagierten Reden gibt die schöne Blondine, die früher für ihre Partyexzesse bekannt war, gerne auch Stylingberatung vor laufender Kamera oder zwingt ihren damaligen Freund, den liberalen Politiker Ilja Jaschin, während einer Demonstration einen Lippenpflegestift zu benutzen. Die Aufnahmen von „srok.doc“ porträtieren - egal ob auf Kundgebungen oder in Kneipen - die oppositionellen Redensführer so authentisch und nah wie kein anderes Bildmaterial.

          Weitere Themen

          So viele mittelmäßige Filme Video-Seite öffnen

          Halbzeit bei der Berlinale : So viele mittelmäßige Filme

          Der Wettbewerb der Berlinale kommt wie schon in den Jahren zuvor nicht so wirklich in Schwung. Zu viel Mittelmaß, zu wenig Neues, findet F.A.Z.-Redakteurin Verena Lueken. Im Video verrät sie, warum sich ein Besuch doch noch lohnt.

          Ein Film über das Massaker von Utøya Video-Seite öffnen

          Berlinale : Ein Film über das Massaker von Utøya

          Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat auf der Berlinale seinen Spielfilm „Utøya 22. juli“ vorgestellt. Er erzählt die Geschehnisse auf der norwegischen Insel, auf der der Rechtsextreme Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschießt.

          Topmeldungen

          Der Prototyp Hyperloop One

          Mit dem Hyperloop : Von Washington nach New York – in 29 Minuten?

          Tesla-Chef Elon Musk lässt jetzt buddeln: Für ein futuristisches Verkehrskonzept darf der Visionär jetzt testweise in Amerikas Hauptstadt bohren. Es geht um nicht weniger als eine Revolution.

          Syrischer Krieg : Spielball der Großmächte

          Syrien versinkt seit Jahren in Krieg und Gewalt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das liegt auch an den vielen verschiedenen Beteiligten und Interessen. Ein Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.