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Opposition in Russland Für eine ferne Zukunft

Wie sich ein Dokumentarfilmprojekt über die Gegenbewegung zum Putinregime zur wichtigsten Nachrichtenquelle des Landes entwickelte.

© REUTERS Vergrößern Gesichter der Opposition: Das ehemalige Glamour-Girl Ksenia Sobtschak mit ihrem Ex-Freund, dem liberalen Politiker Ilja Jaschin.

Würde er nicht schreien, könnte man annehmen, Alexej Nawalny wäre ein Knetgummimensch. Während der Kundgebung zum „Marsch der Millionen“ zerren mehrere Milizionäre den russischen Oppositionsführer Nawalny, der nur noch gebückt die Schmerzen seiner Festnahme ertragen kann, durch die Moskauer Straßen. Im Rhythmus seiner Schreie verdrehen die Staatsdiener Nawalnys Arme hinter seinem Rücken. Die Bilder der Verhaftung tauchten zum ersten Mal im August vergangenen Jahres im Internet auf. Die Aufnahmen sind Teil des russischen Filmprojekts „srok.doc“, das zunächst als Dokumentation vom Schicksal der russischen Opposition erzählen wollte, sich dann zu einem neuen Nachrichtenformat etablierte und schließlich vom Putinregime auf perfideste Art missbraucht worden war.

Alles beginnt im Mai 2012, sechs Monate nach der offenkundig gefälschten Dumawahl in Russland. Die Filmemacher Alexander Rastorguew, Alexej Piwowarow und Pawel Kostomarow besuchen in dieser Zeit Demonstrationen, Kundgebungen und Oppositionssitzungen. Sie wollen die Aufnahmen machen, die das russische Staatsfernsehen seinen Zuschauern vorenthält. Weil das Material zu heiß ist, um es in Archiven verglühen zu lassen, stellen Rastorguew, Piwowarow und Kostomarow jede Woche kurze Ausschnitte ihrer Dokumentation online. Ihr Blog wird innerhalb kürzester Zeit zur Informationsquelle oppositionsnaher Bürger.

Der Extremismus der Nationalbolschewisten

Im Zentrum der Aufnahmen stehen bekannte Regierungskritiker wie der Blogger Nawalny, der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow oder der Schriftsteller und Gründer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands, Eduard Limonow. Die Filmemacher dokumentieren gleichermaßen wütende Polizeieinheiten auf Demonstrationen und ihre wahllosen Festnahmen wie private Gespräche verschiedener Oppositionsführer. Die kurzen Dokumentationsausschnitte zeigen, wie viele Menschen tatsächlich auf die Straßen gehen, denn gerne beschneidet die Regierung die Zahlen der Demonstranten um mehrere Nullen. Sie manifestieren aber auch, wie zerrüttet die Bewegung gegen Putin in Wirklichkeit ist.

"Runaway Train" in Moskau präsentiert © picture alliance / dpa Vergrößern Filmemacher Alexander Rastorguew

Die russische Opposition lebt nämlich in einer ideologischen Diskrepanz, die größer kaum sein könnte. Neben Idealisten und Liberalen finden sich im Kreis der Oppositionellen leider auch viele radikale Gesinnungen. So sieht man auf der „srok.doc“-Website auch Aufnahmen der politischen Schreckensgestalt Eduard Limonow, in denen er „die Rückkehr der roten Farbe“ für „sein Russland“ einfordert und oppositionelle Gegner aufs Schlimmste beleidigt. In anderen Episoden versucht Limonows Ziehsohn, der Schriftsteller Zakhar Prilepin, die Aussagen seines Parteigenossen mit Lobeshymnen auf Limonows Literatur von dessen menschenverachtenden nationalistischen Ideen reinzuwaschen. Weniger extremistisch - dennoch mit leichtem nationalistischem Kolorit - vertritt Alexej Nawalny in den Dokumentarausschnitten seine Vorstellungen vom künftigen Russland.

Zum Informationsorgan der Regierung mutiert

Für die Unterhaltungsmomente der Dokumentationsfolgen sorgt immer wieder die wohl ungewöhnlichste Person der oppositionellen Bewegung, Ksenia Sobtschak. Neben ihren unerschrockenen und engagierten Reden gibt die schöne Blondine, die früher für ihre Partyexzesse bekannt war, gerne auch Stylingberatung vor laufender Kamera oder zwingt ihren damaligen Freund, den liberalen Politiker Ilja Jaschin, während einer Demonstration einen Lippenpflegestift zu benutzen. Die Aufnahmen von „srok.doc“ porträtieren - egal ob auf Kundgebungen oder in Kneipen - die oppositionellen Redensführer so authentisch und nah wie kein anderes Bildmaterial.

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