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Online-Spiel „Data Dealer“ : Ist etwas umsonst, sind deine Daten der Preis

Ziel des Spiels: die Auswahl unpassender Bewerber, zahlungsschwacher Neukunden oder krankheitsanfälliger Kassenwechsler Bild: datadealer.net CC-BY-SA 3.0

Seitenwechsel für Datenschleudern: Das Online-Spiel „Data Dealer“ macht unbedarfte Facebook-Nutzer zu staunenden Datenhändlern. Die Beta-Version gibt erste Einblicke.

          Schuldenstand und Einkommensverhältnisse von 5664 Personen - viel ist das nicht, aber der Mobilfunkdiscounter hat sich für die Daten interessiert: Für ihn zählt jeder Neukunde, mit dem er keinen Ärger hat, weil der nicht bezahlen kann. Und auch für mich zählt jeder Kunde. Ich bin Daten-Dealer, und ich stehe noch ziemlich am Anfang. Wir werden handelseinig, der Discounter und ich, und 120 Dollar landen auf meinem Konto.

          Ein Netz aus Kunden und Kontakten: auf der Übersichtsseite von „Data Dealer“
          Ein Netz aus Kunden und Kontakten: auf der Übersichtsseite von „Data Dealer“ : Bild: datadealer.net CC-BY-SA 3.0

          Ich investiere sie in einen Online-Psychotest, dessen Nutzerdaten samt E-Mail-, IP-Adresse und Intelligenzquotient bestimmt die großen Arbeitgeber interessiert, die ich als Kunden gewinnen möchte. Sicherheitshalber habe ich den Psychotest noch ausgebaut. Jetzt können die Nutzer auch erfahren, ob sie depressiv sind oder irgendwann werden könnten. Das wollen sie bestimmt wissen, denke ich mir. Und meine Kunden auch. 1300 Dollar hat mich diese Erweiterung gekostet. Meine Mittel schwinden. Aber noch habe ich genug Rücklagen, um mit „Schwester Elfriede“ ins Geschäft zu kommen. „Manny“ kennt sie, ein alter Freund, Privatdetektiv, der sich auf den Kontakt mit Leuten spezialisiert hat, die in Ämtern und Firmen an interessante Datenbanken kommen.

          Damit es sich auch lohnt

          Arme Elfriede! Seit zwanzig Jahren arbeitet sie in der Pflegestation des größten Krankenhauses im Land, der Lohn sinkt und die Arbeitsbelastung steigt. Wer kann ihr verdenken, dass sie sich etwas dazuverdienen will und uns die 12.000 Datensätze aus dem Krankenhauscomputer besorgt. Gewicht und Körpergröße, ganze Krankenakten samt Einträgen chronischer Krankheiten - danach leckt sich doch die PSC-Krankenversicherung die Finger. Wie soll sie auch sonst erkennen, welchen Aufnahmeantrag sie besser ablehnt? Die Sache mit Schwester Elfriede ist natürlich nicht in Ordnung. Aber schließlich bin ich nicht allein auf dem Markt. Und wenn wir ehrlich sind: Gemessen an den Großen in diesem Business, bin ich harmlos. Andererseits: Mein Risikofaktor ist mit diesem Ankauf natürlich gestiegen. Bei 26 Prozent liegt er jetzt. Muss ich aufpassen?

          Von ihr kommen sensible Daten: Schwester Elfriede handelt nebenberuflich mit Krankenakten
          Von ihr kommen sensible Daten: Schwester Elfriede handelt nebenberuflich mit Krankenakten : Bild: datadealer.net CC-BY-SA 3.0

          Zunächst einmal werde ich die neuerworbenen Daten in meine Datenbank integrieren: Allein aus dem Rücklauf der Vorteilscard-Aktion konnte ich 14.050 neue Profile anlegen und - wichtiger noch - 1295 Profile um so interessante Details wie Konsumgewohnheiten und Ernährungsverhalten ergänzen. Schon bietet die Krankenversicherung mir 370 Dollar für mein Datenpaket. Das Online-Gewinnspiel um die Zusatzfrage nach dem Haushaltseinkommen zu ergänzen ist teuer. Aber ohne Investitionen kein Ertrag! Ich baue die Partnerbörse aus, kaufe die Datensammlungen des Gerichtsvollziehers und der Frau aus dem Bildungsministerium, mit denen mich dieser unschätzbare Dr. Krasser bekannt gemacht hat, meine Ware wird immer besser, die Preise werden es auch, PCS zahlt inzwischen 550 Dollar pro Lieferung. Zeit für ein größeres Büro.

          Das Datengespinst wird immer dichter

          Doch ich habe den Risikofaktor aus dem Blick verloren. Bei 81 Prozent haben unverbesserliche Datenschützer gegen mich gehetzt. Wahrscheinlich habe ich zu wenig in Werbung investiert, wie mir irgendwann auf Stufe sieben des Online-Spiels „Data Dealer“ bedeutet wird.

          Das Herz des Unternehmens: der „Data Dealer“-Server
          Das Herz des Unternehmens: der „Data Dealer“-Server : Bild: datadealer.net CC-BY-SA 3.0

          Ivan Averintsev, Wolfie Christl, Pascale Osterwalder und Ralf Traunsteiner müssen auch solche unverbesserlichen Datenschützer sein. Das Quartett aus Wien hat „Data Dealer“ entwickelt und Anfang der Woche in einer Beta-Version unter demo.datadealer.net veröffentlicht. Noch fehlen Multiplayer-Funktionen, nach einer Unterbrechung müssen die Spieler neu anfangen, und sie werden immer mitten ins Geschehen geworfen. Aber es reicht für einen ersten Eindruck: Mit großen Augen sieht der Spieler, welche Kunden sich aus welchem Grund für bestimmte Daten interessieren, aus welchen Quellen, legalen wie illegalen, sich die Datenbank des Händlers speist, wie das Datengespinst immer dichter wird, für uns als Spieler von „Data Dealer“ immer lukrativer und für uns als Internetnutzer zugleich immer unheimlicher.

          Was keine Unterrichtsstunde vermitteln kann

          Die Kontaktleute im Spiel sind Karikaturen, die Geschäfte fiktiv, ihre Grundlagen allerdings haben die Entwickler sorgfältig recherchiert. Ihre Arbeit wird einmal leisten können, was kein Warnhinweis, kein aufklärender Artikel und keine Unterrichtsstunde vermag: Schon nach einer halben Stunde ist unsere vage Ahnung vom Nutzen und der Missbrauchsanfälligkeit unserer Daten, die wir tagtäglich im Internet oder auch in den Datenbanken von Ämtern und Institutionen hinterlassen, dieses diffuse Unbehagen, das wir alle kennen, einem Gefühl ernster Besorgnis gewichen.

          Der Wunsch nach einem digitalen Selbstschutzreflex ist wieder ein ganzes Stück größer geworden.

          Woher kommen nur all die Daten? Szene aus dem Einführungsfilm zu „Data Dealer“
          Woher kommen nur all die Daten? Szene aus dem Einführungsfilm zu „Data Dealer“ : Bild: datadealer.net CC-BY-SA 3.0

          Quelle: F.A.Z.

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