12.01.2009 · Das Internetangebot der englischen Traditionszeitung „Guardian“ kam weder besonders früh noch war es besonders ungewöhnlich. Während die Konkurrenz jedoch das Internet nach dem Platzen der Dotcom-Blase abschrieb, baute man hier das Angebot aus. Jetzt ist man der Branchen-Primus - und expandiert weiter.
Von Hannah PilarczykMan muss im Mediengeschäft lange suchen, bis man jemanden findet, der seinen Job so begeistert macht wie Janine Gibson. „In Aspik hätte ich die Website am liebsten gegossen! Sie war perfekt!“ Gibson ist Chefredakteurin von guardian.co.uk, der Internetseite der britischen Traditionszeitung „The Guardian“. Monate später kann sie sich noch ausgiebig über die Online-Berichterstattung des „Guardian“ zur amerikanischen Wahl freuen.
Am Tag der Wahl besuchten 2,2 Millionen Menschen die Website - die höchste Zugriffszahl ihrer Geschichte: „Manche Fernsehsender haben weniger Zuschauer!“ In den nächsten zwei Jahren soll sie der Seite aber zehn Millionen neue User verschaffen. „Spiegel Online“, Deutschlands erfolgreichste Nachrichtenseite, kommt monatlich auf fünf Millionen User. Aber die zehn Millionen kommen einem wohl nicht ganz so unerreichbar vor, wenn man 26 Millionen User im Monat hat und die sechstgrößte Tageszeitungswebsite der Welt ist.
„Wie im Call-Center“
Mit seinen Vogelnesthaaren und dem falsch geknöpften hellblauen Hemd, in dem Alan Rusbridger, 55, zum Interview empfängt, sieht er nicht so aus, als wäre er der modernste Chefredakteur Großbritanniens. Seit Rusbridger aber 1995 die Leitung des „Guardian“ übernommen hat, ist die Zeitung ein Experimentierfeld, auf das Journalisten aus aller Welt schauen. Rusbridger führte ein tägliches Magazin ein, ließ die Zeitung auf Berliner Format schrumpfen und ordnete die Überarbeitung der Internetseite an. Als der „Guardian“ 1999 sein Webangebot startete, war er weder besonders früh dran, noch machte er groß etwas anders. Zum Durchbruch von guardian.co.uk brauchte es zwei Katastrophen: das Platzen der Dotcom-Blase und den 11. September 2001. „Während alle anderen Medienunternehmen das Web als Einnahmequelle abschrieben“, sagt Janine Gibson über die Zeit nach dem Dotcom-Debakel, „konnten wir in Ruhe unser Internetangebot ausbauen: Der Scott Trust, die Stiftung, die den ,Guardian' trägt, hielt uns finanziell den Rücken frei.“ Nach dem 11. September 2001 entdeckten viele Amerikaner den „Guardian“ als liberale Alternative zu den amerikanischen Medien und blieben treu. Drei Jahre später hatte der „Guardian“ seine User-Zahlen mehr als verdreifacht.
Nun, in der zweiten großen Medienkrise, während andere schrumpfen, plant Rusbridger zu wachsen. Das beginnt mit dem Umzug von Redaktion und Verlag von Farringdon in die Nähe von King's Cross. Dort, in einem hypermodernen Kulturzentrum, das auch Galerien und eine Konzerthalle beherbergt, arbeitet nun eine integrierte Redaktion aus dem „Guardian“ und der Sonntagszeitung „The Observer“. „Wie ein Call-Center“, beschreiben Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand die neuen Großraumbüros. Als das Umzugskomitee, so erzählen sie, im Sommer 2007 neue Stühle und Sofas bestellte, war man sich sicher, die schickste Kollektion zu kaufen. Im Sommer 2008 mussten sie erkennen, dass das noch jemand anders gedacht hatte: im neuen „Big Brother“-Container standen dieselben cremefarbenen Sofas und Stühle.
800 Online-Mitarbeiter
Trotzdem herrscht Aufbruchsstimmung in King's Cross. „Wir haben das Glück, mit denselben Mitteln mehr machen zu wollen“, sagt Chefredakteur Rusbridger. „Viele unserer Konkurrenten wollen auch mehr machen, müssen aber gleichzeitig sparen.“ Mehr mit denselben Mitteln zu machen, das heißt für Rusbridger vor allem: schlauerer Umgang mit dem Webangebot. „Durch den Umzug wollen wir unsere Arbeitsprozesse so umorganisieren, dass zwanzig bis dreißig Prozent mehr Ressourcen in digitale Inhalte fließen.“ Bislang konnte es passieren, dass Journalisten der Printausgabe, andere von Guardian Online, wieder andere vom „Observer“ am selben Thema arbeiteten. Damit soll Schluss sein. „Im alten Gebäude in Farringdon hatten wir 800 Journalisten, von denen rund 100 für Online zuständig waren. Am King's Place haben wir nun 800 Online-Mitarbeiter“, sagt Rusbridger.
Alle sind angehalten, für sämtliche Plattformen zu arbeiten. Nur für die Nachtschichten wurden eigens neue Leute gesucht. Dass sich selbst die rechnen, liegt daran, dass der „Guardian“ auch in Asien an Usern gewinnt - wo man seinen Computer anstellt, wenn England noch schläft.
Aufwertung der Leserkommentare
„Wir haben in den letzten zwei Jahren mehrmals durchgespielt, wie es wäre, wenn alle Plattformen integriert sind“, erzählt Rusbridger. „Zu diesen Diskussionen haben wir immer gezielt Leute aus dem Printbereich eingeladen, die noch ein wenig überzeugt werden mussten.“ Hinter der sanften Gehirnwäsche steht für Rusbridger eine grundlegende Erkenntnis: „Es gibt nur eine sehr begrenzte Zahl an Geschichten, bei denen die Kraft des Textes alles andere aussticht. Die meisten Geschichten lassen sich mit Hilfe von Bildern, Videos, Audio-Inhalten oder Grafiken effektiver, eindrücklicher und schneller erzählen. Journalisten brauchen in der Regel nicht lange, um das zu kapieren.“ Wenn der Chef mit 26 Millionen Online-Usern im Vergleich zu 355.000 Print-Käufern aufwarten kann, geht es vermutlich noch schneller.
„Viele Seiten haben ihre Klickzahlen durch Bildergalerien oder Suchmaschinenoptimierung in die Höhe getrieben“, sagt Guardian.co.uk-Chefin Gibson. „Wir haben uns unsere User nicht gekauft, wir haben sie durch unsere Inhalte und unsere Communities an uns gebunden.“ Die Einbindung der User ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu deutschen Zeitungsangeboten im Web. Kommentare werden beim „Guardian“ direkt unter dem Artikel und in voller Länge angezeigt. Sie gelten als Ergänzung des Textes, nicht als lästiger Anhang. 300 Kommentare unter einem Leitartikel zu Labours Finanzpolitik oder 600 Postings in der Rubrik „Readers recommend“ (Leser empfehlen) sind keine Seltenheit.
Vorbereitet auf Online-Gewinne
„Bei uns laufen die sehr ernsten und die sehr leichten Sachen am besten. Alles, was dazwischen ist, kannst du vergessen“, sagt Gibson. Auf dieser Erkenntnis basiert wohl auch der Themenspagat, den guardian.co.uk täglich versucht: Boulevard-Kolumne und philosophischer Essay werden gleich groß gefahren. Sollte der „Guardian“ einmal sparen müssen, würde er beim Sport anfangen. „Rein kommerzielle Medien würden als Erstes bei den Nachrichten ansetzen, denn die sind teuer und nicht mit Anzeigen verbunden“, sagt Rusbridger. „Aber wenn ich mir anschaue, dass alle amerikanischen Zeitungen zusammen nur noch rund hundert Korrespondenten in der ganzen Welt haben, ist ziemlich eindeutig, dass unsere Zukunft in internationalen Nachrichten liegt.“
Eigentlich sollte die Website innerhalb der nächsten zwei Jahre auch die Zeitung tragen können. Angesichts der Einbrüche bei den Werbeeinnahmen gilt das intern mittlerweile als ausgeschlossen: noch erwirtschaftet die Printausgabe 85 Prozent der Gewinne. Macht es Rusbridger nicht doch etwas nervös, noch mehr Ressourcen ins Web zu verlagern? „Wenn ich 400 Journalisten hätte, die nichts mit Online zu tun haben wollen, und dazu eine Sonntagszeitung, die sich nicht einbinden lassen will - dann würde ich mir Sorgen machen. Aber so? Nein.“ Vor fünf Jahren spekulierte er erstmalig darüber, dass es in 20 bis 25 Jahren keine gedruckten Zeitungen mehr geben könnte. Heute hält Rusbridger das für wahrscheinlicher denn je. „Keiner kann sagen, wann jemand die digitale Plattform erfindet, die die Zeitung ersetzen wird. Das iPhone ist es noch nicht und auch nicht der Kindle von Amazon. Aber so unsicher die Zukunft auch ist: Ich glaube, wir sind vorbereitet.“