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Online-Journalismus Es ist etwas weniger komfortabel

05.06.2009 ·  Zeitung und Internet, das ist in Frankreich kein Gegensatz. Das zeigen die Macher der beiden Internetzeitungen „Mediapart.fr“ und „Rue89“. Sie sind investigativ - und sie wollen Geld verdienen. Ein Redaktionsbesuch.

Von Lena Bopp
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Es sind geschäftige Tage für Edwy Plenel. Der Chefredakteur der französischen Internetzeitung „Mediapart.fr” musste vor ein paar Tagen vor Gericht erscheinen. Denn der neue Vorsitzende der Sparkassen Frankreichs, François Pérol, hat Plenel und seine Redaktion verklagt. „Médiapart“ hatte berichtet, Pérol sei von seinem alten Weggefährten Nicolas Sarkozy widerrechtlich auf seinen neuen Posten gehievt worden. Pérol klagte also wegen Diffamierung. Und weil es gerade so gut passt, hat Plenel mit einem sehr feinen Gespür für gelungenes Timing in diesen Tagen noch ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Combat pour une presse libre“ (Kampf für eine freie Presse).

Wohl deswegen herrscht in den Redaktionsräumen von „Mediapart“ zurzeit diese eigentümliche Atmosphäre angespannter Stille. In dem Großraumbüro im ersten Stock eines Hauses im 12. Arrondissement von Paris, in dem lauter kleine Start-up-Unternehmen ihr Quartier bezogen haben, ist es ruhig – und weiß. Weiße Tische, weiße Regale, in denen die Rückwände fehlen, weiße Apple-Computer. Es sieht alles so ordentlich und reduziert aus, dass der Eindruck entstehen könnte, hier sei noch gar nicht richtig gearbeitet worden. Aber der Schein trügt. Denn Plenel, der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung „Le Monde“, ist mit seinem Internetprojekt „Mediapart“ gelandet, wo er hin- wollte: im Herzen politischer Affären.

Unabhängigkeit in Überlebenszeiten

Mit dem Anspruch, den Politikern Frankreichs auf die Finger zu schauen, solide Recherche zu betreiben und notfalls unbequem zu sein, ist der 56 Jahre alte Plenel vor gut einem Jahr mit „Mediapart“ online gegangen. Er hat sich eine Redaktion aus 25 erfahrenen Journalisten zusammengesucht, von denen einige ihre mehr oder weniger sicheren Arbeitsplätze bei Zeitungen wie „Le Monde“, „Le Parisien“, „Marianne“ oder „Libération“ aufgegeben haben. Sie wollten etwas Neues wagen: eine unabhängige Zeitung allein im Internet, die sich nicht durch Werbung, sondern mittels der Abonnements ihrer Leser finanziert. „Wir glauben“, sagt der Directeur éditorial François Bonnet, „dass die Zeit gekommen ist, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie Informationen kaufen müssen.“ Nur durch den Kauf garantiere der Leser die Unabhängigkeit der Zeitung, Werbung hingegen könne unabhängige Informationen nicht finanzieren.

Wie nicht anders zu erwarten war, gab es nur wenige in Frankreich, die dem Unternehmen eine lange Überlebenszeit vorhergesagt haben. Selbst die Kollegen von „Rue89“ hätten schnell abgewinkt, erzählt Bonnet. „Rue89“ ist eine Internetzeitung, die vor rund zwei Jahren an den Start gegangen ist und mittlerweile neben „Mediapart“ als eine der ersten Adressen für anspruchsvollen Journalismus gilt. Die Gründer von „Rue89“, zu denen die einstigen „Libération“-Journalisten Pierre Haski und Pascal Riché gehören, mochten aber auf Werbeeinnahmen nicht verzichten. Die redaktionellen Angebote auf ihrer Seite sind dafür kostenlos.

Tradition der Meinungsjournalisten

Allerdings scheint auch die Bezahl-Variante von „Mediapart“ zu funktionieren. Zwar rennen die Franzosen der Redaktion in der Passage Brulon nicht die Türen ein, aber die Zahl der Abonnenten steigt beständig. Fünfzigtausend brauche „Mediapart“, um rentabel zu sein, 13 000 seien es bisher, sagt Bonnet. In jedem Monat kämen zwischen fünfhundert und tausend neue hinzu. Sie bezahlen zwischen fünf und neun Euro im Monat und erhalten dafür den Zugang zu einer täglich digital erscheinenden Zeitung mit einem klaren Aufmacher („la Une“) sowie Reportagen und Hintergrundartikeln zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. „Es ist weniger komfortabel hier als in unseren früheren Redaktionen“, sagt einer der Redakteure. Dennoch bereut er es nicht, seinen alten Arbeitsplatz verlassen zu haben. „Hier kann ich so arbeiten, wie ich es möchte. Journalisten sind dafür da, den Verantwortlichen in dieser Gesellschaft auf die Nerven zu gehen.“

Und dass an dieser Berufsauffassung in den französischen Medien ein genereller Mangel herrscht, darüber sind sich die Macher von „Mediapart“ und „Rue89“ einig. Die Krise des Journalismus in Frankreich sei nicht nur eine finanzielle, sagt Bonnet. Sie sei auch eine „Krise des Besitzes und des redaktionellen Angebots“. Mehrere der auflagenstarken Zeitungen und Magazine sind in den Händen von Unternehmen, die hauptsächlich andere Geschäfte betreiben: „Figaro“ gehört dem Rüstungskonzern Dassault, „Paris-Match“ dem Luft- und Raumfahrtunternehmen Lagardère, „Les Echos“ dem Luxusgüterkonzern LVMH. Dies allein, so Bonnet, könne schon erklären, warum den Franzosen das Vertrauen in die traditionellen Medien abhandenkomme. Hinzu komme ein Selbstverständnis der Redaktionen, das dem Ansehen der Presse schade: „Es gibt in Frankreich eine Redaktionskultur, die den Kommentar und die Kritik höher bewertet als die investigative Recherche.“ Deswegen, so Bonnet, gehörten zu den zehn bekanntesten Journalisten Frankreichs hauptsächlich Kritiker. Wohingegen es in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien vor allem Reporter zu einer gewissen Berühmtheit brächten.

Vom Küchentisch

Auch der Redaktion von „Rue89” geht es in erster Linie darum, zu recherchieren und zu informieren – und zwar möglichst in Zusammenarbeit mit den Lesern. Morgens um halb zehn kommen die acht Redakteure zur Konferenz zusammen, deren Inhalt live per Chat an die „Internauten“ – so nennt man die Internetnutzer in Frankreich – weitergegeben wird. Das Intérieur der Redaktionsräume nahe der Place de la Nation im Südosten von Paris ähnelt dem von „Mediapart“: ein Bürogebäude aus Backstein, das bewohnt ist von jungen, kleinen Firmen. Darin hat „Rue89“ ein langgezogenes Großraumbüro gemietet und wie die Kollegen mit Ikea-Möbeln bestückt – hier in Schwarz.

Wenn man bedenkt, dass „Rue89“ ein echtes Küchentischprojekt ist, dann haben es die zwanzig Mitarbeiter hier schon weit gebracht. Begonnen hat die Geschichte des Infoportals tatsächlich in der privaten Küche von Pierre Haski. Gemeinsam mit drei Kollegen und 20 000 Euro Startkapital hat er die Seite aufgebaut, die mittlerweile zu den zwanzig am meisten frequentierten Nachrichtenportalen des französischen Internets gehört. Die Zahl der Seitenaufrufe pro Tag übersteigt die 500 000, allerdings kann „Rue89“ von den Werbeeinnahmen allein nicht leben. Schon gar nicht, nachdem diese infolge der Finanzkrise auch in Frankreich rapide gesunken sind. Die Redaktion finanziert sich zusätzlich, indem sie Internetauftritte für andere Unternehmen anlegt und Journalismuskurse anbietet. Man suche noch nach einem Modell „ausgewogener Finanzierung“, sagt Chefredakteur Pascal Riché.

Den Internauten fragen

Im Gegensatz zu „Mediapart“ versteht sich „Rue89“ weniger als eine klassische Zeitung. Riché, ehemaliger Washington-Korrespondent von „Libération“, möchte die Partizipationsmöglichkeiten des Internets genutzt wissen. Wenn bei „Rue89“ ein Artikel etwa zu einer Ausstellung in Berlin erscheinen solle, dann würden zunächst die Leser befragt: Hat jemand die Ausstellung gesehen? Wie hat sie euch gefallen? Danach erscheine der Beitrag der Redaktion, der im Idealfall zu weiteren Debatten führen kann, erläutert Riché das Konzept. Dass sich das Ideal dabei zuweilen von der Wirklichkeit unterscheidet, kann man bei dem morgendlichen Konferenz-Chat ganz gut beobachten. Denn die rund zehn Internauten, die sich an der Diskussion beteiligen, reden untereinander auch gerne mal über das Wetter, anstatt sich zur Europawahl zu äußern, über die die Redaktion gerade diskutiert.

Dennoch ist man bei „Rue89“ von der Zukunftsfähigkeit der Internetzeitungen überzeugt – genauso wie bei „Mediapart“. Die Zeitungen „Le Monde“ und „Libération“ befänden sich ohnehin in einer „Dauerkrise“, sagt Franois Bonnet. „Die Medienlandschaft verändert sich – nicht nur in Frankreich. Für uns sind das ermutigende Zeichen.“

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