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Olli Schulz und Jan Böhmermann : Es kann sie nur beide geben

  • -Aktualisiert am

Weder sanft noch sorgfältig: „Schulz und Böhmermann“ Bild: ZDF

Ein Musiker und ein Satiriker: Olli Schulz und Jan Böhmermann bekommen eine Talkshow im ZDF. Deren Konzept dürfte Charlotte Roche und treuen Zuschauern bekannt vorkommen.

          Als am Donnerstag die neue Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ auf ZDFneo laufen sollte, kam - die letzte, drei Monate alte Folge. Erst nach einigen Minuten war der Fehler behoben und ging die neue Folge mit Olli Schulz als Studiogast auf Sendung. So charmant stolpern die Öffentlich-Rechtlichen in ihren Nischensendern also aus dem Urlaub zurück in den Alltag. Leider war die Sendung eine der schlechtesten, die die Produktionsfirma „Bild- und Tonfabrik“ seit langem abgeliefert hat. Zum Glück gab es einen musikalischen Opener, in dem sich Böhmermann, Metal-Operetten schmetternd, Til Schweiger und Dieter Nuhr vorknöpfte, die sich in den letzten Wochen waghalsig in diverse Shitstorms manövrierten, indem die „besoffen bei Facebook“ gewesen seien. Und dann kam noch ein Clou.

          Für den sorgte der Studiogast und Musiker Olli Schulz: Von Januar 2016 an gehen die beiden Moderatoren bei ZDFneo gemeinsam auf Sendung. Das Einspielervideo und die Idee zu ihrer neuen Talkshow „Schulz und Böhmermann“ dürften den treuen Zuschauern bekannt vorkommen. „Roche und Böhmermann“ hieß die Vorgängersendung, zu der Jan Böhmermann mit der Autorin Charlotte Roche wöchentlich möglichst wahllos Promis einlud, um bei Zigaretten und Whiskey über Gott, die Welt und den nostalgisch schönen Siebzigerjahre-Look ihres Studios zu sprechen. Die Sendung wurde 2012 mit dem Preis „Journalist des Jahres“ ausgezeichnet, allerdings wegen persönlicher Differenzen der beiden Moderatoren entgegen der Ankündigung schon nach zwei Staffeln wieder abgesetzt.

          Ironischer Humor und raffinierte Fakes

          Mit Olli Schulz versteht sich Jan Böhmermann offenbar besser. So gut sogar, dass er ihm am Donnerstag öffentlich versprach, Schulz auch nicht „aus der Sendung rauszuschmeißen und den Kontakt abzuschneiden“, wenn diese erfolgreich werden sollte. Nach diesem boshaft-eleganten Nachtreten in Richtung Charlotte Roche zog der Sänger Schulz zum Ausgleich seine eigene TV-Karriere als Junge für alles im „Circus Halligalli„ und in seiner Sendung „Schulz in the Box“ ins Lächerliche.

          Schon seit 2012 sind Böhmermann und Schulz jeden Sonntagnachmittag mit ihrem zweistündigen Plauderpodcast „Sanft und Sorgfältig“ auf Radio Eins in Berlin zu hören. Obwohl Olli Schulz, dessen Album „Feelings aus der Asche“ im Januar erschien, ankündigte, sich fortan verstärkt auf seine Musikkarriere zu konzentrieren, will das eingespielte Team seinen Erfolg nun in ein Fernsehformat mit jeweils vier Gästen übersetzen.

          Jan Böhmermann, der vor sechs Jahren als Sidekick von Harald Schmidt seine ersten Fernsehauftritte bekam, blieb dem ZDFneo-Publikum nach dem Ende der Talkshow mit Charlotte Roche als Comedian erhalten. Er liefert im „Neo Magazin Royale“, das seit Februar dieses Jahres auch im ZDF-Hauptprogramm ausgestrahlt wird, wöchentlich Pointen für das internetaffine Publikum. Der Showmaster kämpft zwar mit schwankenden Leistungen und immer wieder werden wahlweise sein Assistent William Cohn und das schicke neue Studio inklusive dem außergewöhnlichen, hexametrischen Triceratops-Design zu den eigentlichen Stars der Sendung erklärt. Gleichwohl zeigt Böhmermann als Satiriker Stärken, etwa als er mit seiner Varoufake-Inszenierung dem Politinformationszirkus des Fernsehens den Spiegel vorhielt.

          Ab sofort ist Olli Schulz der Mann an Böhmermanns Seite.

          Natürlich klaut auch Böhmermann die meisten seiner guten Ideen bei amerikanischen Shows. Die Rubrik „Prism is a Dancer“ etwa, in der das Studiopublikum online ausspioniert und aufgrund seiner Aktivitäten in sozialen Netzwerken bloßgestellt wird, hat Ellen DeGeneres erfunden. Auch die großartige „History of German Rap“, die der Anchorman „Böhmi“ im Juni mit seinem Studiomusiker Dendemann, dieser ist ein Glücksfall für die Sendung, abfeuerte, war mehr als eine Verneigung vor Jimmy Fallons „History of Rap“ in dessen NBC-Sendung „Tonight Show“.

          Der legitime Nachfolger

          Dies tut dem Erfolg des „dünnen, blassen Jungen“, wie Böhmermann sich selbst oft nennt, allerdings keinen Abbruch: „Alles, was wir jetzt aufgebaut haben, ist nicht dafür gedacht, nur einmal die Woche 30 Minuten zu machen“, sagte Jan Böhmermann dem Onlinedienst „dwdl“ zu seinem Magazin. Bevor er allerdings noch mehr Sendeplatz dafür bekommt, wird er sich um die Talkshow mit seinem Freund Olli kümmern müssen. Die soll nämlich doch ein wenig anders werden, als ihr Vorgänger einst war. Zumindest optisch: „Die beiden Gastgeber sind nicht vermittelnd, sondern Partei ergreifend, polemisierend, gerne provozierend, dabei jedoch meist charmant und freundlich", lautet die Stellungnahme des Senders zu der neuen Show, die sich wörtlich mit der Ankündigung zu „Roche und Böhmermann“ aus dem Jahr 2012 deckt. Für das ZDF ist „Schulz und Böhmermann“ jedenfalls der „legitime Nachfolger“ des Siebzigerjahre-Talks mit Charlotte Roche. Und auch für ihre immer größer werdende Fangemeinde auf Twitter ist es längst überfällig, dass Schulz und Böhmermann gemeinsam Fernsehen machen.

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          Charlotte Roche hingegen dürfte vom Fernsehen genug haben. Zu den ständigen Sticheleien, die Schulz und Böhmermann auch am Donnerstag wieder auspackten, hat sie sich nie geäußert. Stattdessen konzentriert sie sich auf ihren dritten Roman, der dieses Jahr fertig werden soll. Vielleicht ist sie die einzige, die sich freuen würde, wenn sich all das als einer der ausgefuchsten Böhmermann-Fakes herausstellt, auf die auch schon Stefan Raab und Günther Jauch hereingefallen sind.

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