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Den Stecker gezogen  : Experiment offline

Holzhacken ist so herrlich archaisch. Aber Ladekabel sind schon auch eine gute Sache. Bild: Picture-Alliance

Der Vorsatz für 2016 lautet: Öfter mal den Stecker ziehen und offline gehen. Aber was heißt das eigentlich – offline? Ist ein Leben ohne Netzanschluss möglich? Und ist es sinnvoll? Wir sind uns da leider nicht ganz so sicher. Aber wir probieren es.

          Wer viel unterwegs ist, aber dazu neigt, das Ladekabel fürs Smartphone wahlweise daheim zu vergessen, irgendwo liegenzulassen oder gleich ganz zu ruinieren - und das mit einem Gerät am Start, dessen Akku seine besten Tage längst gesehen hat - der weiß, wie schnell es mit dem Offline-Gehen geht: Kaum sind auf dem Weg von hier nach dort die ersten Kilometer abgespult, warnt die Batterieanzeige schon, dass bald Schluss sein wird mit der digitalen Mobilität. Und so ist es. Mag der Zug mit Hochgeschwindigkeit dahinrauschen, auf dem Display gehen die Lichter aus. Aus dem Hochleistungsmedium für die Jackentasche wird ein stumpfes schwarzes Ding, das allenfalls noch als Briefbeschwerer taugt. Kein Strom, schon wird für einen alles unerreichbar, was im Netz hängt. Kein Wunder, dass derjenige ein Riesengeschäft machen würde, der die erste richtig smarte Ladelösung für Smartphones auf den Markt brächte. Mobiltelefone zum wiederfit-Schütteln vielleicht. Oder mit Kurbel.

          Bis dahin ist erst einmal Stille angesagt, wenn der Stecker gezogen bleibt. Niemand kann mehr aus der Ferne durch den kleinen Kasten nach uns greifen, man ist weg, von der Leine, frei und unabhängig. Die liebste Übersprungshandlung von Menschen weltweit - Handy raus und draufgestarrt, sobald es zwei Sekunden mit irgendetwas nicht weitergeht - , funktioniert nicht mehr. Was per se schon ein schöner Nonkonformismus ist und besser für den Nacken sowieso. Ohne Strom und Netz landet der Mensch eben ganz bei sich selbst und den eigenen Möglichkeiten, im Hier und Jetzt.

          Man kann zum Beispiel aus dem Fenster schauen und seinen eigenen Gedanken nachhängen, während um einen herum alle surfen, chatten, instagrammen, Newsfeeds verfolgen, skypen, telefonieren, simsen, Videos konsumieren, Musik hören oder auf ihren E-Reader schauen. Man könnte auch etwas Analoges lesen. Ein Buch etwa. Oder ein Magazin aus Papier, das braucht auch keine Elektrizität beim Durchblättern. Wer für eine Schmökerrunde richtig gegen den digitalen Mahlstrom reisen will, greift am besten zu „Quicumque“. So heißt die „Zeitschrift für autarkes Leben“, die von dem kleinen Familienverlag Schäfer & Schäfer seit vergangenem Jahr herausgebracht wird und Ernst macht mit der Lifestyle-Sehnsucht nach mehr Unabhängigkeit von der Technisierung und Dauervernetzung, die bei „Landlust“ und in dem Geschäft, das die guten alten Dinge feilbietet, eher dekorativ befriedigt wird.

          „Jeder, der“, heißt der lateinische Titel ins Deutsche übersetzt. Es geht um Anleitungen für alle, die den Abhängigkeiten in der modernen Welt zumindest eine kleine Strecke weit entfliehen wollen - so heißt es im Editorial. Das Magazin wolle aber keiner Zivilisations- und Fortschrittsfeindlichkeit huldigen, auch keiner Spinnereien, sondern schlicht möglich machen, was geht: Selbstversorger werden. Beim Durchblättern des Hochglanzheftes mit den großzügigen Layouts, die so gar nichts Selbstgebackenes an sich haben, wird rasch klar, was Selbstversorgung bedeutet. Nämlich jede Menge Arbeit, bei der man keine Angst davor haben darf, sich die Hände schmutzig zu machen.

          In der ersten Ausgabe ging es um Unabhängigkeit von der öffentlichen Stromversorgung, mit einer detaillierten Anleitung zum Aufbau der eigenen Photovoltaik-Anlage, Pläne zum Bau eines eigenen Backhauses, das die Abhängigkeit vom Bäcker beendet, und Hühnerhaltung (inklusive Nahaufnahmen von der Hausschlachtung) und ums Holzschlagen und -lagern. Das ist alles herrlich unromantisch, ohne Weichzeichner und Nostalgie aufbereitet, grundsolide, praktisch und handhabbar. Oder aber eine wunderbare Vorlage für alle, die nach der Lektüre spontan ein Hoch auf die Arbeitsteilung und unsere elektrische Dependenz singen wollen. So nüchtern, wie „Quicumque“ auf den Hühnerdreck schaut, sollte auch unser Blick auf das Online- und Offline-Leben werden. Es ist ja ganz schön, abgemeldet zu sein, wenn einem danach ist. Aber es ist auch verdammt unpraktisch. Und ein Ladekabel ist eine super Sache. Ursula Scheer

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