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Öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm : Das Fiktionale muss auf Platz eins stehen

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Tony braucht Beistand. Das deutsche Rundfunksystem leistet sich einfach keine Qualitätsserien wie „Die Sopranos“ Bild: WARNER BROS. ENTERTAINMENT

Seit dem 1. Juli ist die Intendantenriege der Öffentlich-Rechtlichen mit Tom Buhrow um einen gelernten Journalisten reicher. Eine Berufsgruppe sucht man an der Senderspitze vergebens: Fachleute für Kultur und Fiktion.

          Ende Mai hat der WDR-Rundfunkrat Tom Buhrow für fünf Jahre zum Intendanten gewählt, am 1. Juli hat er seinen Job angetreten. Dazwischen hat die Writers Guild of America „Die Sopranos“ zur besten Serie aller Zeiten erkoren.

          So weit, so gut. Aber was hat das eine mit dem andern zu tun? Die Zahl der Kandidaten, einmal drei und einmal hundertelf, wird es nicht sein. Und eine unmittelbare Verbindung zwischen Tony Soprano, den der kürzlich verstorbene grandiose James Gandolfini spielte, und Tom Buhrow gibt es nicht: ein unmäßiger Mafiaboss und ein Moderator. Dafür gibt es einen Zusammenhang.

          Das System leistet sich keine guten Serien

          Wer sich für unsere Fernsehbranche interessiert und amerikanische Serien wie „Die Sopranos“ oder „Homeland“, „Breaking Bad“ oder „The Wire“ schätzt, stellt sich schnell die Frage, weshalb es solche Serien in Deutschland, von rühmlichen Ansätzen wie „Weissensee“ abgesehen, nicht gibt - im ganz sicher reichsten und, wie gerne gesagt wird, im besten Fernsehen der Welt. Dafür werden dann viele Gründe ins Feld geführt. Einer ist darunter, der nie bis zuletzt durchgespielt wird.

          Wenn man sich Serien wie „Mad Men“ in Deutschland produziert nicht vorstellen kann, dann gibt es sie zunächst deshalb nicht, weil es die Bücher nicht gibt. Die aber gibt es vor allem deshalb nicht, weil die Drehbuchautoren (und die Produzenten) sich den zeitlichen Vorlauf, der nötig wäre, nicht leisten können. Und warum? Das können sie deshalb nicht, weil das System, das sich diese Serien finanziell locker leisten könnte - schließlich ist es das reichste der Welt -, weil das System sie sich nicht leistet. Nicht einmal: sich nicht leisten will. Sondern viel einfacher: sich nicht leistet. Weil es keinen gibt, der sich der Sache derart annimmt, dass sie etwas werden könnte. Und warum gibt es niemanden von der Art und Statur?

          Verwaltungsexperten stellen Spitzenpersonal

          An dieser Stelle kommt Tom Buhrow ins Spiel. Mit ihm besetzt, was im WDR Tradition hat, wieder ein Experte für aktuellen Journalismus das Amt des Intendanten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es waren und sind Journalisten - von Hans Bausch und Helmut Hammerschmidt über Franz Barsig bis zu Dagmar Reim und Thomas Bellut -, die dem deutschen Rundfunk ein Gesicht geben. Dass das Wirken der Journalismus-Intendanten sich primär den Programmfarben zugewandt hat, von denen sie viel verstanden, ist nicht zu kritisieren. Nicht einmal, dass sie keine Fachleute fürs Fiktionale sind, begründet einen Vorwurf. Es erzeugt nur Fragen.

          Fragen an die Farbenlehre, nach der das Spitzenpersonal des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (aus-)gewählt wird - wenn auch zur Abwechslung einmal nicht der parteipolitischen. Denn die Intendanten, die keinen journalistischen Hintergrund haben, sind nun eben nicht - obwohl Rundfunk doch immer wieder als „Kulturgut“ bezeichnet wird, das nicht nur aus aktuellem Journalismus besteht, sondern auch aus Unterhaltung und vor allem aus fiktionalen Programmen -, es sind nicht die großen Kulturmanager (wie etwa die Intendanten von Theatern oder Orchestern wie Martin Hoffmann oder Ilona Schmiel), die man sich aussucht; und wenn schon solche aus der Politik, dann keine Kulturdezernenten. Es sind Verwaltungsexperten, die entweder direkt aus der Verwaltung der Häuser aufgestiegen sind oder als Justitiare Karriere gemacht haben.

          Leidenschaftslose Profis

          Das bedeutet natürlich nicht, dass sie für das Kulturelle, das Unterhaltsame, das Fiktionale nichts übrighätten, dass sie nicht eine Leidenschaft für Kino oder Konzerte haben könnten. Doch die professionelle Beschäftigung mit Kultur (im weiteren Sinne von Rundfunk minus Journalismus) ist leider nicht dasselbe wie persönliche Neigungen oder gar Leidenschaften. Heisenberg hat gerne Geige gespielt, und Einstein ebenfalls. Aber Profis waren sie als Physiker.

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