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Veröffentlicht: 31.07.2015, 16:27 Uhr

Beteiligungsstrukturen des ZDF Man könnte es für Kabarett halten

Wer gehört zu wem, und was bedeutet das? Der Medienökonom Harald Rau versucht, das Geflecht zwischen Fernsehsendern und Produktionsfirmen zu durchschauen: Auch bei den Öffentlich-Rechtlichen ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

von Jörg Seewald

Seit vor drei Wochen Ermittler des Bundeskartellamts mehrere große Produktionsfirmen durchsuchten, darunter die Bavaria Studios in München und das Studio in Berlin-Adlershof, ist die Branche in Aufruhr. Denn es besteht der „Verdacht kartellrechtswidriger Preis- und Angebotsabsprachen bei der Vergabe durch Fernsehsender und Produktionsfirmen“, wie es Kartellamtssprecher Kay Weidner gegenüber dieser Zeitung formulierte.

Auf den Verdacht deutet einiges hin, etwa das Material, das von der Allianz Unabhängiger Filmdienstleister und vom Verband Deutscher Filmproduzenten gesammelt wurde. Es dokumentiert vor allem eine Verflechtung der öffentlich-rechtlichen Sender mit ihren Tochterfirmen, die mehr als die Hälfte der Fernsehfilme unter sich ausmachen. Dass diese mit Gebührengeldern quersubventionierten Filmdienstleister mit ihren Preisen unabhängige Dienstleister in eine prekäre Lage bringen, ist ein Nebeneffekt der Verquickung öffentlich-rechtlicher Sender mit der Produktion von Filmen und Shows.

Beteiligung unzähliger Tochterfirmen wird versteckt

Nun meldet sich ein Medienökonom zum Thema zu Wort. Harald Rau ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften an deren Standort Salzgitter. Gemeinsam mit Chris Hennecke untersuchte er die Verflechtungsstrukturen der Sender RTL, ZDF (siehe unsere Grafik), NDR, SWR und WDR. Das Ergebnis fasst er in der Fachpublikation „Medienwirtschaft“ in der Überschrift in zwei Schlagworte: „Transparenz? Fehlanzeige!“

Infografik / Beteiligungsstrukturen des ZDF / Enterprises © F.A.Z. Bilderstrecke 

Dass RTL und die Bertelsmann-Gruppe einen „noch höheren Grad an Intransparenz aufweisen als die öffentlich-rechtlichen Sender“, sei hier am Rande erwähnt. Denn RTL finanziert sich nicht aus öffentlichen Geldern. Trotzdem bleibt es erwähnenswert, dass die einzige graphische Darstellung zur Organisation der Senderfamilie „fehlerhaft“ (Rau) sei. Brisanter ist die Verflechtung der öffentlich-rechtlichen Sender, die ihre Beteiligung an unzähligen dienstleistenden Tochterfirmen mehr oder weniger auffällig verstecken. „Brancheninsidern sind diese Erkenntnisse vertraut“, sagte ein Gutachter der Kommission zur Konzentrationskontrolle Kek, als er Raus Diagramme sah. Gleichwohl ist zum Beispiel erwähnenswert, dass der WDR über seine hundertprozentige Tochter WDR mediagroup GmbH zu 33,3 Prozent an der Bavaria Film GmbH beteiligt ist, und die ist wiederum – um nur ein Beispiel von sechzehn herauszuheben – zu 51 Prozent an der Saxonia Media Filmproduktionsgesellschaft mbh und zu 49 Prozent an der Saxonia Entertainment GmbH beteiligt. Die übrigen Prozente – und das geht jetzt über die Ostfalia-Untersuchung hinaus – liegen in den Händen der Drefa, die in den neunziger Jahren durch Auslagerung technischer Betriebsteile des MDR und durch Neugründungen von Film- und Produktionsfirmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entstand. Die Drefa Media Holding GmbH ist eine hundertprozentige Tochter des MDR.

Jeder öffentlichen Kontrolle entzogen

„Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man es für Kabarett halten“, sagt der Medienökonom Rau über diese Verflechtungen. Viele von ihnen seien dabei historisch zu begründen. WDR und NDR hätten sich nach dem Zusammenbruch der DDR durchaus auch segensreich an der Übernahme alter Strukturen im Osten beteiligt und neue geschaffen. Aber beispielsweise die Konstruktion, über die der NDR beziehungsweise seine hundertprozentige Tochter NDR media GmbH als Holding zu hundert Prozent an Studio Hamburg beteiligt ist, das seinerseits zu 51 Prozent an doclights beteiligt sei, diese wiederum zu hundert Prozent an der

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Riverside Entertainment GmbH und zu 25 Prozent an Gruppe 5 Filmproduktionen – die beiden Letzteren wiederum auf der anderen Seite von der hundertprozentigen ZDF-Tochter ZDF Enterprises gehalten würden –, das sei dann eindeutig ein „closed job“: Inzucht und jeder öffentlichen Kontrolle entzogen.

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„Für den einfachen Fernsehzuschauer ist längst nicht mehr zu durchschauen, wer da gerade was warum für ihn produziert“, sagt Rau. Schließlich sei auch nicht einzusehen, wieso sich ein öffentlich-rechtlicher Sender mit der Produktionsfirma eines Protagonisten so eng verbinde wie sonst nur noch Stefan Raab mit Pro Sieben auf der privatwirtschaftlichen Seite: Der NDR ist über die hundertprozentige Tochter Studio Hamburg zu fünfzig Prozent an der Beckground TV & Filmproduktion des Journalisten Reinhold Beckmann beteiligt. „Wo ist da, bitte schön, noch der Unterschied zum Privatsender?“, fragt Rau. Das fragen wir uns auch.

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