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Aktualisiert: 01.10.2014, 12:41 Uhr

Odenwaldschule Ein Spielfilm über den Missbrauchsskandal?

Missbrauch durch gefeierte Reformpädagogen: Mindestens 132 Schüler sind in den siebziger und achtziger Jahren an der Odenwaldschule Opfer sexueller Gewalt geworden. Ist es zulässig, dazu einen Spielfilm zu machen?

von Hans-Hinrich Koch
© WDR/Katrin Denkewitz Der Schein trügt: Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) ist die Perversion des aufgeklärten Pädagogen.

Als ich Ende 2010 erstmals darüber nachdachte, die Fälle sexuellen Missbrauchs in Bildungseinrichtungen zum Thema eines Spielfilms zu machen, waren das Canisius-Kolleg, das Kloster Ettal und die Odenwaldschule schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Thema schien abgehandelt zu sein. Doch so umfangreich die Berichterstattung insbesondere zum Fall der Odenwaldschule gewesen war, ich konnte mir trotz der vielen bekanntgewordenen Fakten nach wie vor nicht erklären, wie es Lehrern möglich war, mindestens 132 Schüler über einen so langen Zeitraum völlig unbehelligt zu missbrauchen.

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Gerold Becker, den gefeierten Reformpädagogen, sah ich das erste Mal in alten Filmaufnahmen, in denen er mit einer Glocke gutgelaunt die tägliche Teekonferenz an der Odenwaldschule eröffnet. Ich fragte mich abermals: Wie konnte sich dieser pädosexuelle Serientäter unter den Augen all seiner Kollegen über Jahrzehnte so sicher fühlen? Und wieso haben sich die vielen Opfer, meistens Jungs im Alter zwischen elf und fünfzehn, nicht gegen diesen Mann und seine Mittäter wehren können? War die Odenwaldschule als reformpädagogische Vorzeigeeinrichtung nicht bekannt dafür, dass sie ihre Schüler zu Selbstbewusstsein gegenüber Autoritäten erzog?

Erst später lernte ich, dass es diese oft unausgesprochene und von Unverständnis geprägte Frage ist, unter der die Betroffenen besonders leiden. Schwingt doch irgendwie der fürchterlich unberechtigte Verdacht mit, dass sie sich nicht wehrhaft genug gezeigt hatten. Filme mit gesellschaftlich relevanten Themen starten oft mit einer Frage, die man sich nicht erklären kann, sagte einmal der amerikanische Drehbuchautor Aaron Sorkin. Bei mir erfolgte der Startschuss eher mit der Ahnung einer Antwort. Denn im Januar 2011 bekam ich zufällig Arbeitsproben des mir damals unbekannten Regisseurs Christoph Röhl auf den Tisch. Darunter den Rohschnitt seines hervorragenden, damals noch unveröffentlichten Dokumentarfilms „Wir sind nicht die Einzigen“.

Neunzig Minuten Aufmerksamkeit

In diesem Film lässt Christoph Röhl missbrauchsbetroffene Exschüler der Odenwaldschule zu Wort kommen. Der Film ließ mich Mechanismen von Missbrauch in geschlossenen Systemen nicht nur nachvollziehen, sondern auch nachfühlen. In den schmerzhaft konkreten Schilderungen wurde erkennbar, dass sie nicht allein Opfer pädosexueller Verbrecher wurden, sondern eines ausweglosen Missbrauchssystems – bestehend aus einem Zusammenspiel von Täterstrategien, Mechanismen des Leugnens durch das Umfeld und den ausgenutzten Ängsten der Betroffenen. Ich begann zu ahnen, warum Opfer sich nicht wehren und Täter sich sicher fühlen konnten.

Emotional zu involvieren ist die Stärke von Spielfilmen. Insofern schien mir ein fiktionaler Film eine wichtige Ergänzung zu den dokumentarischen Beiträgen. Ein Spielfilm kann verdichten und von Einzelbiographien abstrahieren, um die universellen Aspekte eines Themas herauszuarbeiten. Zum anderen kann ein Spielfilm den Zuschauer in Figurenperspektiven führen und ihn Situationen, Atmosphären, aber auch Blindheiten von Beteiligten miterleben lassen. Vor allem aber finden Spielfilme zur besten Sendezeiten statt. Das bot die Chance, ein breiteres Publikum für das Thema zu sensibilisieren und auf diese Weise vielleicht auch einen Präventionsbeitrag zu leisten.

Auf einem Sendeplatz wie dem ARD-Mittwoch erreicht man immerhin drei bis vier Millionen Zuschauer und findet neunzig Minuten ihre Aufmerksamkeit. Dieser Chance gegenüber stand ein besonderes Risiko: Verfilmungen dieses Sujets laufen Gefahr, voyeuristisch oder didaktisch zu wirken, unangemessen zu skandalisieren oder auf unangemessene Art zu emotionalisieren – sprich: das erforderliche Maß an Authentizität zu verfehlen.

Fiktionale Wahrhaftigkeit

Insofern war die Entscheidung der WDR-Verantwortlichen Barbara Buhl und Gebhard Henke, den Film anzugehen, auch ein Vertrauensbeweis. Beflügelt wurde sie sicher durch die Wahl der Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau. Ihr Talent, komplexe Themen detailtreu und gut recherchiert in emotionale Figurengeschichten umzusetzen, haben sie mehrfach gezeigt. Für die Authentizität, die wir gemeinsam mit der Dramaturgin Anke Krause und dem Redakteur Götz Schmedes anstrebten, waren jedoch die Gespräche mit Betroffenen von zentraler Bedeutung.

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