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Veröffentlicht: 12.01.2016, 18:11 Uhr

Obama und das Internet Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Social Media

Barack Obama hält seine letzte Rede zur Lage der Nation. Mit Hilfe von YouTube, Snapchat, Amazon und dem Hashtag #SOTU beweist er einmal mehr, dass er weiß, wie Internet geht.

von Urs Humpenöder
© dpa Der Selfie-Präsident: Barack Obama übt den Umgang mit dem Selfie-Stick, dem Zepter des schlechten Geschmacks.

Im Kampf um die Rettung des Weltklimas kommt der amerikanische Präsident Barack Obama schon mal vom Hölzchen aufs Stöckchen: Bei einem Besuch in Alaska im September 2015 wollte er auf die Auswirkungen des Klimawandels in Amerikas Norden aufmerksam machen. Dazu drehte er ein Video von sich und der Landschaft – mit einer GoPro-Kamera, die an einem Selfie-Stick befestigt war. Man kennt das von Deutschen Youtube-Stars, die, ein Stöckchen vor sich herhaltend, durch ihre Wohnungen laufen, auf ihren Longboards durch die Straßen rollen und dabei stets eines im Blick haben: sich selbst. Obama aber hatte ein ernstes Anliegen. Und er verwendet dafür die Mittel, die dem Zeitgeist entsprechen. Kein anderer Politiker nutzt die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke so intensiv wie der 44. Präsident der Vereinigten Staaten.

Angefangen hatte das im Wahlkampf 2007. Es war das Jahr, in dem das erste iPhone herauskam und Facebook 34 Millionen Nutzer hatte. Heute ist Facebook mit mehr als 1,3 Milliarden Nutzern das größte Netzwerk der Welt, Obama hat mehr als 46 Millionen „Gefällt mir“-Angaben. Beim Kurznachrichtendienst Twitter ist er die Person mit der viertgrößten Reichweite – nur Katy Perry, Justin Bieber und Taylor Swift haben mehr Follower. Obama hat einen eigenen Youtube-Kanal, einen Instagram-Account und ein MySpace-Profil.

© Twitter

Die Köpfe der ersten Obama-Kampagne waren der Wahlkampfmanager David Axelrod und der Wahlkampfleiter David Plouffe, die beide langjährige Erfahrung im politischen Betrieb hatten. Um den Wahlkampf 2007 zu finanzieren, starteten sie eine Grass-Roots-Bewegung. Das Ziel war, die Kasse mit Hilfe vieler Kleinspender zu füllen, damit Obama sagen konnte: Ich bin ein Mann des Volkes, nicht einer der Konzerne. Üblicherweise setzen Präsidentenkandidaten auf wenige Großspender. Oder sie bringen Familienvermögen ein, wie das George W. Bush tat. Aber Obamas Motto „Change“ – Veränderung – sollte alles demokratischer machen, auch den Wahlkampf.

Kids State Dinner © dpa Vergrößern Ist sich für nichts zu schade: Barack Obama schneidet Grimassen für die Kinder, die er zum Kids State Dinner in den East Room des Weißen Hauses eingeladen hat.

Damals startete auch die Website my.barackobama.com, die von Chris Hughes geleitet wurde, einem der drei Mitgründer von Facebook. Die Plattform wurde schnell selbst zu einer Art soziales Netzwerk. Obama-Anhänger nutzten sie, um sich zu organisieren, sich auszutauschen und Anhänger zu rekrutieren. Unterstützer konnten Listen herunterladen, die zeigten, wer ihrer Nachbarn ein potentieller Obama-Wähler sein könnte. Im Wahljahr wurden „voting reminders“ via Twitter versendet, Wähler wurden via Facebook angesprochen. All das beeinflusste Wahlergebnis und Wahlkampf. Deshalb vergleicht Pamela Rutledge, Medienpsychologin an der Fielding Graduate University, Obama auch mit John F. Kennedy: „So wie Kennedy der erste Präsident war, der das Fernsehen wirklich verstand, ist Obama der erste, der die sozialen Medien versteht.“

© Twitter

Was Obama bei seiner ersten Wahl half, wirkte auch beim zweiten Mal: Bei der Präsidentenwahl 2012 wurde er mit 51,1 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Widersacher Mitt Romney kam auf 47,2 Prozent. Bei den Ausgaben für den „digitalen Wahlkampf“ gehen die Zahlen weiter auseinander: Obama gab 47 Millionen Dollar aus, Romney nur 4,7 Millionen.

Während seiner Präsidentschaft hat Obama nicht aufgehört, seine Follower, Wähler und Anhänger mit neuen Fotos, Memes, Videos und Tweets zu versorgen. Das Internet ist voll von Anschauungsmaterial. Da wären etwa die Selfies: Obama mit Großbritanniens Premierminister David Cameron und Dänemarks Premierministerin Helle Thorning-Schmidt; Obama mit dem Baseballspieler David Ortiz; Obama beim Fotografieren und Grimassieren im Oval Office. Da wären die Auftritte im Fernsehen, die auch bei Youtube zahlreich angeklickt wurden: Obama, wie er in der „Tonight Show“ von Jimmy Fallon über Studiengebühren spricht, mit lässiger Hintergrundmusik; Obama bei der Trauerrede für die Opfer der Schießerei in einer Methodistenkirche im Juni 2015. Nach seiner Rede stimmt er ein Lied an: „Amazing Grace“. Die Anwesenden sind gerührt, stimmen mit ein.

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Oder Obama in der Sendung von Jerry Seinfeld „Comedians in Cars getting Coffee“: Seinfeld holt den Präsidenten im Weißen Haus ab und will mit ihm eine Runde in einer alten Corvette drehen. „Das coolste Auto für den coolsten Typen“, sagt Seinfeld. Als die beiden versuchen, eine Runde durch die Stadt zu drehen, werden sie vom Sicherheitspersonal gestoppt. Macht nichts, dann fahren sie eben mit der Corvette im Kreis ums Weiße Haus. Der Präsidentensitz – das Weiße Haus, das Oval Office –, werden bei Obama zum Social-Media-Spielplatz. Er lädt ständig Kinder zu sich ein, lacht und spielt mit ihnen; seit 2011 lässt er ein eigenes Bier im Weißen Haus brauen, das White House Honey Ale. Der Präsident teilt auch sein Privatleben auf Twitter. Zum zwanzigsten Hochzeitstag twitterte er, wie sehr er seine Frau Michelle liebe und dass er ihr danke.

Barack Obama, David Ortiz © AP Vergrößern But first, let me take a selfie: Der Baseballspieler der Boston Red Sox David „Big Papi“ Ortiz macht ein Foto mit US-Präsident Barack Obama.

Gestern setzte Barack Obama sich mit der Rede zur Lage der Nation selbstverständlich auch online in Szene: Die Rede steht bei Amazon Video als Stream zur Verfügung. „Ob Sie ein Smart-TV, einen Webbrowser, ein Smartphone oder ein Tablet benutzen – es gibt einen Weg für Sie, die Rede des Präsidenten zu sehen, ob live oder on demand“, sagt Jason Goldman, der Chef für Digitale Angelegenheiten des Weißen Hauses. Für den kommenden Freitag hat Obama noch drei in Amerika bekannte Youtuber zu Gast. Unter dem Hashtag #YouTubeAsksObama stellen Destin Sandlin (SmarterEveryDay), Ingrid Nilsen und Adande Thorne (sWoozie) dem „Potus“ (President of the United States of America) Fragen, die Zuschauer sind live dabei.

Mit den Reformen, die er angekündigt hatte, ist Obama längst nicht so weit gekommen, wie er wollte. Eines hat er unbestreitbar geschafft: Er ist zum Internetphänomen geworden.

Barack Obama, Jerry Seinfeld © AP Vergrößern Autonarren: Comedian Jerry Seinfeld holt Barack Obama in seiner Sendung „Comedians in Cars Getting Coffee“ im Weißen Haus ab. Und macht mit ihm eine Spritztour.

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