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Obama und das deutsche Fernsehen Der Pfeifton, der muss weg!

27.07.2008 ·  Bei der Berichterstattung zu Obamas Berlin-Besuch überbieten sich die deutschen Fernsehsender an Hilflosigkeit. Harmlose Details werden zu Ereignissen aufgeblasen, Experten reden dummes Zeug, und Reporter blamieren sich mit haltlosen Spekulationen. Mit Nachrichten hat das nichts zu tun.

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Am Nachmittag strahlt N24-Reporter Heiko Paluschka wie ein kleiner Junge, der beim Fußball gerade zum Mannschaftskapitän befördert wurde: Er hat mit Barack Obama gesprochen! Exklusiv! Und sonst keiner! Hektisch unterbrechen die Moderatoren im Studio ihre Analyse, um zu ihm zu schalten, dann laufen die sensationellen Bilder: Obama steigt am Potsdamer Platz aus dem Auto, die N24-Kamera wackelt hinterher, aus dem Hintergrund ruft eine Stimme: „Mr. Obama, how do you like Berlin so far?“ Obama weiß nicht, wo er hinschauen soll, ruft „It's wonderful“ in die Menge, winkt und verschwindet wieder. Die Kollegin im Studio sagt begeistert: „Herzlichen Glückwunsch, Heiko. Du hast es geschafft!“ So sehen Höhepunkte einer Reporterkarriere aus.

Zu dieser Zeit ist N24 schon seit gut acht Stunden auf Sendung: live aus Berlin, wo der Nachrichtensender Kamerateams an allen wichtigen Stationen positioniert hat, die der Präsidentschaftskandidat bei seinem Besuch ansteuern wird. Vorm „Hotel Adlon“ gibt Steffen Schwarzkopf am Morgen alle paar Minuten durch, dass der Gast noch nicht angekommen sei, und später, als er endlich da ist, dass er leider, leider durch den Hintereingang kam. „Ich will ja nicht klugscheißerisch daherkommen, aber ich hab's gleich gesagt“, freut sich die Moderatorin. Bei N24 hat heute jeder seinen ganz persönlichen Erfolg. Dann läuft wieder der Bericht über das „sicherste Hotelzimmer Berlins“ mit schusssicheren Fenstern, Panic Room und Aufzug direkt von der Tiefgarage, und natürlich das spektakuläre Video, in dem der Secret Service die Abwehr eines Panzerfaustangriffs übt. Ein Panzerfaustangriff! Nichts scheint man sich bei N24 sehnlicher zu wünschen für diesen Tag.

Wo fährt er bloß hin?

Bis es so weit ist, erklärt der N24-Sicherheitsexperte aber noch mal die Maßnahmen zum Schutz Obamas: „Hier sehen wir den Polizeihubschrauber“, und der sei ausgestattet mit einer Kamera für Nachtaufnahmen, „falls die Rede länger dauern sollte“. Am Mittag läuft endlich die erste Eilmeldung über den Bildschirm: „Verdächtiges Päckchen im ,Hotel Adlon' gefunden!“, aber der Reporter vor dem Hotel ist enttäuscht: „Hier ist nix abgesperrt.“ Dann gibt es neue Analysen. „Sonderkorrespondent“ Dieter Kronzucker erklärt, dass Obama in den Vereinigten Staaten vor allem „beim Fußvolk“ beliebt sei, „also bei den Schwarzen“. Es ist eine einzige Katastrophe.

Aber genau so verrichtet man bei N24 sein Geschäft: Ob etwas berichtenswert ist oder nicht, ist egal, solange sich Relevanz vortäuschen lässt. Harmlose Details werden zu Ereignissen aufgeblasen, angebliche Experten reden dummes Zeug, und Reporter blamieren sich mit haltlosen Spekulationen. Mit Nachrichten hat das nichts zu tun. Doch das Schlimmste ist: die anderen Sender sind an diesem Tag auch nicht viel besser - weniger peinlich vielleicht, aber dennoch meilenweit entfernt von einer Berichterstattung, bei der man nicht hoffen müsste, dass sie im Ausland keiner gesehen hat. Selten haben sich die deutschen Sender so blamiert wie mit ihren Live-Berichten zum Obama-Besuch diese Woche - mit Pannen, Fehleinschätzungen und Falschinformationen.

Er ist ja auch Muslim

Beim ZDF beschränkt sich Nachrichtenchef Claus Kleber vor der Siegessäule immerhin aufs Notwendigste, sendet erst seit kurz vor sieben und sagt: „Wir sind das Vorprogramm für Barack Obama.“ Mit dem ist Hauptstadtstudioleiter Peter Frey offenbar schon per Du und faselt dauernd davon, was „Barack“ alles geleistet habe. Als Korrespondent Klaus-Peter Siegloch aus Washington zugeschaltet wird, ist er kaum zu verstehen, anschließend sind aus Versehen die Gespräche in der Regie zu hören: „Kann mir einer sagen, was mit dem Tonproblem ist? Ich hör' dich, ja. Ja, ja. Was ist denn?“ Beim zweiten Versuch witzelt Siegloch: „Ich hoffe, die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Washington und Berlin sind jetzt behoben.“ Und die von RTL eingekaufte Expertin Antonia Rados, die aus Bagdad zugeschaltet wird, verspricht, Obama werde den Krieg im Irak beenden, er sei ja auch Muslim, wofür sich Kleber nachher im „heute journal“ entschuldigen muss: Obama habe muslimische Wurzeln, sei aber Christ. „Das gehört richtiggestellt.“ Es gehört noch viel mehr richtiggestellt an diesem Abend, nicht nur beim ZDF.

Während Kleber nach Obamas Rede weitermoderiert, läuft dem Kameramann vom ZDF im Hintergrund Ulrich Deppendorf von der ARD ins Bild, der nach seinem Live-Bericht bereits zur „Tagesschau“ abgegeben hat, zupft an seinem Sakko und wirkt sichtlich erschöpft, merkt aber nicht, dass er bei seinem Päuschen beobachtet werden kann. Langsam zoomt die Kamera an Kleber heran, um Deppendorf aus dem Bild zu kriegen. Der ARD-Mann hat es vorher aber auch nicht leicht gehabt. Zu Beginn der Übertragung von der Pressetribüne, beim Interview der Obama-Beraterin Susan Rice, beschwert sich der Übersetzer: „Ich hab' aber den anderen Ton drauf, den Pfeifton. Der muss weg!“

Peinlichkeiten im Minutentakt

Und dann hagelt es Peinlichkeiten im Minutentakt: Reporterin Anna Kyrieleis vom RBB zieht Gary Smith von der American Academy mitten im Gespräch das Mikro weg, um zu Deppendorf zurückzuschalten, der sich aus unerfindlichen Gründen mit der RBB-Fernsehdirektorin Claudia Nothelle unterhalten muss, die an die Reden wichtiger Amerikaner in Berlin erinnert: „Auch unvergessen, von Ronald Reagan: ,Mr. Gorbatschow, tear down this gate'.“ Deppendorf korrigiert nicht. Vielleicht merkt er es auch nicht. ARD-Washington-Korrespondentin Hanni Hüsch übernimmt: „Die großen Networks aus den USA sind heute auch dabei und übertragen live in den Abendsendungen.“ Als Obama in Berlin spricht, ist es höchstens Mittag in den Vereinigten Staaten.

Um Viertel nach sieben Ortszeit, als der Redner sich bereits um eine Viertelstunde verspätet hat, aber alle damit rechnen, dass es gleich losgeht, weil ja schon die Polizeikolonne vorgefahren ist, kommt die ARD auf die schöne Idee, noch schnell einen Film über Obamas Außenpolitik zu zeigen - der kurz darauf unterbrochen werden muss, weil die Rede tatsächlich losgeht. Deppendorf kommentiert den Weg des Kandidaten zum Pult: „ein schlanker, drahtiger, fast schlaksig wirkender Mann“.

Gerade war er da

So hilflos hat das deutsche Fernsehen lange nicht mehr gewirkt. Live-Berichterstattung war womöglich nie eine seiner Stärken. Aber dass selbst bei einem planbaren Ereignis wie der Rede des demokratischen Präsidentschaftskandidaten so viel schiefgehen kann, dass geübte Moderatoren so überfordert wirken und man sich als Zuschauer kaum konzentrieren kann, weil man ständig darauf wartet, dass wieder irgendwo was aus dem Bild fällt, das ist schon erstaunlich.

Weniger Pannen gibt es bei RTL und Sat.1 - weil die beiden größten deutschen Privatsender lieber ihr gewohntes Programm abspulen. „Wir sind live dabei, wenn seine Rede gleich beginnt“, verspricht RTL-Nachrichtenmann Peter Kloeppel noch um Viertel vor sieben zu Beginn von „RTL aktuell“, aber das klappt nicht wegen der Verzögerung. Vielleicht ist es besser so: Sonst hätte man zusehen können, wie RTL, dessen Nachrichtenkompetenz von Geschäftsführerin Anke Schäferkordt so gerne gelobt wird, live von der Siegessäule wegschaltet, um pünktlich die Soap „Alles, was zählt“ zu starten.

Die amerikanische Wehrmacht

Sat.1 hat noch einen besseren Einfall. Anchorman Peter Limbourg meldet sich live von der Siegessäule, als alles vorbei ist: „Die Obama-Fanmeile leert sich gerade hier, und sie ist ein absolutes Medienereignis gewesen.“ Dann darf Dieter Kronzucker ran, der inzwischen auf der Straße des 17. Juni steht und in ernstem Ton sagt: „Diese Rede hätte ans Brandenburger Tor gehört!“ Immerhin ist das nicht halb so peinlich wie das, was er den Kollegen von N24 im Anschluss live in die Sendung knallt: „Obama hat vor allem Disziplin: Er war ja bei allen Anlässen fünf Minuten früher da - und das, obwohl er nie bei der Wehrmacht gewesen ist, bei den amerikanischen Streitkräften.“ Im Studio kriegt sich die Kollegin vor lauter Lachen nicht mehr ein. Und zu Hause auf der Couch hält man sich erschrocken die Ohren zu. Vor der Siegessäule bilanziert N24-Reporterin Katrin Sandmann: „Wenn er Präsident wird, wird er Deutschland sicher noch mal benutzen, äh, besuchen.“

Zu dieser Zeit hat es auch n-tv-Reporter Christoph Teuner endlich hinter sich: Weil er wohl nur einen ungünstigen Platz auf der Pressetribüne ergattern konnte, ist im Hintergrund ständig ein Scheinwerfer eines anderen Teams im Bild oder das Gesicht eines Reporterkollegen eine Reihe tiefer. Anders als die Konkurrenz muss sich Teuner bei seiner Moderation allein auf seinen Washington-Korrespondenten verlassen, der von n-tv allen Ernstes per Telefon zugeschaltet wird, während die Kamera die seit einer halben Ewigkeit wiederholten Bilder von der Siegessäule noch mal zeigt und nervös auf das leere Rednerpult zoomt.

Zurück zur Weißwurst

Um kurz vor sieben eskaliert die Situation: n-tv sind die Einspielfilme ausgegangen, und Obama ist noch nicht in Sicht. Teuner ist ratlos. Er erklärt, warum die Verspätung ein gutes Zeichen ist: „Dann ist die Aufmerksamkeit noch größer, als wenn er pünktlich anfangen würde.“ Um 19.08 Uhr sagt er: „Die Rede beginnt jeden Augenblick!“ 45 Minuten solle sie dauern, eher eine Stunde. Um 19.14 Uhr sagt Teuner leicht verzweifelt: „Jetzt könnte er aber wirklich langsam kommen.“ Und als er dann endlich da ist, Barack Obama, und seine Rede gehalten hat, gibt Teuner erleichtert zurück ins Studio, wo noch ein paar Nachrichten verlesen werden, bevor die große Reportage beginnt: „Was ist drin in der Weißwurst?“ Dann ist endlich auch n-tv wieder ganz bei sich.

Angela Merkel, so war zu lesen, ist nach dem Treffen mit Obama im Kanzleramt am Mittag in den Urlaub gefahren und wollte sich die Rede abends im Fernsehen anschauen. Sie wird die Entscheidung inzwischen bereut haben.

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