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Obama bei Jay Leno : Im Weißen Haus brennt noch Licht

Tag und Nacht auf Sicherheit bedacht: Obama erklärt Jay Leno die amerikanische Gemütsverfassung Bild: NBCU Photo Bank via Getty Images

Barack Obama präsentiert bei Jay Leno ein Selbstporträt aus dem Bilderbuch des kitschigen Paternalismus. Die Bürger sollen sich daran gewöhnen, dass sie in einem Tag-und-Nachtwächterstaat leben.

          Die Sicherheit der Amerikaner ist das erste, woran er beim Aufwachen denkt, und das letzte, woran er beim Einschlafen denkt. Das behauptete Präsident Barack Obama am Dienstagabend als Gast der „Tonight Show“, der Mitternachtstalkshow von NBC mit Jay Leno. Ob der Präsident die Wahrheit sagte, wollen wir schicklicherweise dahingestellt sein lassen. Interessanter ist die Frage, ob die Amerikaner sich wirklich einen Präsidenten wünschen, der ihnen eine solche Geschichte erzählt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Jedermann kennt die Erfahrung, dass einem die seltsamsten Dinge im Kopf herumgehen, wenn man sich frühmorgens dieses Kopfes wieder bewusst wird. Aufgaben, an denen man im Traum gearbeitet hat, harren der Erledigung, die unterbleibt, weil ihr Kontext weggefallen ist und sie keinen Sinn mehr ergeben. Die Grenzzone zwischen Schlaf und Wachsein ist der einzige Zeitraum im Lauf des Tages, in dem man vom Zwang zur Selbstkontrolle entlastet ist. Man ist nicht Herr seiner Gedanken und erst recht nicht der Wörter, die man vielleicht vor sich hinmurmelt. Entsprechend darf man am Ende des Tages sanft hinübergleiten ins Reich der Unverantwortlichkeit.

          In der Falle paranoiden Denkens

          An dieser Stelle liegt der Einwurf nahe, dass Obama seinen Satz gar nicht wörtlich gemeint habe. Er habe sich einer gängigen rhetorischen Figur der emblematischen Fiktionalisierung bedient, um die Dringlichkeit der ihm von der Verfassung auferlegten Aufsichtspflichten zu veranschaulichen. Der Präsident macht in dieser Lesart deutlich, dass er an der Spitze eines Tag-und-Nachtwächterstaates steht. Es bliebe freilich immer noch die Merkwürdigkeit, dass Obama es für richtig hält, sich als Roboter zu präsentieren, dem es gelungen ist, alle menschlichen Reflexe abzuschalten.

          Ein Präsident, der sich wegen der Sicherheit der Bürger schon Sorgen macht, während er gerade erst die Augen öffnet, und der diese Sorgen später wieder mit in den Schlaf nimmt, ist ein Held aus dem Bilderbuch des kitschigen Paternalismus. Wer glaubt, dass dieses Selbstporträt des Oberbefehlshabers, der selbst im Ehebett kein Privatmann sein darf, irgendetwas zu tun hat mit dem tatsächlichen Tagesablauf, geht in die Falle des paranoiden Denkens.

          Es ist ja richtig, dass die Bürger des reichsten und am höchsten gerüsteten Staates der Erde in einer unsicheren Umwelt leben. Da sich überall und jederzeit ein Unfall oder Attentat ereignen kann, ist vom Präsidenten zu erwarten, dass er eine besondere Aufmerksamkeit für Sicherheitsfragen permanent mitlaufen lässt, während er seine Amtspflichten erfüllt. Aber kann es der Gefahrenabwehr dienen, wenn der Präsident sich dazu zwingt, den diffusen Bedrohungen täglich den ersten und den letzten Gedanken zu widmen? Diese Konditionierung stammt aus der Sphäre magischer Psychotechniken. Versagensangst wird durch Ersatzhandlungen bewältigt.

          Terrorwarnung als Ablenkungsmanöver

          Es verwundert nicht, dass Obama den von Jay Leno in freundlichstem Ton geäußerten Verdacht, die jüngsten Reisewarnungen und Botschaftsschließungen sollten von der Diskussion über die maßlosen Maßnahmen der Geheimdienste ablenken, nicht ausräumen konnte. Eher gab er dem Argwohn Nahrung. Dass Obama nichts Konkretes zu den angeblich konkreten Anschlagplänen von Al Qaida sagen wollte, versteht sich von selbst. Er tat aber erst gar nicht so, als ob die Regierung sich in den vergangenen Tagen mit der Abwehr einer akuten, kurzfristig bekanntgewordenen Bedrohung befasst hätte. Es scheint nach Obamas Darstellung um eine pädagogische Übung zu gehen, eine Art Probealarm. Die Amerikaner sollen „Klugheit“ walten lassen, die sie vielleicht nicht praktizieren, aber demonstrieren, wenn sie auf Anweisung des Außenministeriums in bestimmte Länder nicht reisen. Welche auf der Liste stehen, ist eigentlich egal.

          Das Wahnhafte dieser Strategie der Terrorbekämpfung durch Mentaltraining offenbarte Obama, indem er ungefragt zugab, dass die Lebensgefahr im Autoverkehr höher ist als das Risiko, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Er nannte diese Relation unglücklich  – obwohl es doch ein Glück ist, dass die Feinde der Nation so viel weniger Schaden verursachen können als die allgemeinen Daseinsrisiken des modernen Lebens, die der Einwirkung der Regierung eines freien Landes weitgehend entzogen sind.

          Man möchte hoffen, dass jene Mitbürger ohne Tageszeitung, an die sich der Präsident nach Angaben seines Sprechers mit seinem vierten Auftritt bei Jay Leno wandte, ihm einen gesunden Schlaf gönnen, in dem er die Sorgen seines Amtes für ein paar Stunden ablegen darf. Den Anhängern von Diktatoren kann man es überlassen, sich Sicherheit davon zu versprechen, dass im Kreml noch Licht brennt.

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