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NSU-Prozess in türkischen Medien Die Nazis und der Staat

Türkische Medien sehen beim NSU-Prozess überall Anzeichen eines strukturellen Rassismus in Deutschland. Beate Zschäpes Auftritt wird als gezielte Provokation gewertet.

© dpa Vergrößern Türkische Zeitungen suchen Indizien einer großen staatlichen Verschwörung

Für die meisten Türken sind ihre in Deutschland lebenden Landsleute längst Deutsche. Abgesehen vom türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, der aus politischen Gründen den Kontakt zu den Auslandstürken nicht verlieren will, zeigen sie deshalb nur mäßiges Interesse daran, wie es den Türken in Deutschland geht. Die Medien in der Türkei hatten deshalb den Morden an Deutschtürken zunächst kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Es blieb sogar dann noch still in der Türkei, als bekannt wurde, dass die rechtsradikale Terrorzelle NSU für die Taten verantwortlich sei. Erst die umstrittene Vergabe der Presseplätze beim Gerichtsprozess in München sorgte für Interesse - wohl auch, weil viele Türken sich in ihrem Nationalstolz verletzt fühlten. Und so war es nicht verwunderlich, dass sich die türkischen Medien beim Auftakt des NSU-Prozesses zunächst nicht so recht entscheiden konnten, was ihnen wichtiger ist: Fußball oder der Prozessbeginn.

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Am Montag machte die „Hürriyet“ noch mit Fußball auf und plazierte ihren Artikel „Der Jahrhundertprozess“ auf Seite 25. Anders entschied die in Deutschland erscheinende Ausgabe der „Hürriyet“: Deren Europa-Redaktion, die einen von vier Sitzplätzen bekommen hat, die das Gericht im zweiten Vergabeverfahren für türkische Medien reserviert hatte, setzte das Thema auf Seite eins. Für sie war es „Der Tag der Abrechnung“. Die Medien in der Türkei sind nachgezogen: „Arroganter Nazi“, titelte die „Hürriyet“, und in der regierungsnahen „Sabah“, die ebenfalls im Münchner Gerichtssaal vertreten ist, hieß es: „Der tiefe Prozess hat begonnen.“ Das ist eine Anspielung auf den Begriff des „tiefen Staats“, womit die Konspiration zwischen Politik, Militär, Justiz, Rechtextremen und organisierter Kriminalität gemeint ist. Der Verhandlungssaal sei zur Show-Bühne der „Nazi-Braut“ Beate Zschäpe geworden. Auch die übrigen türkischen Medien bewegten sich gestern an dieser Argumentationslinie entlang: Nazis und der Staat im Staate.

Man registriert genau

Die Journalisten greifen damit eine Argumentationslinie auf, die man schon kennt aus den türkischen Medien: Seit dem von Neonazis verübten Brandanschlag von Solingen im Jahr 1993 heißt es immer wieder, die deutsche Gesellschaft sei von rechtsradikalen Tendenzen durchsetzt. Das Narrativ, der Staat werde von dunklen Mächten gelenkt, fand sich jedoch bisher einzig in Bezug auf die Türkei: Dort brachte die Aufdeckung der Ergenekon-Verschwörung 2007 die Gesellschaft ins Wanken - die türkische Staatsanwaltschaft wirft mehreren hundert mutmaßlichen Ergenekon-Mitgliedern vor, mit Verbündeten in staatlichen Institutionen einen Sturz der Regierung geplant zu haben.

Nach Ansicht von Erdal Safak, dem Chefredakteur der „Sabah“, agierte der NSU ebenfalls mit Unterstützung staatlicher Stellen, für Safak ist die Terrorgruppe der „deutsche Ergenekon“. Die Zeitung „Star“ geht so weit, einen Vergleich zwischen Beate Zschäpe und Ogün Samast zu ziehen, dem rechtsnationalistischen Mörder des armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink. In der Zeitung heißt es außerdem: „Die ganze Türkei und alle in Deutschland lebenden Türken beobachten den NSU-Fall genau. Sie wollen, dass nicht nur den Mördern der Prozess gemacht wird, sondern auch dem Rassismus in Deutschland. Bundeskanzlerin Merkel betont, der deutsche Staat werde alles tun, damit die Mörder bestraft werden. Doch das klingt wenig glaubhaft. Denn Merkel selbst und ihre christdemokratische Partei zeigen wenig Sympathie für die Türken in Deutschland. Der Rassismus ist im Land allgegenwärtig.“

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Die Zeitung „Habertürk“ interpretierte die verschränkten Arme der „Hitler-Braut“ Beate Zschäpe als „Hitler-Pose“. In der Zeitung „Yeni Safak“ war von einer „Frechheit“ der Angeklagten die Rede. Die Zeitung „Milliyet“ meint, Deutschland stehe mit dem Prozess vor einer „Nazi-Prüfung“.

Quelle: F.A.Z.

 
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