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Niki Stein über seinen Rommel-Film Ein Bild von einem Mann

„Vom Aufbau her ist die Geschichte ein klassisches Königsdrama“: Der Regisseur Niki Stein über Erwin Rommel als Figur im Widerstand - und in seinem Fernsehfilm.

© SWR / Walter Wehner An der kurzen Leine – Rommel (Ulrich Tukur) mit Hund und seinem Stabschef Hans Speidel (Benjamin Sadler, links)

Generalfeldmarschall Erwin Rommel: Das ist womöglich die Figur, die all jene Fragen personifiziert, die man sich stellen muss, wenn man sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt: Wie konnte das passieren? Wer wusste was wann? Wer war das eigentlich, ein Nazi? Und wer ein Teil des Widerstands? Und vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass man sich über den ARD-Film „Rommel“ schon im vergangenen Jahr ordentlich stritt, Produzenten, Autoren, Historiker, die Familie. Worüber genau, das wollten wir noch einmal mit Regisseur Niki Stein besprechen - schon allein deshalb, weil man die Aufregung kaum nachvollziehen kann, wenn man sich den fertigen Film anschaut.

Als Nico Hofmann das Rommel-Projekt an Sie herantrug, hatten Sie erhebliche Einwände gegen das Drehbuch von Rommel-Biograph Maurice Philip Remy. Was störte Sie daran?

Remys Buch schilderte einen Rommel, der Hitler und dem System mit einer durchgängig kritischen Grundhaltung gegenübersteht. Es gibt die große Katharsis in El Alamein, als Rommel den Haltebefehl nicht befolgt, und ab da einen klaren Weg in den Widerstand. Das fand ich sehr idealisierend. Zwischenzeitlich habe ich mich beim Lesen gefragt: Wer hat eigentlich den Krieg angefangen? Weil auch immer wieder jene Szenen kamen, die auf einem großen Legendenschatz beruhen, die aber wohl unvermeidlich sind, wenn man sich mit Rommels Zeit in Afrika beschäftigt: Rommel, der gute Soldat, der väterliche Heerführe.

Rommel © SWR / Kerstin Stelter Vergrößern Niki Stein: „In dem Moment, in dem ein Schauspieler wie Ulrich Tukur die Figur verkörpert, schafft man natürlich Identifikation“

Remy behauptet, dieses Bild sei durch historische Quellen ausreichend belegt. Und wenn man diese Fakten nicht anerkenne, dann sei das vor allem ein Spiegel der eigenen Einstellung.

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, welche Fakten er da meint. Frank Schirrmacher hat angesichts der Debatte im Vorfeld unseres Films geschrieben: „Man hätte, was den früheren Rommel angeht, noch ein ganz anderes, wirklich vernichtendes Drehbuch schreiben können!“ Tatsächlich definiert der zeitliche Ausschnitt den man wählt, den Blick auf Rommel. Ich habe da eher einen für ein gnädiges Rommel-Bild gewählt. Mehr wäre Verklärung. Die zu vermeiden, halte ich für die Pflicht öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Hat sich Ihr Bild von Rommel durch die Arbeit am Drehbuch geändert?

Davor war es negativer. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mit der intensiveren Beschäftigung mit der Materie mehr Respekt vor der Position bekommen habe, die Rommel in der obersten Heeresleitung eingenommen hat. Trotz allem bleibt auch mein Film bei einer kritischen und ambivalenten Haltung ihm gegenüber. Man merkt das ja immer erst, wenn der Film fertig ist. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich eine in sich zerrissene Figur vor mir. Aber in dem Moment, in dem ein Schauspieler wie Ulrich Tukur die Figur verkörpert, schafft man natürlich Identifikation. Und da kommt ganz schnell die Frage: Darf der uns überhaupt so sympathisch sein? Aber ich glaube nicht, dass das beim Zuschauer als Schönfärberei ankommt. Das wird ja auch relativiert, weil wir die Heroen im Hintergrund sehr viel stärker würdigen.

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Ein Vorwurf, der nicht unbedingt zu erwarten war. Im Vorfeld wurden Sie ja vor allem von der Familie Rommel dafür kritisiert, dass Sie Rommels Distanz zu Hitler nicht ausreichend deutlich machen. Die Historikerin Cornelia Hecht, die anfangs auch als Beraterin für das Filmprojekt tätig war, bemängelte, ähnlich wie Remy, dass Ihre Darstellung von Rommel hinter die aktuellen Erkenntnisse über Rommels Rolle im Widerstand zurückfällt.

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