Generalfeldmarschall Erwin Rommel: Das ist womöglich die Figur, die all jene Fragen personifiziert, die man sich stellen muss, wenn man sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt: Wie konnte das passieren? Wer wusste was wann? Wer war das eigentlich, ein Nazi? Und wer ein Teil des Widerstands? Und vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass man sich über den ARD-Film „Rommel“ schon im vergangenen Jahr ordentlich stritt, Produzenten, Autoren, Historiker, die Familie. Worüber genau, das wollten wir noch einmal mit Regisseur Niki Stein besprechen - schon allein deshalb, weil man die Aufregung kaum nachvollziehen kann, wenn man sich den fertigen Film anschaut.
Als Nico Hofmann das Rommel-Projekt an Sie herantrug, hatten Sie erhebliche Einwände gegen das Drehbuch von Rommel-Biograph Maurice Philip Remy. Was störte Sie daran?
Remys Buch schilderte einen Rommel, der Hitler und dem System mit einer durchgängig kritischen Grundhaltung gegenübersteht. Es gibt die große Katharsis in El Alamein, als Rommel den Haltebefehl nicht befolgt, und ab da einen klaren Weg in den Widerstand. Das fand ich sehr idealisierend. Zwischenzeitlich habe ich mich beim Lesen gefragt: Wer hat eigentlich den Krieg angefangen? Weil auch immer wieder jene Szenen kamen, die auf einem großen Legendenschatz beruhen, die aber wohl unvermeidlich sind, wenn man sich mit Rommels Zeit in Afrika beschäftigt: Rommel, der gute Soldat, der väterliche Heerführe.
Remy behauptet, dieses Bild sei durch historische Quellen ausreichend belegt. Und wenn man diese Fakten nicht anerkenne, dann sei das vor allem ein Spiegel der eigenen Einstellung.
Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, welche Fakten er da meint. Frank Schirrmacher hat angesichts der Debatte im Vorfeld unseres Films geschrieben: „Man hätte, was den früheren Rommel angeht, noch ein ganz anderes, wirklich vernichtendes Drehbuch schreiben können!“ Tatsächlich definiert der zeitliche Ausschnitt den man wählt, den Blick auf Rommel. Ich habe da eher einen für ein gnädiges Rommel-Bild gewählt. Mehr wäre Verklärung. Die zu vermeiden, halte ich für die Pflicht öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Hat sich Ihr Bild von Rommel durch die Arbeit am Drehbuch geändert?
Davor war es negativer. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mit der intensiveren Beschäftigung mit der Materie mehr Respekt vor der Position bekommen habe, die Rommel in der obersten Heeresleitung eingenommen hat. Trotz allem bleibt auch mein Film bei einer kritischen und ambivalenten Haltung ihm gegenüber. Man merkt das ja immer erst, wenn der Film fertig ist. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich eine in sich zerrissene Figur vor mir. Aber in dem Moment, in dem ein Schauspieler wie Ulrich Tukur die Figur verkörpert, schafft man natürlich Identifikation. Und da kommt ganz schnell die Frage: Darf der uns überhaupt so sympathisch sein? Aber ich glaube nicht, dass das beim Zuschauer als Schönfärberei ankommt. Das wird ja auch relativiert, weil wir die Heroen im Hintergrund sehr viel stärker würdigen.
Ein Vorwurf, der nicht unbedingt zu erwarten war. Im Vorfeld wurden Sie ja vor allem von der Familie Rommel dafür kritisiert, dass Sie Rommels Distanz zu Hitler nicht ausreichend deutlich machen. Die Historikerin Cornelia Hecht, die anfangs auch als Beraterin für das Filmprojekt tätig war, bemängelte, ähnlich wie Remy, dass Ihre Darstellung von Rommel hinter die aktuellen Erkenntnisse über Rommels Rolle im Widerstand zurückfällt.
Das Rommel-Bild, das von Frau Hecht oder Herrn Remy gemalt wird, zeigt Rommel als Widerständler im Prinzip ab 1934. Das klingt manchmal, als habe Rommel schon den Eid auf den Führer mit einem Hexenkreuz im Rücken geleistet. Und dann kamen sie plötzlich von der anderen Seite und kritisierten, dass ich mich zu sehr auf die Biographie von David Irving verlasse ...
... einem Revisionisten und Holocaustleugner...
...der der Erste war, der den Widerstandskämpfer Rommel vom Sockel gestoßen hat, weil er ihn sozusagen vom Makel des Widerstands reinwaschen wollte. Das Problem ist, dass Irving unglaublich viel Material gesammelt hat und hortet. Nicht einmal Frau Hecht kommt darum herum, ihn zu zitieren. Deswegen war es schon eine miese Volte zu sagen, Stein tut das, und deswegen ist er rechts.
Warum wurde eigentlich Rommel schon so schnell nach dem Krieg so positiv beurteilt? Es gibt bis heute Straßen, die nach ihm benannt sind. Das kann ja nicht nur daran liegen, dass er in den letzten Kriegstagen die Aussichtslosigkeit des Siegs erkannte.
Rommel ist über den Tod hinaus Propagandafigur geblieben. Das ist das große Leitmotiv seines Lebens. Da kommen zwei Sachen zusammen: Die Engländer brauchten so einen Vorzeigesoldaten, um ihren Landsleuten verständlich zu machen, warum sie sich mit dem Land, gegen das sie jahrelang blutig bekämpft hatten, in der Nato verbünden. Bei uns hängt das vor allem mit dem Bild der Wehrmacht zusammen, die ja lange als innere Opposition galt. Die Würdigung der eigentlichen Widerständler in der Armee begann erst Ende der fünfziger Jahre, davor waren sie als Verräter verpönt.
In Ihrem Film hat man manchmal den Eindruck, dass es sich bei den Umstürzlern vom 20. Juli nicht um eine Verschwörung handelte, sondern um eine Massenbewegung innerhalb der Wehrmacht.
Es gibt ja den berühmten Satz von Carl von Hardenberg, der gesagt hat: „Wir haben fast alle in der Wehrmachtsführung angesprochen. Niemand hat uns verraten, aber auch keiner unterstützt.“ Das ist symptomatisch: Die haben das alle gewusst.
Ihr Film ist von dem Anspruch getragen, historisch korrekt zu arbeiten. Im Abspann weisen Sie sogar explizit darauf hin, welche Szenen in besonderem Maße erfunden sind. Warum wollten Sie die Geschichte überhaupt als Spielfilm erzählen und nicht zum Beispiel als Doku-Drama?
Ein Spielfilm bedeutet Identifikation, nimmt den Zuschauer ganz anders mit. Vom Aufbau her ist die Geschichte ja ein klassisches Königsdrama: Ein Mann schwört dem König die Treue, merkt, im zweiten Akt, dass er dem Teufel dient, und entscheidet sich dann, dagegenzugehen, halbherzig, zögernd, zaudernd, und wird trotzdem in den Tod gerissen. Das ist ja ganz großes Drama. Das hat man selten: dass man den Lauf der Geschichte einfach nur nachschreiben muss.
Wäre, allein aus dramatischen Gründen, ein Wandel Rommels zum entschiedenen Widerstandskämpfer interessanter gewesen?
Nein, gerade die Ambivalenz ist ja das Interessante. Es hätte mich zum Beispiel viel weniger gereizt, einen Film über Stauffenberg zu machen. Stauffenberg ist, spätestens seit seiner Entscheidung, sich dem Widerstand anzuschließen, sakrosankt, hat keine Brüche, keinen Konflikt. Rommel dagegen windet sich von Anfang bis Ende und quält sich mit der Frage: „Darf ich das? Darf ich mich gegen meinen Führer stellen?“
Die Devise, die Ihrem Film zugrunde liegt, haben Sie auf den Punkt gebracht: „Hitler verhaften: ja! Attentat: nein!“ Den deutlichsten Hinweis auf ein größeres Engagement Rommels gegen Hitler liefert eine Passage aus den Abhörprotokollen deutscher Soldaten in der britischen Kriegsgefangenschaft. Dort sagte der Panzertruppengeneral Heinz Eberbach, Rommel habe ihm erklärt, es gäbe „keine andere Möglichkeit mehr mit Deutschland noch irgendwie vernünftig durchzukommen, als dass wir den Führer und seine engste Sippschaft möglichst schnell umbringen“. Warum haben Sie dieses Dokument ignoriert?
Eberbach hat das in der britischen Kriegsgefangenschaft seinem Sohn erzählt, im Oktober 1944, in Kenntnis des 20. Julis. Dass er nach den Geschehnissen der vergangenen drei Monate den Eindruck gewinnen konnte, dass Rommel eher ein hitlerkritischer Mann war, halte ich für nachvollziehbar. Aber das ist bei weitem kein Beleg, dass Rommel so stark mit den Verschwörern verknüpft war, dass er ein Attentat in Kauf genommen hätte. Der entscheidende Punkt ist für mich aber folgender: Am 15. Juli hat Rommel seinen berühmten Bericht abgeschickt, in dem er Hitler auffordert, die politischen Forderungen aus der Lage an der Front zu ziehen. Es wäre völlig absurd, dass Rommel ein solches Ultimatum schickt, wenn er von dem geplanten Attentat gewusst hätte, damit hätte er ja nur schlafende Hunde geweckt. Das wäre so was von saudämlich. Und ich glaube, eines war Rommel nicht: dämlich.
Die Frage, ob und wann Rommel von dem Attentat wusste, beschäftigt Historiker sicher zu Recht. Aber letztlich geht es doch um Nuancen, die sich aus der jeweiligen Interpretation der Quellen ergeben. Muss das außerhalb der Wissenschaft jemanden interessieren?
Völlig richtig, das ist letztlich eine Petitesse. Die Perspektive auf Rommel ändert sich in keiner Weise, ob er nun vom 20. Juli wusste oder nicht. Ich kann immer nur sagen, was mich interessiert: Mich interessiert, wie hochintelligente, sicherlich nicht dogmatisch verbohrte Menschen willentlich über sechs Jahre einen Angriffskrieg dieser Dimension planen und ignorieren, dass Sie dem Teufel dienen. Wenn wir über das Dritte Reich reden, kommen wir immer wieder zu der Frage an unsere Eltern oder Großeltern: Warum habt ihr da mitgemacht? Wie konnte das passieren? Wie konnte ein Kulturvolk, wie es die Deutschen zweifelsohne waren, in diese Barbarei verfallen? Rommel steht dabei für mich für den Grunddeutschen, der mitmacht, der wegguckt und der trotzdem meint, noch ein anständiger Mensch sein zu können.
Kann man heute unbefangener auf solche Figuren schauen?
Ich glaube ja. Man hat sich ja lange immer nur mit den Opfern beschäftigt, zu Recht. Erst mit der Distanz verlieren wir allmählich die Scham, uns den Figuren aus der Täterperspektive zu nähern. Aber ich finde das statthaft und richtig. Man muss das nur sorgfältig belegen, sonst wird aus jemandem wie Rommel ganz schnell wieder der Stammtischheld der vermeintlich glorreichen deutschen Geschichte.
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