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„New York Times“ Virtuoser Eiertanz

Die „New York Times“ hat ein Problem. Ihr Geschäftsführer, Mark Thompson, war Chef der BBC, als diese Hinweise auf den Kinderschänder Jimmy Savile nicht wahrnahm. Was folgt daraus?

© REUTERS Vergrößern Auf Mark Thompson liegt die Hypothek der BBC-Affäre

Mark Thompson, der frühere Generaldirektor der BBC, der am 12.November seine Dienstgeschäfte als Vorsitzender der Geschäftsführung der New York Times Company aufgenommen hat, sagte am vergangenen Freitag in London vor einer Untersuchungskommission zum Fall des Kinderschänders Jimmy Savile aus. Die Leser der „New York Times“ erfuhren davon in der Samstagsausgabe - und sie erfuhren zugleich, wie die Redakteure der „New York Times“ davon erfahren hatten: aus einer anderen Zeitung. Aufgrund einer Nachricht im „Guardian“ richtete die Redaktion eine Anfrage an die Geschäftsführung. Einer der Pressesprecher des Verlags bestätigte in einer E-Mail den Londoner Termin seines Chefs, machte aber keine weiteren Angaben. Auch Thompson selbst, um eine Stellungnahme zu seiner Aussage gebeten, beschränkte sich auf die Mitteilung, dass er ausgesagt habe. Umständlich referiert der Artikel die wortkargen Auskünfte aus der Chefetage - so dass sie Bände sprechen. Thompsons Einlassungen in eigener Sache werden in der Zeitung offenbar als unbefriedigend eingeschätzt.

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ITV, die private Konkurrenz der BBC, sendete den Film, der enthüllte, dass der 2011 verstorbene Schlagermoderator Jimmy Savile sich jahrzehntelang an minderjährigen Fans vergangen hatte, am 3.Oktober 2012. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Redaktionsleitung der BBC-Sendung „Newsnight“ einen eigenen Beitrag zum Thema unterdrückt hatte. Als die Bombe platzte, hatte Mark Thompson seinen Schreibtisch im Broadcasting House schon geräumt und seinen Dienst am Times Square noch nicht angetreten. Für die „New York Times“ ist die Berichterstattung über den Anteil ihres neuen Chefmanagers an der schlimmsten Krise in der Geschichte der BBC ein Eiertanz, den sie mit bewundernswerter Virtuosität absolviert. Es bleibt ihr allerdings auch nichts anderes übrig.

Noch der richtige Mann?

Dem amerikanischen Verständnis von journalistischer Objektivität entspricht es, dass ein Presseorgan eigene Angelegenheiten in gleicher Form darstellt wie die Geschäfte Dritter. Nach kurzer anfänglicher Unsicherheit entschied man sich im Fall Thompson für einen Kurs der demonstrativ kunstgerechten Recherche und Dokumentation. In ihrer Kolumne vom 23.Oktober stellte Margaret Sullivan, die den Titel „Public Editor“ führt und die Interessen der Leserschaft vertreten soll, ausdrücklich die Frage, ob Thompson im Lichte der Londoner Ereignisse noch der richtige Mann für den Job des Verlagschefs sei. Dieselbe Frage legte der Kolumnist Joe Nocera den Lesern der Ausgabe vom 30.Oktober vor.

Vor dem Hintergrund fortgesetzter Enthüllungen über die bürokratischen Abläufe bei der BBC musste Thompson seine ursprüngliche Darstellung, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt, mehrfach ergänzen. Die durch diese Frontbegradigung hervorgerufenen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit brachten die Berichte der „New York Times“ durch Herstellung logischer und chronologischer Übersicht zum Ausdruck.

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