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„New York Times“ : Sag mal, wo liest du uns eigentlich gerade?

  • -Aktualisiert am

Dieser Leser in der U-Bahn könnte für die „New York Times“ interessant sein und deren neuer Service für ihn. Bild: AFP

Auf den Ort kommt es an: Die „New York Times“ weiß, was digitaler Lokaljournalismus bedeutet. Sie ortet ihre Leser jetzt und verschickt Artikel passend zum Standpunkt.

          Wenn ein Journalist einen Artikel darüber schreibt, wie es um die Nachbarschaft in einer Stadt bestellt ist, welche Vorzüge oder welche Probleme sie hat, welche Daten sie kennzeichnen, geht es um Ortsbeschreibung. In Soho liegen die Dinge anders als in der Bronx. Das Thema auf die lokale Ebene herunterzubrechen ist für eine Zeitung wichtig – die Leser interessieren sich schließlich besonders für das Geschehen direkt vor ihrer Haustür. Doch wie bietet man Informationen passgenau an?

          Die Datenjournalisten von „The Upshot“, einem Technikblog der „New York Times“, sind auf eine Idee gekommen: Sie bieten den Lesern nicht nur allgemeine Info-Grafiken zum Thema, sondern einen auf den Ort, an dem der Leser sich gerade befindet, zugeschnittenen Artikel. Anhand der IP-Adresse wird der Standpunkt des Lesers ermittelt und der Text mit regionalen Daten gefüttert. Der smarte Artikel weiß also, in welcher Gegend der Leser gerade auf die Seite zugreift, und modifiziert den Text. Wenn man auf seinem Smartphone in Minneapolis den Artikel aufruft, bekommt man Zahlen über Hennepin County im Bundesstaat Minnesota. Wenn man den Beitrag in San Antonio liest, werden Statistiken von Bexar County in Texas angezeigt. Der Artikel ist im Grunde ein Lückentext, der um die ortsspezifischen Daten ergänzt wird.

          Es kommt auf den Ort an

          „Location matters, enormously“: so lautet der erste Satz des Beitrags. Er bezieht sich auf die Einkommensunterschiede amerikanischer Jugendlicher. Er könnte aber auch, auf einer Metaebene, die Strategie der „New York Times“ umreißen: Es kommt auf den Ort an! Die Zeitung registriert Zugriffe aus der ganzen Welt, doch die Leser in Miami oder London haben unterschiedliche Präferenzen als die in San Francisco. Die Nutzung variabler Textbausteine, sogenannter „Templates“, ist der Versuch, Artikel zu personalisieren und zu individualisieren. Der Standort eines Lesers ist ein wichtiger Parameter. Der Datenjournalist Gregor Aisch, der in der Grafikredaktion der „New York Times“ arbeitet, sagt dazu im Gespräch: „Wir haben keine Agenda oder Ähnliches, dass wir jetzt mehr geolokalisierte Storys machen wollen. Das hat sich für dieses konkrete Thema angeboten, und wenn sich das noch einmal anbietet, werden wir es sicher auch noch mal machen.“ Die Resonanz war positiv. Lokale Medien wie „The Putnam Daily Voice“, „National Catholic Reporter“ oder „Curbed LA“ haben die Sache aufgegriffen.

          Ein Vorzug des teilautomatisierten Schreibprozesses ist, dass man einen Artikel ohne Mehraufwand auf verschiedene Ebenen herunterbrechen und die Thematik näher an den Leser bringen kann. Gleichwohl ist der Rückgriff auf die IP-Adresse datenschutzrechtlich umstritten. Zwar haben Nutzer der Smartphone- oder Tablet-App der „New York Times“ die Möglichkeit, die Ortserkennung auszuschalten. Doch letztlich nutzt die Zeitung personenbezogene Daten, ohne zu fragen. „Ich kann nicht für die gesamte ,New York Times‘ sprechen“, sagt der Datenjournalist Aisch. „Ich bin aber sicher, dass wir irgendwo den Ort unserer Leser aufzeichnen, Tools wie Google Analytics machen das ja automatisch.“ Amy Schmitz Weiss, Journalismusprofessorin an der San Diego State University, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Geolocation ist sehr wichtig für Nachrichtenorganisationen. In diesen Tagen und Zeiten, wo Nachrichten vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche auf Armlänge via mobiler Geräte verfügbar sind, wird die Rolle des räumlichen Journalismus offensichtlich. Nachrichtenkonsumenten wollen News, die wichtig sind für das, wo sie sich befinden.“ Die „New York Times“ holt ihre Leser dort ab, wo sie gerade auf die Seite zugriffen: auf mobilen Endgeräten oder am heimischen Computer. Mit „Geolocation“ könnte man einen flexiblen Lokalteil für das Internet schaffen.

          Quelle: F.A.Z.

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