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TV-Film „Nackt unter Wölfen“ : Die Hölle von Buchenwald

Szene aus der Neuverfilmung des DDR-Romans „Nackt unter Wölfen“: Pippig (Florian Stetter) hält den kleinen Jungen (Vojta Vomacka) in einer Kiste versteckt. Bild: dpa

Das Konzentrationslager Buchenwald wurde vor siebzig Jahren befreit. Daran erinnert die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“. Sie erzählt vom geretteten Kind, aber auch vom brutalen Lageralltag.

          Der Krieg, das weiß man sofort, wird bald zu Ende gehen in diesem Film, die Alliierten kämpfen schon auf deutschem Boden, und schnell weiß der Zuschauer auch, wo er sich befindet: im Konzentrationslager Buchenwald, ganz nah bei der Stadt Weimar. Die SS ist dabei, ihre Spuren zu tilgen, räumt Todeslager um Todeslager, und auch in Buchenwald wird über das Ende diskutiert. Dann eine erste Rückblende, ein neuer Transport trifft ein, darunter ein dreijähriger Junge, den ein Pole in einem Koffer ins Lager schmuggelt. Die ihn finden, sind erschrocken und überwältigt, sie werden sich des Kindes annehmen, auch wenn das Internationale Lagerkomitee dagegen ist, weil der Junge die Aufstandspläne gefährdet.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Das Lagerkomitee beschließt, den Jungen mit dem nächsten Transport nach Bergen-Belsen zu schicken, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte. Der Junge aber bleibt, versteckt und behütet von kommunistischen Häftlingen. Wenn wir das Kind opfern, sagt einer, opfern wir alles. Sie müssen für diesen Entschluss zur Menschlichkeit einen noch höheren Preis als ohnehin zahlen in dieser Menschenvernichtungshölle. Eine Parabel vom Überleben in finsterster Zeit, mit der Rettung des Kindes ist eine Zukunft denkbar.

          Romanvorlage von Bruno Apitz

          „Nackt unter Wölfen“ hat einen berühmten Vorgänger. Auch Frank Beyers Defa-Film von 1962 stellt den psychologischen Konflikt um das kleine Kind ins Zentrum seiner Erzählung, nur ist der brutale Lageralltag mit seinen Greueln bei ihm weniger vordergründig als im neuen, der kein Remake sein will, sondern sich an der inzwischen gut erforschten Geschichte dieses deutschen Lagers orientiert. Beyers Film nach dem erfolgreichen Roman von Bruno Apitz legitimierte noch einmal die Legende vom Antifaschismus und seinen unbezwingbaren kommunistischen Helden.

          Antreten zum Rapport: Sylvester Groth spielt den politischen Häftling Krämer auf dem Appellplatz des nachgestellten Konzentrationslagers Buchenwald.

          Trailer : „Nackt unter Wölfen“

          Stefan Kolditz hat das Drehbuch zur ungewöhnlichen Neuverfilmung geschrieben, auch er bezieht sich auf den Roman „Nackt unter Wölfen“, jedoch auf die erst 2012 erschienene überarbeitete Ausgabe. Wie schon bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ arbeitet Kolditz mit dem Regisseur Philipp Kadelbach zusammen. Es geht ihnen nicht darum, den Mythos Buchenwald zu dekonstruieren, obwohl das all jenen so vorkommen wird, die noch immer daran glauben. Auch sie erzählen von einer verschworenen Minderheit, den kommunistischen Funktionshäftlingen und ihrem Umfeld, und vom Sieg der Menschlichkeit über Ideologie und Gehorsam. Endet Beyers insgesamt eher stiller, distanziert angelegter Film im pathetischen Triumph einer Selbstbefreiung, so ist der neue von Anfang an laut, überwältigend brutal und nur zum Ende hin still, wenn die SS flieht und die Überlebenden erschöpft auf den Appellplatz taumeln.

          Ein wichtiges Stück Aufklärung

          Der Roman, erstmals 1958 erschienen, millionenfach verkauft, wurde in dreißig Sprachen übersetzt und war Pflichtlektüre in den Schulen der DDR. Wobei unbekannt ist, ob alle dieser Pflicht tatsächlich nachkamen. Viele, die in der DDR aufwuchsen, besuchten das Konzentrationslager Buchenwald, selten darauf vorbereitet, dafür oft überfordert, wenn man sie mit SS-Greueln konfrontierte.

          Die beunruhigende Nähe zur Klassikerstadt unten im Tal wiederum spielte bei diesen Unterweisungen kaum eine Rolle; auch Buchenwald sollte die dort Belehrten im festen Glauben entlassen, dass sie und ihre Väter, Mütter und Großeltern schon immer auf der richtigen Seite, jener der antifaschistischen Märtyrer, gestanden haben. Auch diese Entlastungsstrategie, manifester Teil des DDR-Selbstverständnisses und allenthalben virulent, weil nie öffentlich debattiert, will die Neuverfilmung konterkarieren. Im Westen Deutschlands ist der Apitz-Roman fast unbekannt geblieben. Allenfalls die Debatten um die Lagerhierarchie und die Rolle der kommunistischen Kapos, die sich an den Forschungen zu Buchenwald nach 1990 entzündeten, sind ins öffentliche gesamtdeutsche Bewusstsein gedrungen. Debatten, die zuweilen schrille Töne hatten und die Grenze zwischen Erfindern der Grausamkeit und privilegierten Häftlingen verwischten.

          Kadelbach und Kolditz gelingt mit ihrem aufwendig inszenierten Film ein wichtiges Stück Aufklärung. Nicht mehr das kommunistische Kollektiv triumphiert hier, es geht um sehr differenzierte Einzelschicksale. Das harte System der meist kommunistischen Funktionshäftlinge mit ihren Extrarationen, leichter Arbeit, Medizin nur für Genossen und direktem Zugriff auf die Todeslisten ist deutlich erkennbar. Aber genauso bleibt die SS der Todfeind, bestimmt der Überlebenskampf, der entwürdigend ist und Solidarität nur in Ausnahmen zulässt, alles. Die Balance zwischen Entmythisierung und brutaler Wahrheit zu halten ist eines der großen Verdienste dieses Films. Immer wieder zeigen überwältigende, zuweilen drastische Bilder das Elend in den Baracken, die Kranken, Verhungernden und Verzweifelten, den wahren Alltag also.

          Buchenwald-Dokumentation im Anschluss

          Problematisch ist etwas anderes: Selten ist im deutschen Fernsehen so viel überbordende Gewalt zu sehen, richtet sich die Kamera so nah und lange auf Folterer und Gefolterte, die trotzdem widerstehen – und so, vielleicht ist das unbeabsichtigt, den Mythos von der Unbesiegbarkeit weiterschreiben. Auch wenn die Wirklichkeit in Buchenwald noch viel entsetzlicher war, für welche Erkenntnis braucht es diesen Grausamkeitsfuror?

          Es war dramaturgisch klug, die fiktionale Erzählung vom geretteten Kind auf dieses eine zu konzentrieren. Und es ist klar, dass Apitz’ Roman das eine ist, die historisch genauen Rekonstruktionen der heutigen Gedenkstätte Buchenwald etwas anderes und der Film ein Drittes. Doch ist es schwer, das auseinanderzuhalten, allein schon, weil der bekannte Ort bildübermächtig ist. Warum also nicht einmal eine Erwähnung, dass in Buchenwald mehr als neunhundert Kinder und Jugendliche überlebten? Sie standen alle, das ist bekannt, unter dem Schutz der Kommunisten. Wer das genauer wissen will, sollte sich die anschließende Buchenwald-Dokumentation anschauen.

          Nackt unter Wölfen läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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