05.09.2007 · Immer, wenn es berechenbar wird, schlägt Hape Kerkeling den Jakobsweg der Neuerfindung ein. Jetzt hat er seinem Alter Ego Horst Schlämmer eine Frau geschenkt: Gisela. Benjamin von Stuckrad-Barre war beim ersten Treffen vor Kameras dabei.
Von Benjamin von Stuckrad-BarreRafael möchte nicht nach vorne, er versteckt sich in der Ecke der Eckkneipe „Laternchen“ im Düsseldorfer Nordend, ganz hinten, am Glücksspielautomaten. Dahinter sind nur noch die Toiletten. Zwar hatte Rafael diese Musikvideo-Statisten-Rolle auf der Internetseite der Plattenfirma gewonnen, doch hat er sich das alles offenbar etwas glamouröser vorgestellt - oder wenigstens etwas weniger peinlich. Wie er darauf nur kam? Schließlich wird hier ein Musikvideo mit Hape Kerkelings Figur „Horst Schlämmer“ gedreht, diesem Doornkaat ausdünstenden Regionalzeitungsreporter-Monster, mit Vogelnest-Perücke, verrutschtem Gebiss, Herrenhandtäschchen, Plauze, von Kerkeling so genanntem „Schnappatem“ und den weitergehenden körperlichen Malaisen „Rücken“ und „Kreislauf“.
Das muss doch kaputt, bemitleidenswert und, wenn man denn so will, peinlich werden. Das ist doch der Witz, Rafael! Der Regisseur Gerald Grabowski, der sich - da er Regisseur ist - natürlich lieber „Gerri“ nennen lässt, schimpft nun mit Rafael, er solle da vom Automaten wegkommen und mitdeppen. Sich also gewissermaßen, ach daher kommt diese Redewendung!, „zum Horst“ machen.
Sein Terrier darf nicht raus
Die anderen Statisten sind prima gecastet, sehen sehr nach Eckkneipe aus und können das auch darstellen: Sie stehen im Hintergrund herum, vor sich ein Bier und neben sich einen Saufkumpel, und mit Hilfe dieser beiden erörtern sie die Weltlage, sobald Gerri „Und bitte!“ ruft; sie tun dies mimisch und gestisch, ohne Ton, damit Kerkeling im Vordergrund ungestört brabbeln, schnaufen und, oh ja, singen kann, Kerkeling als Horst Schlämmer. Das Lied heißt „Gisela“, und Gisela, eine Mischung aus Mutter Beimer und Petra Gerster, ebenfalls gespielt von Kerkeling, wird in diesem Lied von Schlämmer nach allen Regeln des Nichtkönnens angebaggert:
- In jedem Mann steckt ein Terrier - nur meiner darf nachts raus.
- Sind die Zähne erst mal raus, hat die Zunge freies Spiel.
- Ich bin vom ADAC. Weißte, wegen Abschleppdienst.
- Trinken Se denn einen mit, oder sind Se verheiratet?
- Die ganzen jungen Hühner, die kannste doch alle inne Tonne kloppen, weißte, du hast gelebt!
Distanz dank Doornkaat
Hape Kerkeling ist, wenn keine Kamera läuft und er in keiner Verkleidung steckt, die angenehmste Sorte Mensch; er ist klug, aufmerksam, höflich, freundlich, bescheiden und eher zurückhaltend. Sobald er sich mittels Perücke, Klebebart, Gebiss, allerlei Polsterungen, grauem Kaufhausmantel und schwarzer Herrenhandtasche in Horst Schlämmer verwandelt und demzufolge eine Kamera läuft, ist er das genaue Gegenteil. Das, lieber Rafael, ist er, der Witz.
Während diese Figur eine sehr schlaue Rache Kerkelings ist an den Leuten, die ihn über die Jahre gequält haben mit Dummheit, Distanzlosigkeit, Dreistigkeit, ist er „in echt“ eher so wie Gisela. Seit Harald Schmidt mal in seiner Show vielgestaltig lächelnd verkündet hatte, Kerkeling habe ihm verraten, welche drei Journalisten die Echtweltvorlagen für den Mix-Charakter des Monsters Schlämmer bildeten, wollte man natürlich unbedingt wissen, wer nun gemeint sei. Man muss Kerkeling das nicht fragen, er wird es nicht sagen. Und die Stärke der Figur Schlämmer ist ja auch, dass sie nicht wie in verunglückten Kolportage-Verrenkungen von frustrierten Ex-Nutten des Betriebs nur bloßstellen will, per allein juristisch motivierter Tarnung enttarnen, ohne dann jedoch den künstlerischen wie aufklärerischen Wert von Kantinengeschwätz zu übertreffen. Nein, nein, Horst Schlämmer finden auch Menschen lustig, abartig und also gut getroffen, die sich nicht abstrakt „für die Medien“ interessieren (weil sie halt selbst völlig unabstrakt darin anschaffen).
Kerkelings Trick
Im „Laternchen“ ist es viel zu warm, da es heute auch draußen warm ist und außerdem die Scheinwerfer noch prächtig heizen. Sobald Gerri wieder was im sogenannten Kasten hat und umgebaut und nachgeschminkt wird, fliehen alle hinaus; allerdings trinken die Statisten vorher immer noch schnell ihre Requisiten aus, und das gibt dann Ärger mit Gerri, der Anschlüsse wegen! Eben war das Glas noch gefüllt, im nächsten Bild dann, ohne dass sichtbar getrunken wurde, plötzlich leer oder eben wieder ganz voll - Kinder, so geht es nicht. Ist doch egal, sagen sie da, die Statisten, und gegen solch zwingende Eckkneipen-Logik fällt auch einem erfahrenen Regisseur kein überzeugendes Argument ein. Also schenkt der Barmann nach. Im Video heißt er „Günni“, steht angemessen bräsig am Zapfhahn und ist ganz klassischer Barmann, nämlich Trauzeuge eines wunderbar entgleisenden Aneinandervorbeis. Im wahren Leben hat er als Geschäftsführer der Werbeagentur Special Key auf der anderen Seite des Tresens zu stehen, aber da es heutzutage bei Plattenfirmen ja durchs Dach regnet und für nichts mehr Geld da ist, organisiert eben seine Firma diesen Dreh.
Auf der Straße bleiben jetzt ein paar Polizisten vor dem „Laternchen“ stehen. Die Techniker werden hektisch, wollen rasch ihre „in der zweiten Reihe“ abgestellten Nutzfahrzeuge umparken und beim Einsteigen unterwürfige Entschuldigungen in Richtung der Amtspersonen rufen, die jedoch in friedlicher Absicht den Ablauf stören: Sie wollen bloß ein Autogramm von Kerkeling. Oder von Schlämmer. Wenn er den Schlämmer-Kram trägt, unterschreibt Kerkeling mit dessen Namen; einen Gisela-Schriftzug gibt es vorerst noch nicht.
In jeder Drehpause trauben sich Anwohner und Vorbeispazierende um Kerkeling. Der deutsche Passant ist natürlich BND-würdig ausgestattet mit Elektronik, hier ein Foto, da eins, bitte noch die Mailboxansage aufsprechen und - noch ein Foto. Kerkelings Trick, sich vor Zudringlichkeit zu schützen, ist so paradox und doch wirkungsvoll wie die Gegenfeuer, die Brandbekämpfer in von herannahenden Feuerwalzen bedrohtem Gehölz legen: Die ihm zu Leibe Rückenden nimmt er richtig in den Arm, atmet ihnen ins Gesicht, was ihm natürlich vor allem in der Schlämmer-Verkleidung schnellstens wieder Distanz verschafft.
Tarnung als Taktik
Mein Kurzeinsatz als Blumenverkäufer ist Teil der Schlussszene, noch sind wir irgendwo mittendrin, im Lied. In Schlämmers „Grevenbroicher Tageblatt“ würde der Reporter jetzt wohl feststellen, dass Dreharbeiten „vor allem aus Warten“ bestehen. Es ist, wie gesagt, sehr warm, und laut Drehplan wären wir, so gehört es sich, seit Stunden fertig, und mal wird der eine, dann der andere unleidig, vor wie hinter der Kamera - der Einzige, der durchgängig freundlich und geduldig bleibt, ist Kerkeling. Ein Vollprofi, natürlich.
Und wieder setzt das Playback ein, dudelt die Gainsbourg-Puff-Orgel los, die letzte Szene, in der Kerkeling Schlämmer ist, und noch mal und noch mal, dem Regisseur reicht es schon, aber Kerkeling möchte lieber noch einen Durchlauf. „Take“ heißt das, wissen die Statisten, die zwischendurch fachmännisch mit ihrer „Dreherfahrung“ angeben. Sie sind mittlerweile richtig besoffen.
Dann geht Kerkeling sich in Gisela verwandeln, und damit am Bildrand trotzdem weiterhin Schlämmer rumdelirieren kann, wird nun der so stämmige wie unerschrockene Statist Robert in Schlämmer verwandelt. Als er so aus dem „Laternchen“ spaziert kommt und sich stolz vor seinen Statisten-Kollegen im Kreis dreht, kommen ein paar Passanten auf ihn zu und wollen ein Autogramm. Etwas unsicher guckt Robert zu einer Mitarbeiterin aus Kerkelings Büro, und da diese aufmunternd nickt, gibt also Robert als Horst Autogramme, weil er für Hape gehalten wird.
Deutschlands Woody Allen
Und nun Gisela, die umworbene Schabracke. Lustig, natürlich. Aber doch auch rührend und tieftraurig. Ach! Kerkelings Spießer-Parodien sind im Vergleich zu dem, was den zahl- wie trostlosen Komödianten im Fernsehen zu diesem Topos so einfällt, um so vieles genauer, härter und dennoch gütiger. Kerkeling selbst hatte das „Laternchen“ als Spielort dieses Videos ausgekundschaftet, sein Blick, sein Ohr - also: sein Sinn für Soziotope, Soziolekte und Soziopathen ist immer wieder bemerkenswert. Nun also der Beichtstuhl all der Alltags-Geschundenen, die sich noch nicht im Internet verheddert haben: die Eckkneipe.
Kerkeling ist wohl Deutschlands Woody Allen. Unbeirrt setzt er Werkteil für Werkteil, Figur um Figur, Erzählung um Erzählung in die Welt, die ihrerseits darauf mal mehr, mal weniger begeistert reagiert; die manchmal etwas nicht gar so Gelungenes überschätzt, hin und wieder auch ein Juwel missachtet - doch der Künstler Kerkeling ist durch dieses variable Bombardement vollkommen frei. Er reitet tote Gäule wie Dukatenesel nie länger, als er es möchte. „Nein, ich möchte nicht“ - Giselas Verweigerungs-Mantra erinnert in seiner stoischen Radikalität an Herman Melvilles Bartleby („I would prefer not to“) und ist kurioserweise auch ein Grundzug Kerkelings; denn macht der nicht überall mit, sah und sieht man ihn nicht durch nahezu alle vom Fernsehen übertragenen Idioten-Stadl, mit Ausnahme vom Bachmann-Wettbewerb vielleicht, marodieren? Doch, freilich.
Der vitalste Dauererneuerer
Nur kommt er jedes Mal in anderer Absicht und Tarnung. Als Einziger bleibt er so in diesen Geistvernichtungsspiralen unbeschädigt. Funkenschlagend überlebt er im Arm von Nina Ruge, am SPD-Stehtisch mit Peter Struck, im Quiz-Sessel von Jauch, auf dem „Wetten dass“-Sofa neben Claudia Schiffer, bei der Bravo-Boy-Wahl und sogar auf dem Kamel von „Stars in der Manege“, wo regelmäßig nur die allertraurigsten Ex-Irgendwasse, selbst ganz und gar erloschen, durch (immerhin noch) brennende Reifen springen. Bevor anderen die Figur Schlämmer fad werden könnte, ballert Kerkeling eben Gisela hinterher. Und so ist er der vitalste Dauererneuerer der tristen, toten deutschen Fernsehunterhaltung. Quatsch Jakobs-, Kerkeling geht den Königsweg.
Dann ist es Nacht geworden in Düsseldorf-Nord, die letzte Szene, „Und bitte!“. Statist Robert als Schlämmer ist am Tresen eingeschlafen, den Kopf knapp neben dem Aschenbecher, Gisela „möchte nicht“, weder länger diesem Elend beiwohnen noch die ihr aufgedrängten Mittrink-Schnäpse bezahlen, und so stürmt sie jetzt empört aus dem „Laternchen“, läuft mir in die Arme, in denen ich einen pieksenden Rosenstrauß halte und mich nun verdutzt umgucken soll, was ich recht gut kann, mich verdutzt umgucken, kaum etwas tue ich lieber und häufiger. Plastikblumen, Spielautomaten, spelunkigstes Interieur, da stehen die Requisiten, Verzeihung, die Statisten, da liegt Schlämmer - und Kerkeling ist längst weg. „Und aus!“, ruft Gerri.
Grausam
Christian B (capomannu)
- 05.09.2007, 20:02 Uhr