17.10.2007 · RTL reformiert vorsichtig das Nachmittagsprogramm. Sat.1 hingegen riskiert den Untergang: Drei Monate nachdem die Boulevardsendung „Sat.1 am Mittag“ aus dem Programm flog, ist sie wieder da - im Vorabendprogramm. Von Peer Schader.
Von Peer SchaderBei Sat.1 vollzieht sich Wundersames: Drei Monate nachdem die Boulevardsendung „Sat.1 am Mittag“ aus dem Programm flog (siehe auch: Pro Sieben Sat.1 baut 180 Stellen ab), ist sie wieder da. Ein bisschen kürzer zwar und auf einem neuen Sendeplatz, aber sonst hat sich nicht viel verändert. Statt im orangefarbenen Studio steht die Moderatorin Mareile Höppner jetzt vor einer roten Kulisse aus dem Computer, kündigt aber weiter belanglose Filmchen an, die etwas mit Service zu tun haben sollen. „Sat.1 - Das Magazin“ heißt die Sendung, die um 18.45 Uhr nun das Boulevardmagazin „Blitz“ ersetzt und eines der Kernstücke des neuen Vorabends sein soll, mit dem Sat.1 die Krise der vergangenen Monate vergessen machen will. Doch man fragt sich: Ist das wirklich ernst gemeint?
In München hat sich die Redaktion angesehen, wie eine Zwangsräumung vonstatten geht, und zwar aus aktuellem Anlass, weil der Mann, der Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag angegriffen hat, das ja angeblich auch wegen seiner Mietschulden gemacht haben soll. Im zweiten Beitrag musste eine Studentin mit versteckter Kamera so tun, also wolle sie ihren Wagen verkaufen, und ist von unseriösen Händlern bedrängt worden. Und für den großen Sat.1-Urlaubstest in Wien hat Sat.1 knallharte Spartipps für Touristen recherchiert: Ein Schnitzel ist günstiger, wenn man es nicht in einem Lokal in der Stadtmitte isst. Und wer mit der U-Bahn zu Sehenswürdigkeiten fährt anstatt mit dem Taxi, der spart bares Geld. Respekt!
Hodensuppe statt Parteikongress
„Sat.1 - Das Magazin“ ist alles andere als ein konsequentes Investment in einen starken Vorabend, sondern sieht eher so aus, also wolle man sich mit dem geringst möglichen Aufwand durchmogeln. Immerhin: Der Totalabsturz zum Auftakt blieb aus. 1,74 Millionen Zuschauer haben sich am Montag nicht entschließen können wegzuschalten, mit 8,9 Prozent Marktanteil bei den jüngeren Zuschauern kann Sat.1 aber nicht zufrieden sein. Besser ging es auch den schon wieder erneuerten „Sat.1 News“ nicht, die mit Katja Losch die nächste Anchor-Frau und einen neuen Vorspann bekommen haben, in dem nichts mehr von der Welt zu sehen ist, sondern bloß noch Bilder aus Berlin zu sehen sind.
Das passt: Zehn Minuten war Zeit für einen Nachrichtenüberblick mit Airbus-Premiere und Strompreiserhöhung, bevor eine Sat.1-Reporterin über die Lebensmittelmesse Anuga schlendern durfte, um dort Hodensuppe, Fischpralinen und Essknete zu probieren. Für Nachrichten wie die bevorstehende Reform der EU und den Parteikongress in China war da natürlich keine Zeit mehr. Zumal das Wetter bereits zu Beginn gesendet wurde, damit Katja Losch nachher unmittelbar auf die Themen von „Sat.1 - Das Magazin“ verweisen konnte.
Mittags die Trailerschleife fürs Abendprogramm
Der fließende Übergang von einem Programm ins nächste hat bei Sat.1 jetzt System: Das „Magazin“ zeigte zum Abschluss einen Beitrag über die Protagonisten der neuen Dokusoap „Verdammt lange her“, die das zuletzt glücklose „Verliebt in Berlin“ ersetzt. Fünf ehemalige Schulfreunde treffen sich nach Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, besuchen sich gegenseitig zu Hause und durchwühlen die Schränke des Gastgebers, der sich alsbald vor einem Tribunal wiederfindet und Fragen beantworten muss wie: Warum schlafen dein Mann und du getrennt? Oder: Warst du schon immer so eine Zicke? Viel spannender ist aber: Wird Sat.1 mit so etwas wirklich durchkommen? Dann werden sich die anderen großen Sender Gedanken machen müssen, ob sie sich bisher mit ihren Programmen am Vorabend zu viel Mühe gegeben haben.
Deutlich souveräner präsentierte sich am Mittag RTL mit einem neuen Programmablauf. Katja Burkard führt nun durch ein auf zwei Stunden ausgeweitetes „Punkt 12“, das sich streckenweise ziemlich gezogen hat mit den vielen Coaching-Einspielern und Filmen, in denen Frauen nach Jahren der Ungewissheit mit dem RTL-Kamerateam im Schlepptau ihre leibliche Mutter suchen. Das ist zwar auch kein großes Fernsehen, passt aber ganz gut in den RTL-Mittag, solange man die Änderung nicht als Informationsoffensive missversteht. Es folgt demselben Duktus wie bei Sat.1, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier Profis am Werk sind. Beachtliche 28 Prozent Marktanteil holte RTL am Montag in der jungen Zielgruppe. Niemand sonst versteht es so gut, sein Programm als Trailerschleife für die Sendungen am Abend zu nutzen: Die Event-Show „Das Supertalent“ und „Bauer sucht Frau“ bekamen von „Punkt 12“ einen eigenen Beitrag geschenkt, Birgit Schrowanges „Extra“ eine Kurzzusammenfassung des Interviews mit dem „Kannibalen von Rothenburg“, das am Abend lief, und dazwischen liefen Hinweise für „Super-Nanny“, „Raus aus den Schulden“ und „Helfer mit Herz“.
Nach kurzer Unterbrechung von Oliver Geißen, der mit seiner Talkshow die 1500. Sendung feierte, wozu man ihm gerne herzliches Beileid aussprechen würde, durfte die resolute Diplom-Psychologin Susan Akel in „Familienhilfe mit Herz“ ihre erste Familie therapieren. Das ging ziemlich schnell. Eben hat die Mutter noch die Tochter angeschrien, ein Rollentauschgespräch später herrscht Zuversicht. Sogar der Ehemann macht seiner Liebsten wieder Komplimente, wenn auch sehr, sehr zweifelhafte. Man sollte nachmittags den Bildschirm einfach meiden und mehr spazieren gehen.