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Neuer WDR-Intendant Tom Buhrow : Wir sind schon digital

  • -Aktualisiert am

Tom Buhrow ist neuer WDR-Intendant: „Mein Credo: Macht Fehler“ Bild: dpa

Habemus Intendanten: Das WDR-Rundfunkrat-Konklave hat Tom Buhrow mit überwältigender Mehrheit zum neuen Intendanten bestimmt. Und der bringt gleich die Liebe mit.

          Ganz zum Schluss der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz im Kleinen Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks zitierte Tom Buhrow, der designierte Intendant der größten und mächtigsten ARD-Anstalt, „einen Popsong“: „Ich düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit.“ Kurze Pause, dann: „Ja, ich bring die Liebe mit“. Gemeint war die Liebe zu Nordrhein-Westfalen und zum WDR, wo Buhrows Karriere mit einem Volontariat in den achtziger Jahren begonnen hat.

          Das Liebesbekenntnis war nun so kurios – noch kurioser als „Mein Credo ist: Macht Fehler!“, weil er hier nachschob, „bitte keine Angstkultur“ –, dass es die versammelte Journalistenschar losprusten ließ, aber zugleich eine eigenartige Spannung durchbrach. Bis dahin nämlich hatte man das Gefühl, auf der Bühne gehe es defensiver zu als eigentlich nötig.

          Ein strahlender Sieger, zwei Düpierte

          Die Runde gemacht hatte die Nachricht schon eine gute Stunde vor der Pressekonferenz: Mit der überwältigenden Mehrheit von 41 Stimmen hatten die 47 anwesenden Mitglieder des WDR-Rundfunkrats Tom Buhrow zum Nachfolger von Monika Piel gewählt, die aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten ist. Es war allgemein erwartet worden, dass sich der Rundfunkrat, der zu drei Vierteln aus Vertretern „gesellschaftlich relevanter Gruppen“ besteht – der Deutsche Beamtenbund NRW ebenso wie der Landesportbund oder der Lippische Heimatbund e.V. – für den populärsten Kandidaten entscheiden würde.

          Unterlegen: Jan Metzger ist Intendant von Radio Bremen
          Unterlegen: Jan Metzger ist Intendant von Radio Bremen : Bild: dpa

          Nur vier Stimmen erhielt der Mitkandidat Jan Metzger, der derzeitige Intendant von Radio Bremen, und gar nur zwei Stimmen entfielen auf Stefan Kürten von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) – beide sind damit öffentlich blamiert. Dabei hatten sie im Gegensatz zu Tom Buhrow Managementerfahrung mitgebracht.

          Um so vehementer, nämlich dreifach, betonte Ruth Hieronymi, die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrates, dass es sich um eine offene, transparente Wahl ohne Vorentscheidung gehandelt habe, dass alle Kandidaten geeignet gewesen seien für den Chefposten. Auch Tom Buhrow fügte zweimal an, das Gremium habe „eine echte Wahl gehabt“. In den Auswahlprozess habe er sich nicht eingeschaltet, könne aber sagen, im Rundfunkrat werde keineswegs nach Gruppendynamik entschieden, wie es manchmal heiße.

          Unterlegen: Stefan Kürten ist Direktor bei der Europäischen Rundfunkunion in Genf
          Unterlegen: Stefan Kürten ist Direktor bei der Europäischen Rundfunkunion in Genf : Bild: dpa

          Der WDR könne stolz auf das Verfahren sein, sagte Buhrow. Mehrfach klang in Richtung Pressevertreter an, er hoffe auf faire Behandlung. Etwas trotzig antwortete der Gewählte denn auch auf die erwartbare Management-Frage, keiner der Kandidaten habe bereits ein so großes Unternehmen geleitet. Er müsse und wolle sich dabei auf die Kompetenzen innerhalb des WDR verlassen. Dass Buhrow selbst die breite Zustimmung freut, kann man ihm natürlich nicht verdenken. Es stellt sich nur noch dringender als zuvor die Frage, ob das Auswahlverfahren ein besonders glückliches war.

          Ein Chef zum Anfassen

          Die Pressekonferenz hatte leicht verspätet begonnen. Plötzlich lief, nein sprang der Gewählte durch die Seitentür, begrüßte stürmisch Freunde, wirkte gelöst und entschlossen, keineswegs staatstragend zu wirken. Viele der WDR-Gewaltigen waren zugegen, Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff im frechen rot-weißen Kostüm, sonst aber überwiegend ältere Herren in gedeckten Farben. Da kann ein wenig jugendliche Lockerheit nicht schaden. „Ich möchte Brücken bauen, auch in den WDR hinein,“ sagte Buhrow in seinem Statement: „Ich möchte Kontakt haben, ich möchte zum Anfassen sein.“ Das ist sympathisch, aber welchen Kurs möchte er mit dem „Flaggschiff der ARD“ (Ruth Hieronymi) nun einschlagen?

          Überlegen: Tom Buhrow, der neue Intendant des WDR, ist (noch) Moderator der ARD-“Tagesthemen“
          Überlegen: Tom Buhrow, der neue Intendant des WDR, ist (noch) Moderator der ARD-“Tagesthemen“ : Bild: dpa

          Dass man vor einer schwierigen Situation stehe, räumte Buhrow freimütig ein. Diese sei ausgelöst worden durch das Internet. Die Lösung, die ihm vorschwebt, scheint darin zu bestehen, die Inhalte lediglich anders zu verbreiten: „Wir sind ja schon im elektronischen Medium. Unsere Produkte sind ja schon im Prinzip digital.“ Man müsse nun eben stets vom Produkt her denken und fragen, wie es das Publikum rezipieren wolle. Dies gar nicht zu wollen, ist für Buhrow keine Option. Er sieht eine seiner Hauptaufgaben denn auch darin, durch das Land zu reisen und auf den Marktplätzen den Menschen das Programm nahe zu bringen.

          Der Dienstantritt ist noch nicht klar

          Wie schnell er den Intendantenposten wirklich antreten werde (Stichwort „Sauseschritt“), könne er noch nicht sagen („Ich hab da keine News für Sie“), denn man habe bei den Tagesthemen über diesen Fall noch gar nicht gesprochen. Und diese dürften sicherlich keinen Schaden nehmen. Außerdem, und da schaute er ehrlich erschreckt, sei eine Abschiedsrunde ja wohl noch erlaubt?! Buhrow beschönigte nicht, dass er als Chef der mächtigsten ARD-Anstalt das Vorschlagsrecht für seinen Nachfolger bei den Tagesthemen habe und wahrnehmen wolle.

          Ruth Hieronymi betonte abschließend noch einmal, dass mit Tom Buhrow der Kandidat erkoren worden sei, der am meisten von zwei für den WDR gegenwärtig essentiellen Eigenschaften mitbringe: Kooperationsbereitschaft und Kommunikationsstärke. Letztere ließ der neue Intendant auch im Kleinen Sendesaal spielen und brachte die Diskussion, bevor es noch um Gebühren oder gar Einsparungen (bei den knapp 1,4 Milliarden Euro Jahresetat) gehen würde, immer wieder aufs Menschliche zurück: Er stamme eigentlich gar nicht aus Troisdorf, sondern aus Siegburg, werde seit seiner Jugend Tom gerufen (keine amerikanische Allüre) und auf seiner Lebensplanungsliste habe der Intendantenposten nicht gestanden. Nach einer guten halben Stunde ging es dann mit Appetit ans Büffet.

          Mit dem Fernsehjournalisten Fritz Pleitgen an der Spitze hat der WDR eine ziemlich gute Zeit gehabt. Man kann nur hoffen, dass sich dies mit dem Fernsehjournalisten Tom Buhrow an der Spitze wiederholt.

          Quelle: FAZ.NET mit dpa

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