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Neuer „Tatort“ vom Bodensee : Keine Hochzeit und so mancher Todesfall

  • -Aktualisiert am

Kommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) findet Mia Hennig (Natalia Rudziewicz) ganz bezaubernd. Doch für privates Glück ist im „Tatort“ kein Platz Bild: SWR/Stephanie Schweigert

Weiß eigentlich noch jemand, wie viele „Tatort“-Teams es gibt? Die ARD befeuert eine Inflation, welche die Reihe entwertet. Jetzt geht es noch einmal an den Bodensee. Dann ist endlich Sommerpause.

          Wenn am Sonntag mit „Letzte Tage“ die letzte „Tatort“-Erstausstrahlung vor der Sommerpause beginnt, können manche der Göttinger Philologen und Literaturwissenschaftler der Georg-August-Universität schon die Füße hochlegen. „Tatort - Zwischen Serie und Werk“ heißt die Tagung mit mehr als zwanzig internationalen Forschern verschiedener Disziplinen, die ebendort heute zu Ende geht. Mit dem Thema „,Tatort‘ als Reflexionsmedium der Gesellschaft(sgeschichte)“ wird man sich dann ebenso beschäftigt haben wie mit internationalen Vergleichen, besonders amerikanischen Serien, ästhetischen Fragestellungen, Täterprofilen und der „Logik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der Hauptsendezeit“.

          Haben die keine anderen Probleme? Diese zugegebenermaßen ungerechte Frage kann man natürlich vielen Forschungsgegenständen unterschieben. Irgendwie aber beschleicht einen nicht erst seit gestern der Verdacht, dass es mit dem „Tatort“ auch mal genug sein könnte. Das Phänomen der zunehmenden Irrelevanz durch Zuschauerüberfütterung mittels Vervielfältigung, das die ARD zuletzt so eindrucksvoll mit ihren Talkshows unter Beweis gestellt hat, zeigt sich auch beim „Tatort“. Gleich vier neue Ermittler und Teams starteten diese Saison in Dortmund (Jörg Hartmann), in Saarbrücken (Devid Striesow mit einer kruden Figur) und gleich zweimal in Hamburg (mit Til Schweiger in Action und dem milchtrinkenden Wotan Wilke Möhring). Während Nina Kunzendorf und etwas später auch Joachim Król beim Hessischen Rundfunk ihre Rollen aufgaben. Was äußerst schade für die Zuschauer ist, denn ihre „Tatorte“ waren mit die besten der letzten Zeit.

          Verkrampft im Wunsch nach Originalität

          Entwertung durch Inflation: Auch so kann man ein Format ruinieren. Wenn der Bayerische Rundfunk 2014 seinen neuen Franken-„Tatort“ startet, gibt es 22 Ermittlerteams. Nur wenige sind so erwähnenswert wie der österreichische „Tatort“, der sich immer wieder etwas traut und zwar schrullig sein will, aber nicht so aufs gewollt Skurrile zielt wie die beliebten Münsteraner. Exzellente Unterhaltung und Krimis, die jenseits der Geläufigkeiten bestechen, sieht man außerdem beim „Borowski-Tatort“ aus Kiel. Selten war eine Folge so atemlos spannend wie „Der stille Gast“, in der Lars Eidinger als Psychopath brillierte. Leitmayr und Batic (Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec) in München stehen meist für ausgesuchte Ästhetik und Geschichten abseits der Routine. Aber nicht diese, sondern Ballermann Nick Tschiller (Schweiger) in Hamburg holte, generalstabsmäßig vorbereitet, die Quotenkrone. Fast. Die Zuschauermagneten aus Münster waren mit der Folge „Summ, summ, summ“ Spitze bei den Einschaltzahlen.

          Insgesamt bleibt der Eindruck, dass gewisse gesellschaftliche Reizthemen (Zivilcourage, minderjährige Prostituierte aus Osteuropa, Rockerkriminalität) im „Tatort“ gleichsam zu Tode geritten werden. Viele der Drehbücher bieten mehr Schematisches als Individuelles. Und der Rest verkrampft im Wunsch nach Originalität. Verwunderlich außerdem - oder auch nicht -, dass exzellente Theaterschauspieler wie Martin Wuttke oder die „Tatort“-Chefin am Bodensee Eva Mattes als Klara Blum hier schauspielerisch unter ihren Möglichkeiten bleiben (müssen).

          Weihnachtstatort mit Tschirner und Ulmen

          „Letzte Tage“ ist nachgerade eine Illustration für die gegenwärtige Unterdurchschnittlichkeit vieler „Tatorte“, und somit auch wieder repräsentativ. Klara Blum ermittelt mit ihrem Assistenten Perlmann (Sebastian Bezzel) im Fall eines krebskranken Ermordeten, der auf einer Fähre aus der Schweiz aufgefunden wurde. Kabbeleien mit dem Schweizer Kollegen Matteo Lüthi (Roland Koch) sind programmiert. Die krimiüblichen, für unterhaltsam gehaltenen Kompetenzstreitigkeiten gipfeln darin, dass sich Blum mit ihren Handschellen kurzerhand an den Schweizer Kollegen kettet und den Schlüssel in den Bodensee wirft. Das wirkt viel weniger neckisch als unbedingt albern. Die Spuren führen zu einem Pharmakonzern, einem berühmten Krebsarzt, einer Krebspatienten-Selbsthilfegruppe und zur verzweifelten Familie des Toten. Zwischendurch erfährt man allerhand Wissenswertes über Leukämie (vortragsähnlich zurechtgeschnitzte Referate in Unterhaltungsfilmen braucht man beim Öffentlich-Rechtlichen regelmäßig). Zur Lahmheit des Ganzen passend, sinniert Perlmann über seine Rentenbezüge und die routinierte Langeweile des Polizistendaseins. Schließlich lässt er sich auf eine seltsame, wilde Affäre mit der Medizinstudentin Mia (Natalia Rudziewicz) ein, die ihn durch ihre Kompromisslosigkeit fasziniert. Das darf natürlich nicht gut ausgehen.

          Denn Kompromisslosigkeit ist wenig gefragt beim „Tatort“. Am 18.August startet die neue Saison mit einer Schweizer Ausgabe. Als Innovation werden, nachdem Schmücke und Schneider im verdienten Ruhestand sind, gleich zwei Erstaufführungen vom MDR gemeldet: Die Kommissare Henry Funck (Friedrich Mücke) und Maik Scheffert (Benjamin Kramme) und die Nachwuchskraft Johanna Grewel (Alina Levshin) sind von November an im Dienst zu sehen. Am 26.Dezember schließlich soll mit der Folge „Die fette Hoppe“ (es geht um eine Thüringer Rostbratwurst) mit Nora Tschirner und Christian Ulmen die Tradition eines Weimarer Weihnachts-„Tatorts“ begründet werden. Es geht also um die Wurst.

          Der Tatort. Letzte Tage, Sonntag, 23. Juni, 20.15 Uhr, ARD

          Quelle: F.A.Z.

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