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Neuer „Tatort“ aus Wien : Es geht um Kopf und Kragen

  • -Aktualisiert am

Da geht es dem Inspektor schon wieder besser: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer, Mitte) ermittelt in der Walachei gegen einen Täter, der auch ihn im Visier hat. Bild: rbb/ORF/Toni Muhr

Ein Schuss, und plötzlich ist die Welt aus den Fugen: Im Wiener „Tatort: Unvergessen“ kämpft Kommissar Eisner mit der Vergesslichkeit. Zudem muss er in die feindliche Walachei, wo man die Wiener gar nicht mag.

          Der Wiener Polizeichef kommt gleich zum unsentimentalen Wesentlichen, als er mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) telefoniert: „Is' er a Gemüse?“ Ein Gemüse ist der Inspektor Eisner (Harald Krassnitzer) nach dem Kopfschuss, der ihn zu Beginn dieses „Tatorts“ fast das Leben gekostet hat, nicht recht eigentlich. Obwohl - wie angeschlagen ist Eisner wirklich? Dienstunfähig noch nach Wochen, selbstredend. Er hat Aussetzer. Meinen die anderen. Er ist der Einzige, der die Tat aufklären kann, meint Eisner.

          Störrisch und grantig wie seit jeher, seinen Zustand aber nur mit Mühe verbergend. Die Fakten sprechen für sich und gegen ihn. Ein Geschosssplitter steckt in seinem Gehirn, er hat Wortfindungsstörungen, und von Zeit zu Zeit verwirren sich die Bilder, die sein Kopf produziert und ohne Vorwarnung in grellen Farben wirbeln lässt, als habe er seltsame Pilze gegessen.

          Pro domo ermittelt Eisner diesmal, unter den denkbar schlechtesten Umständen und mit getrübtem Urteilsvermögen. Auch ihn, wie schon viele Fernsehkommissare, hat die retrograde Amnesie in ihren unheimlichen Fängen. Außerdem muss er, um die Erinnerung wiederzugewinnen und den versuchten Mord seiner Person zu lösen, allein in die feindliche Walachei fahren. Nach Kärnten, an die Grenze zu Slowenien, wo man die Wiener für großspurig und überflüssig hält und die Dinge lieber untereinander regelt.

          Alles Vergangene ist vergangen und soll ruhen

          Vor allem, wenn wieder mal einer kommt und den braunen Sumpf der Vergangenheit trockenlegen will. Alles Vergangene, so fordert vor allem der lokale Alleinherrscher und Steinbruchbesitzer Franz Wiegele (Jürgen Döring) vehement, ist vergangen und soll ruhen.

          Auf dieses Ermittlerpaar wollen wir nicht verzichten: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf dem Balkon ihres Hotels.
          Auf dieses Ermittlerpaar wollen wir nicht verzichten: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auf dem Balkon ihres Hotels. : Bild: rbb/ORF/Toni Muhr

          Das sieht Eisner ganz anders und wirbelt schon mächtig Staub vor Ort auf, als Kollegin Fellner ihn aufspürt und beide entdecken, dass Eisner wohl ein amouröses Wochenende mit der Journalistin Maja (Bojana Golenac) geplant hatte, die in ebenjenem Kärntner Dorf eine Dokumentation über ein fast vergessenes NS-Massaker an der Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg drehte.

          Als sie tot aufgefunden wird, erschossen zur selben Zeit mit derselben Waffe, aus der die Kugel stammt, die Eisner traf, bekommt der Fall einen neuen Dreh. Sollten die braven Bürger, die beim Heimatabend dem Ortspolizisten und Chorleiter gerade die „Goldene Kulturnadel der Gemeinde Eisenkappel“ verliehen haben, zur Jagd auf unbequeme Gäste geblasen haben?

          Auf Krassnitzer und Neuhauser wollen wir nicht verzichten

          Und sollte der „Tatort“ aus Wien, der trotz - krimigesetzmäßig vorübergehender -- Amnesie seiner Hauptfigur diesmal „Unvergessen“ heißt, den meisten anderen „Tatort“-Ausgaben so nach und nach den Schneid abkaufen? Bei einer mittlerweile fast unübersehbaren Zahl von alten und neuen Ermittlerpaaren stellt sich die Frage nach denen, die überflüssig sein mögen, fast wie von selbst. Krassnitzer und Neuhauser gehören jedenfalls schon seit geraumer Zeit zu denen, auf die wir nicht verzichten mögen.

          Wo andere ausdrücklich spaßig, skurril oder seltsam sein müssen, erledigen sie die Pointen mit illusionsfreiem Wortwitz umstandslos. Wo andere mit überraschenden Wendungen, Action oder gesellschaftlichen Anliegen punkten (wollen), erfüllt man hier ganz entspannt und mit gutem Sinn für Timing und sehr gutem für die Bildgestaltung (Kamera: Gero Lasnig) gleich alle drei Wünsche auf einmal.

          Obwohl Christiane Hörbigers Sohn Sascha Bigler, der für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, sich im Krimifach bisher nicht einschlägig hervorgetan hat, überzeugt „Unvergessen“ auf ganzer Strecke. Haupt- und Nebensachen bewegen sich im richtigen Verhältnis zueinander, die (Wiener) Polizei bewahrt - gelegentlich buchstäblich schwankend - Haltung, die Ortsansässigen suchen vergeblich ihre schöngefärbte Art der Ehre zu verteidigen, und der Ehemann der Toten trauert auf seine ganz eigene Weise. Relevant und verspielt zugleich, gehört „Unvergessen“ zu den besten „Tatorten“ der letzten Zeit.

          Der Tatort: Unvergessen“ läuft an Pfingstmontag, 20. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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