Dass Duisburg kein Tatort mehr sein wird, hat auch damit zu tun, dass es dort an manchen Ecken noch immer so aussieht wie in Dortmund vor zwanzig Jahren: Ruß auf der Fensterbank, glühende Hochöfen und meterdicke Stahlrohre entlang der Aschenplätze. Das entspricht dem Bild, das es vom Ruhrgebiet noch immer gibt - das qualmende Industrierevier, in dem Hunderttausende bildungsferne Malocher samstags in die Stadien ziehen. Dieses Bild will der WDR nun verrücken. Er will weg von der Ruhrpottromantik. Dafür erschien Dortmund als geeigneter Ort: Hier sind die Hochöfen längst zu Industriekultur stilisiert worden, Malocher dominieren nicht mal mehr in der einst staatsparteiähnlichen SPD, und im Stadion jubeln die High Potentials der schwarzgelben Mannschaft zu, die einen modernen Angriffsfußball spielt. Das Ruhrgebiet, in dem Horst Schimanski ermittelte, ist untergegangen.
Geblieben sind die Konfliktlinien zwischen den Gewinnern und den Verlierern des Wandels, der allein in Dortmund 80000 Industriearbeitsplätze hat verschwinden lassen; es kamen neue. Eine ungeheuerliche Verschiebung. Die Zwischenräume sind gefüllt mit dem Material, aus dem der Drehbuchautor Jürgen Werner, der Regisseur (Thomas Jauch) und die Darsteller des vierköpfigen Ermittlerteams (Jörg Hartmann, Anna Schudt, Aylin Tezel, Stefan Konarske) von dieser Woche an den neuen „Tatort“ modellieren. Es ist Drehbeginn - in Köln, wo in einer Wohnung die erste Dortmunder „Tatort“-Leiche entdeckt wird. Dortmund wird nur die Außenaufnahmen erleben. An zehn Drehtagen für zwei „Tatort“-Folgen. Viel mehr wird vorerst nicht preisgegeben, außer dass der WDR in diesen Krimis den „Strukturwandel“ abbilden will.
Noch geht ihm die Fragerei nicht auf die Nerven
Bei der Vorstellung des neuen Stücks, das im Herbst erstmals in der ARD zu sehen ist, reden alle davon, auch die Intendantin Monika Piel. Die Idee mit dem neuen Ruhrgebiets-„Tatort“ sei ihr vor einem Jahr auf einer Pressekonferenz „voreilig rausgerutscht“, sagt sie. Damit trat sie eine Debatte über Identität und Imagebildung via „Tatort“ los. In Artikelserien der regionalen Presse und Internetforen wurde darüber abgestimmt, wer wohl der ideale Kommissar sei. Oft war vom Schimanski-Nachfolger die Rede. Schließlich wird der kompromisslose Duisburger Ermittler schmerzhaft vermisst. Schimmi ist Kult im Pott. Zumal er bislang ohne Ersatz blieb. Schlimmer noch: Die ursprünglichen Ruhrgebietskommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär aus Dortmund) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt aus Hamm) ermitteln seit fünfzehn Jahren in Köln, wo sie immer mal wieder im Schlussbild eine Currywurst vor der Kulisse des Doms vertilgen. Ausgerechnet Currywurst.
Die mag Jörg Hartmann auch; nachdem er zwei davon verdrückt hat, schiebt er gar noch zwei Stücke Kuchen hinterher, so dass man sich fragt, wo dieser drahtige Mensch all das lässt. Der WDR hat eingeladen, zu Currywurst und Pils der „Dortmunder Actien-Brauerei“ - achtzehn Stockwerke über der Stadt. Im Blick das schönste Stadion Europas („Times“) und die Videoinstallationen an der Brauereibrache „Dortmunder U“. Zuletzt wurde da unten, auf der angeblich größten Baustelle Europas, das ehemalige Gelände eines riesigen Stahlwerkes geflutet. Am Ufer des neuen Sees entstehen Häuser für die Gewinner des Strukturwandels, von denen einige einen Yachtclub gegründet haben. Auch dort wird bald gedreht.
Aber jetzt trinkt Jörg Hartmann erst mal einen Kaffee, lehnt sich zurück und versichert, dass ihm diese ganze Fragerei über Lokalkolorit, seine Herkunft und die Sprachfärbung überhaupt nicht auf die Nerven geht. Noch nicht. Hartmann ist gleich hinter der Stadtgrenze geboren. Nach Abitur und Zivildienst war er dann weg. Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Wie viele kreative Köpfe, die im Ruhrgebiet aufwachsen, macht er sich auf. Vor der Schauspielschule in Stuttgart hospitiert er am Dortmunder Jugendtheater. Heute lebt er in Potsdam. Für seine Rolle als Stasioffizier Falk Kupfer in der Serie „Weissensee“ erhielt er im vergangenen Jahr den Deutschen Fernsehpreis. Aber da steht seine „Tatort“-Besetzung längst fest. Das ist ihm wichtig zu erwähnen. Auch der „Tatort“-Ermittler Peter Faber, den Hartmann spielt, kommt nach zwanzig Jahren in seine Heimatstadt zurück - als Leiter der Dortmunder Mordkommission.
Ermittlungsarbeit statt Privatleben der Kommissare
„Das ist jetzt kein Typ, der dem Klischee eines Ruhrpottlers entspricht, also kein Kumpel, der so einen Ton drauf hat wie: ‚Komma her, pass ma auf, du setzt dich getz ma, Freundchen, getz bis du ma ganz ruhig!‘“ Hartmann kann ansatzlos umschalten, mit einem Wimpernschlag die Identität wechseln. Sein Faber sei wandlungsfähig, einfühlsam und schwierig. Ihm gelinge es immer wieder, sich in die Täter hineinzudenken. „Und manchmal ist ihm die Welt der Toten näher als die der Lebenden.“ Hartmann spricht jetzt in Rätseln. Das will auch das Drehbuch - Rätsel aufgeben und langsam lösen. Da hilft es, wenn die Hauptfigur unberechenbar ist. Für den WDR wäre es ein Leichtes gewesen, weiterzumachen, womit Horst Schimanski aufhörte - dem Ruhrpott-Klischee. Doch vor allem der regelmäßige „Tatort“-Autor Jürgen Werner wollte etwas Neues. Hat er doch selbst den Abgesang und das Ende des schwerindustriellen Ruhrgebiets in dem Schimanski-Krimi „Schicht im Schacht“ (2008) beschrieben.
„Wir möchten, dass der Rest der Nation den Pott noch mal anders betrachtet. Denn hier gibt es ja nicht nur Fußball, wolkenverhangenen Himmel und keine Bäume“, sagt Jörg Hartmann. Dann redet er wieder über seine Figur, Peter Faber. Der sei lange Zeit in Lübeck gewesen. Warum? „Das wird erst in einer späteren Folge ganz aufgelöst.“ Bis dahin soll sich das vierköpfige Ermittlerteam bei den Zuschauern etabliert haben. Zwei Frauen, zwei Männer. Erstmals hat der „Tatort“ die Zahl der Ermittler aufgestockt. Und damit auch die Aktionen, die Dialoge und Handlungsstränge. „Sogar die Drehbücher sind deshalb dicker“, sagt Jürgen Werner. Dafür blendet er das Privatleben seiner Kommissare weitgehend aus. Im Vordergrund steht die Ermittlungsarbeit. Die Zuschauer werden nicht mehr wissen als die Kommissare.
Da ist neben Faber noch seine Stellvertreterin Martina Bönisch (Anna Schudt), die aus der Opferperspektive denkt. Außerdem die junge, ehrgeizige Nora Dalay (Aylin Tezel), die in ihrem Viertel, dem Problemkiez Dortmunder Nordstadt, für bessere Lebensbedingungen kämpft. Das Thema Integration ist im Ruhrgebiets-„Tatort“ dauerhaft besetzt. Und dann ist da noch Daniel Kossik (Stefan Konarske): Stehplatz-Dauerkarte beim BVB, zweiter Bildungsweg, Schrebergarten, der Vater war unter Tage, der Bruder ist ein arbeitsloser Bergmann. Die beiden wohl eindeutigen Charaktere Dalay und Kossik gehen eine Liebesbeziehung ein. Ganz ohne Klischees kommt der Dortmund „Tatort“ nicht aus. Das gibt Jürgen Werner gern zu: „Wir klopfen die Bücher nicht danach ab, wo wir eine Bratwurst reindrücken können“. Aber ganz auf die gängigen Muster verzichten werde man auch nicht.