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Neuer „Schimanski-Tatort“ : Von Zeit zu Zeit sehn wir den Alten gern

Klingt schon komisch, wenn man sagt, er ist ganz der Alte: Götz George legt als Horst Schimanski Hand an - wie eh und je. Bild: WDR/Uwe Stratmann

Mit Rentnerdasein ist immer noch nix: Götz George spielt wieder einmal „Schimanski“, er haut aber nicht mehr so drauf wie früher.

          Schimanski fühlt sich nicht wohl als Rentner, man sieht es sofort. Nicht, dass er laut darüber klagen würde. Das wäre nicht sein Stil. Aber die Ironie, vor allem die Selbstironie, die, neben den Fäusten natürlich, schon immer eine seiner schärfsten Waffen war, ist ihm auch in dem zwangsweise ruhigeren Lebensabschnitt, in dem er sich seit einigen Jahren zurechtfinden muss, eine treue Begleiterin. So steht er gleich zu Beginn seines neuen Falls mit seiner ewigen Freundin Marie-Claire in einem Paternoster. Sie kniet vor ihm, ihr Kopf auf der Höhe seines Hosenstalls, aber nein, die Zeiten, in denen sich nun vollziehen würde, was einem sofort in den Sinn kommt, sind auch in Duisburg vorbei. Die Hose klemmt, so banal ist es, der Bauch passt einfach nicht mehr in den Anzug. „Alles Muskeln“, sagt er. Was soll er auch sonst sagen?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass die Zeit vergeht, dass der Pott jetzt iPod heißt und die Kohlezechen zu Funparks geworden sind, wie es in einem der durchaus vorhandenen schwächeren Momente des Films einmal heißt, ist eine Tatsache, die in der Folge „Loverboy“ (Regie: Kaspar Heidelbach, Drehbuch: Jürgen Werner) stetig mitgedacht wird. Und das muss auch so sein. 29 Mal hat Götz George seinen Schimanski als „Tatort“-Kommissar zwischen 1981 und 1991 gespielt, dann, nach ein paar Jahren Pause, kehrte die Figur 1997 zurück. Inzwischen gibt es „Schimanski“ nur noch alle zwei, drei Jahre, die letzte Episode lief im Januar 2011.

          Ein einziges großes Wiedersehen

          Ein wenig wirkt der neue Film daher wie eine Handreichung, die in Abwandlung eines Gottfried-Benn-Essays auch den Titel „Altern als Problem für Kommissare“ tragen könnte. Denn wie bringt man eine Figur über die Zeit, die ihre Hochphase in den achtziger, auch noch in den neunziger Jahren erlebt hat? Wie rettet man diesen smarten Nonkonformisten, ohne ihm - und übrigens auch ohne seinen Mitstreitern Hänschen (Chiem van Houweninge), Hunger (Julian Weigend) und Marie-Claire (Denise Virieux), die glücklicherweise alle wieder dabei, aber natürlich ebenfalls älter geworden sind - die Würde zu nehmen? Das sind die eigentlich interessanten Fragen, um die es hier geht. Sie sind, man muss es so sagen, weitaus spannender als der Fall, den es zu lösen gilt.

          Wirklich sehenswert ist allein die Hinführung zu diesem: wie Schimanski, den Götz George in gewohnt-gekonnter Schwebe zwischen Rauhbeinigkeit und Das-Herz-am-rechten-Fleck-Haben hält, seinen alten Gegenspieler Kaijewski (Marek Wlodarczyk) im Gefängnis besucht und dort gleich von dem anschwellenden Gegröle zahlloser alter Bekannter begrüßt wird, das ist seines Nimbus schon sehr würdig. Kaijewski will, dass Schimanski seine Tochter findet, die verschwunden und, wie sich später zeigt, in die Fänge des „Loverboys“ Nils (Vladimir Burlakov) geraten ist.

          Alte Kollegen: Schimanski (Götz George) und Hänschen (Chiem van Houweninge) Bilderstrecke
          Alte Kollegen: Schimanski (Götz George) und Hänschen (Chiem van Houweninge) :

          Dessen Masche funktioniert stets nach demselben Muster: Man suche sich ein schönes, an mangelndem Selbstwertgefühl leidendes Mädchen, schwöre ihr Liebe und Treue, isoliere sie von ihrem Umfeld und schicke sie am Ende auf den Strich. Dieses Szenario ist als dramaturgischer Rahmen nicht falsch. Entscheidend ist, dass es, obwohl keinesfalls realitätsfern, hier doch eigentümlich konstruiert wirkt. Man nimmt dem guten Nils seine Verführerkünste einfach nicht ab. Und man mag deswegen auch der verlorenen Tochter Jessica (Muriel Wimmer) die Naivität nicht so recht glauben. Das Gefälle aber, das aufgrund der schauspielerischen Leistungen entsteht, schadet dem Film - Schimanski braucht einfach ebenbürtige Gegner.

          Der alte Mann tut, was er tun muss

          Weil Götz George die nicht hat, weil auch Anna Loos, die sich als Mutter einer ebenfalls verlorengegangenen Tochter im Milieu auskennt und Schimanski schließlich bei seiner Suche hilft, vom Drehbuch gezwungen wird, ihre Leidensgeschichte in unglaublich hölzernen Imperfekt-Sätzen aufzusagen („Er machte meine Tochter drogenabhängig“, „Ich las ihr den Brief ihrer Großmutter vor“), verbergen sich die wirklich guten Szenen dieses Films in Gesten, einzelnen Dialogen, kurzen Ausbrüchen. Dann ist Schimanski ganz bei sich, und dann ist er am besten: Wenn er etwa seine altbekannte beige Jacke wieder aus der Kiste kramt, in der sie seit seiner Pensionierung vor sich hinmodert; wenn er Informationen erpresst, indem er den einen in den Schwitzkasten nimmt und die andere unter die kalte Dusche stellt; wenn er den Mörder des „Loverboys“ schließlich fragt, wieso er denn nur zwei Kugeln abgefeuert habe, „ich hätte sechsmal abgedrückt“ - das sind die Momente, um derentwillen auch diese Schimanski-Folge sehenswert ist.

          Genauso wie in der Eröffnungsszene des Films sieht man an ihnen: Schimanski kann zwar nicht mehr alles, und er versucht es gar nicht erst. Das aber, was er kann, macht er noch: Er provoziert, streitet, pöbelt und tröstet. Und er macht das richtig gut.

          „Schimanski - Loverboy“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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