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Neuer Film der Brüder Dardenne : Lass dich nicht vom Leid unterkriegen

  • -Aktualisiert am

Mit unheilbaren Zuständen will sich die Ärztin nicht abfinden: Jenny Davin, gespielt von der großartigen Adèle Haenel. Bild: Temperclayfilm

Die Filme der Brüder Dardenne sind Erzählformen des gefährdeten sozialen Überlebens – der neueste sucht „Das unbekannte Mädchen“. Ein Spiegel für das heutige Europa.

          Die junge Ärztin Jenny Davin ist gerade bei der Nachbereitung ihres Arbeitstages, als es klingelt. Der Praktikant will öffnen, doch sie weist ihn zurecht. Es muss auch mal Schluss sein mit der ständigen Beanspruchung. Einige Tage darauf wird sie auf Videoaufnahmen das Gesicht der Frau sehen, die Einlass gesucht hat: eine junge Afrikanerin. Man fand sie wenig später tot auf einer Uferbank. Sie ist „Das unbekannte Mädchen“ („La fille inconnue“) in dem neuen Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Polizei ermittelt, und Jenny, die von schlechtem Gewissen geplagt wird, beginnt ebenfalls, sich umzuhören. Sie will den Namen des Opfers herausfinden, für ein richtiges Grab. Aber sie will auch wissen, was genau geschehen ist. Denn die Polizei mit ihrer Routine scheint dem Fall nicht die Aufmerksamkeit zu widmen, die er verdient. Ein Fall, in dem sich das Europa von heute wiedererkennen kann: Eine Frau ohne Papiere trifft auf die Vertreterin eines der sozialen Systeme, kommt aber nicht einmal durch die Tür.

          Seit sie 1999 mit „Rosetta“, einem der bedeutendsten Arthousefilme der vergangenen Jahrzehnte, bekannt wurden, haben sich die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne auf ein anscheinend einfaches, sozialrealistisches Kino spezialisiert, in dem sie moralische Fragen und die vielfachen Zwangslagen der einfachen Leute zusammenführen. „La fille inconnue“ ist auch stilistisch ein exzellentes Beispiel für ihr Vorgehen: Der Film bleibt durchweg bei Jenny Davin (ohne Pathos gespielt von der großartigen Adèle Haenel), die als praktische Ärztin leicht die Position einer selbsternannten Ermittlerin einnehmen kann.

          Gier nach Zigaretten vor der Salbung

          Auf ihren Wegen lernen wir das Leben in Liège (Lüttich) als einer Weltgesellschaft im Kleinen kennen. Die Kameraeinstellung, bei der die Dardennes damals Rosetta von hinten folgten, die fast alle ihre Wege zu Fuß erledigen musste, wurde stilbildend für Filme, die das tägliche Leben als eine Art Hürdenlauf begreifen: ein Abklappern von Orten, an denen man etwas für sich erreichen will, an die man vorgeladen wird, an denen man in Kontakt mit der Welt kommt. Jenny Davin steht als Protagonistin auf der anderen Seite, sie erledigt ihre Wege auch selten zu Fuß, sondern in einem Kleinwagen mit Autotelefon.

          Das Schicksal des „unbekannten Mädchens“ veranlasst Jenny auch zu einer weitreichenden Entscheidung: Sie verzichtet auf die Stelle in einer privaten Praxis und übernimmt stattdessen eine für Allgemeinmedizin von einem alten Kollegen, der in den Ruhestand geht und dem viele Menschen nachtrauern. Jenny hat etwas von einer modernen, nachreligiösen Heiligen: Sie lebt allein, ziemlich spartanisch, ihre einzige Kompensation scheinen die Zigaretten zu sein, die sie manchmal gierig raucht, bei geöffnetem Fenster, mit Blick auf das Grau von Liège. Das Telefon ist allgegenwärtig, als praktische Ärztin scheint sie keine Dienstzeiten zu kennen. Wiederholt zeigen die Dardennes auch den medizinischen Alltag, wobei die eine oder andere Behandlung durchaus symbolisch aufgeladen ist: Einem Diabetiker, der sich kaum mehr bewegen kann, versorgt Jenny die Füße. Das ist medizinisch zweifellos angeraten, hat aber auch etwas von der bekannten Demutsgeste aus der Bibel.

          Überwältigt von Leid

          Durch die Tür, die für das unbekannte Mädchen verschlossen blieb, strömen die Leute, die etwas wissen, etwas verschweigen, etwas auf dem Herzen haben. Einem jungen Mann schlägt es auf den Magen, dass er etwas gesehen hat, was seine Phantasie nun über Gebühr beansprucht. Seine Eltern brauchen die Ärztin, um ihn zum Sprechen zu bringen, doch als er etwas preisgibt, wird die Sache erst recht peinlich. Der Praktikant, dem Jenny zu Beginn noch sachlich den Rat gegeben hat, „sich vom Leid nicht überwältigen zu lassen“, hat den Dienst quittiert und macht sich dadurch verdächtig.

          Sich vom Leid nicht überwältigen zu lassen, das ist auch eine Herausforderung an das Kino, der sich die Dardennes mit ihrer protokollarischen Form stellen. Sie arbeiten das Leid ab, mit Stationendramen, die sich immer deutlicher von dem einfachsten aller Ansprüche leiten lassen: „Sie bittet uns darum“, sagt Jenny Davin, als jemand sie fragt, warum sie sich so in die Angelegenheit einer toten Afrikanerin verstrickt, die sie niemals persönlich gesehen hat. Den ethischen Anspruch, den ein Gesicht an uns stellt, vermitteln die Dardennes in diesem Fall in einer klugen Pointe noch einmal technologisch: Das, was Jenny als Herausforderung erkennt, erreicht sie durchs Bild einer Überwachungskamera.

          Die beiden Filmemacher machen damit die Differenz zu ihrer eigenen Arbeit deutlich: Der gleichgültigen Aufzeichnung von Material auf Verdacht eines außerordentlichen Vorfalls stellen sie die engagierte und solidarische Aufzeichnung einer kontinuierlichen Arbeit entgegen. Jenny Davin arbeitet sich durch die Gesellschaft, die wir hier als eine europäische begreifen lernen, in deren Mitte anonyme Menschen lautlos um Anerkennung flehen.

          Quelle: F.A.Z.

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