http://www.faz.net/-gqz-88nct
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 06.10.2015, 20:25 Uhr

Neue Mysterieserie „Weinberg“ In den abgelegensten Lagen wachsen die besten Serien

Eine erstklassige Serie kann schon mal nicht aus Deutschland kommen. Oder doch? Der Abo-Sender TNT Serie zeigt ab heute den Mysterie-Mehrteiler „Weinberg“ und verwandelt das Ahrtal in eine Winzerhölle.

von Oliver Jungen
© TNT SERIE Liegt dort die Lösung? Wohl eher nicht. Ronald Kukulies, Victoria Trauttmansdorff und Friedrich Mücke (von links) blieben bis zur letzten Folge im Nebel.

Am Weinberg zerschellte schon immer das Hergebrachte. Nehmen wir nur das Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium, in dem ein Weinbauer allen Arbeitern unabhängig von der Arbeitszeit den gleichen Lohn zahlte: Diese freche Attacke auf das Leistungsprinzip gehört zu den seltsamsten, aber auch spannendsten Lehrstücken des Neuen Testaments. Am „Weinberg“ zerschellt auch heute das Hergebrachte. Dass deutsche Sender und Produktionsfirmen keine erstklassigen Fernsehserien herzustellen in der Lage seien, diese schon für ein Naturgesetz gehaltene Seltsamkeit wird durch einen herrlich düsteren und schrägen Genre-Sechsteiler über Gewalt, Riten und Paranoia in der lieblich-schaurigen Winzerhölle des Ahrtals widerlegt.

WEINBERG © TNT Serie Vergrößern Auch Zepter (Arved Birnbaum), der resolute Bürgermeister, tappt im Nebel.

Den gleich von zwei Regisseuren (Till Franzen und Jan Martin Scharf) verantworteten Mystery-Volltreffer „Weinberg“ beschert uns der kleine Bezahlsender TNT Serie, während sich unsere öffentlich-rechtlichen Anstalten in Sachen High-End-Fernsehserien gerade erst zu einem aufgepumpten Schurkenkrimi aus der Muckibude („Blochin“ im ZDF) emporgearbeitet haben. In „Weinberg“, dessen Drehbuch Arne Nolting gemeinsam mit Jan Martin Scharf verfasst hat, begegnet uns eine interessantere Art von Held, einer, der zunächst der einzig Vernünftige in einer hinterwäldlerischen, verschlossenen Gemeinschaft zu sein scheint, sich jedoch allmählich selbst zu misstrauen lernt.

WEINBERG © TNT Serie Vergrößern Auf einem Weingut geht es schließlich um Wein: Regina Donatius (Victoria Trauttmansdorff) und Gerd Finck (Ronald Kukulies).

Die „Twin Peaks“-Anleihen sind unbestreitbar, doch nur eine Zutat eines Thrillers, der die deutsche Heimat-Emblematik ironisch bricht, ohne dabei albern zu werden. Wir sind hier Michael Hanekes „Weißem Band“ näher als all den klamottigen Kuhweidenkrimis der vergangenen Jahre. Allerdings zeigt die Serie einen Dorftotalitarismus in der sinnenfrohen katholischen Variante, obgleich dieser Katholizismus - ein köstlicher Einfall - enthauptet zu sein scheint. Der Priestermangel nämlich hat zu einem frisch aus Vietnam importierten Pfarrer (Yung Ngo) geführt, der nur gebrochen Deutsch spricht und im Dorf als „Fidschi-Priester“ herzlich verachtet wird. Ein Versprecher des neuen Pfarrers aber ist gar nicht so falsch: „Zu Tage graben“ statt „zu Grabe tragen“ sagt er in einer Trauerrede. Und darum geht es hier: um das Ausgraben von Geheimnissen, Schuld und Toten.

Kein Licht am Ende des Tunnels

Friedrich Mücke, der schon in der TNT-Serie „Add a Friend“ spielte, gibt den Ahnungslosen, der ohne Erinnerungen neben einer bekrönten Frauenleiche im Wingert erwacht und die Tote später quicklebendig wiedertrifft, recht glaubhaft. Die eigentlichen Stars der Serie aber sind die geheimnisvoll verschlagenen Einwohner des fiktiven Örtchens Kaltenzell, allen voran der selbstherrliche, von Schwefelgeruch umgebene Winzer und Bürgermeister Zepter (Arved Birnbaum), dem die willkürliche Entlohnung seiner Arbeiter ebenfalls zuzutrauen wäre - und zwar als Macht-, nicht als Gnadenbeweis. Auch seine abtrünnige Ehefrau Hanna (Antje Traue) und die durchtriebene Weingutbesitzerin Regina Donatus (Victoria Trauttmansdorff) machen eine gute Figur.

WEINBERG © TNT Serie Vergrößern Ist sie tot oder nicht? Die Weinkönigin Sophia Finck (Sinha Melina Gierke) auf dem Weinberg.

Der Clou des Buches besteht darin, dass jeder Schritt Richtung Auflösung mehr Rätsel aufgibt, weil der Weg ans Licht zugleich ein Weg in die Tiefe der unauslotbaren Psyche des Helden ist. Das erlaubt den Einsatz aller Horror-Effekte und Mystery-Elemente bis hin zum Auftritt einer schamanistischen Friseurin (Anna Böttcher), ohne dabei wirklich ins Phantastische abzugleiten. Entstanden sind surreale Szenen von ungekannter Intensität.

Alles Übernatürliche kann seinen Grund auch in der defekten Wahrnehmung des Helden haben. Ebendas bescheinigt ihm die auf eigene Art windige Psychologin Dr. Wieland (Gudrun Landgrebe). Bei den Geistern, die wir mit den Augen des namenlosen Helden sehen, mag das gleich einleuchten, aber bald wird man der Frage nicht mehr ausweichen können, welche Wahrheit stimmt und was real ist von dem, was die trügerischen Bilder zeigen.

Mehr zum Thema

Und welch großartige Bilder des nebelverhangenen Ahrtals das sind. Man habe jede Sekunde Sonnenschein herausgeschnitten, sagte Till Franzen bei der Premiere der Serie im Kölner Residenz-Kino vor wenigen Tagen. Tatsächlich gibt es kein Licht am Ende des Tunnels, der Zuschauer fühlt sich eingesperrt in einem spätestens in den achtziger Jahren von der Zivilisation abgekoppelten Dorf mit seinen eigenen Regeln und Begehrenserfüllungen. Absurde Frömmigkeit und ätzende Glaubenskritik, wie sie von den Bandmitgliedern der Punk-Band „Angry Fucks“ ausgelebt wird, kommen dabei bestens miteinander aus, denn letztlich befinden wir uns in einer großen Familie. Dass das alles bis in die Effekte hinein so gut aussieht, liegt auch am Mut zur Investition: Mehr als dreieinhalb Millionen Euro (600 000 Euro davon kamen von der Film- und Medienstiftung NRW) hat der Sender in seinen Mehrteiler gesteckt, und das ohne Aussicht auf eine zweite Staffel, denn das Ende, das bislang selbst im Sender kaum jemand kenne, sei derart heftig, hieß es bei der Premiere, dass eine Fortsetzung völlig undenkbar sei. Darauf einen Ahrwein süß-sauer!

Glosse

Die sanfte Tour

Von Edo Reents

Für das richtige Maß an männlicher Vollkommenheit reicht die vertraute Nassrasur längst nicht mehr aus. Aber rasieren die neuen Hightech-Wunder mit Aloe Vera überhaupt noch? Was wollen sie von uns? Mehr 1

Zur Homepage