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Neue Krimiserie „Luther“ : Er reicht keinem Mörder die Hand

Aufbrausend wie Othello, gerissen wie Jago: DCI John Luther (Idris Elba) Bild: ZDF und BBC 2010

Dieser Ermittler hat seinen eigenen Begriff von Gerechtigkeit: Mit dem BBC-Sechsteiler „Luther“ werden die letzten Werte des Polizistenstandes zu Grabe getragen.

          Die Verfolgungsjagd zu Beginn erinnert an die „Shaft“-Privatdetektivfilme der siebziger Jahre. Zu Fuß geht es über Stock und Stein, in einer alten Lagerhalle. Ein gut gekleideter Mann in mittleren Jahren flüchtet die Stahltreppen empor, verfolgt von einem kräftigen Schwarzen mit Kapuzenjacke und bedrohlichem Gangstergang. An einer verschlossenen Tür ist Endstation, der Verfolgte dreht sich verängstigt um, den Häscher sehen wir in einer Nahaufnahme mit bedrohlichen Augen, die immer größer werden. Wir kennen diese Augen aus der amerikanischen Serie „The Wire“, in der Idris Elba den Drogendealer Russel „Stringer“ Bell gespielt hat.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Hätten wir nicht die Vorankündigung gelesen, würden wir anfangs beinahe Gut und Böse verwechseln und damit nur zum Teil falsch liegen. Denn das vermeintliche Opfer ist ein gefährlicher Serienmörder, der Verfolger aber ist Detective Chief Inspector John Luther (Elba). Der allerdings, nachdem sein Widersacher gestolpert und in ein Loch gefallen ist, seelenruhig dabei zuschaut, wie dieser am Abgrund baumelt. Erst in Todesnot und weil Luther nicht daran denkt, ihm zu helfen, gibt Henry Madsen sein Geheimnis preis: das Versteck seines jüngsten Opfers. Doch das reicht Luther nicht, er will auch die Namen der anderen Opfer hören. Dann stürzt der strampelnde Kinderschänder ab. Erschreckt über sich selbst schlägt der Polizist die Hände über dem Kopf zusammen.

          Das Genre des Kriminalfilms hat in den letzten Wochen im deutschen Fernsehen mit der BBC-Serie „Sherlock Holmes“ (siehe auch „Sherlock“ im Ersten: Er steht an der Front der Wissensgesellschaft) und dem neuen Münchner „Polizeiruf“ (siehe auch Neuer „Polizeiruf“ aus München:Wie Störtebeker ohne Kopf) eine erstaunliche Blüte erlebt. Wobei die neuen Ermittler allesamt dunkle Geheimnisse hüten und entschieden manipulativ ermitteln. So zeigt sich der neue Holmes, ein moralferner, fast schon künstlich intelligenter Freak, fasziniert vom Verbrechen und von Drogen. Und der soldatische Watson ist aus Afghanistan mit zitternden Händen zurückkehrt, nicht etwa, weil er vom Krieg traumatisiert ist, sondern - weil dieser ihm fehlt.

          Die Mörderin, Dein Freund und Helfer: Alice Morgan (Ruth Wilson) und John Luther kommen sich immer näher
          Die Mörderin, Dein Freund und Helfer: Alice Morgan (Ruth Wilson) und John Luther kommen sich immer näher : Bild: ZDF und BBC 2010

          Dieser Oberlippe kann er kaum widerstehen

          All diese politischen Unkorrektheiten und menschlichen Schwächen werden von „Luther“, der zweiten BBC-Erfolgsserie der letzten Monate, die in England zuletzt sieben Millionen Zuschauer verfolgten, noch übertroffen. Die Anfangsszene ist nur ein recht grober Auftakt, eine nostalgische Reminiszenz an Genreklassiker, wie der Sender sie liebt, man denke nur an die geniale Serie „The Singing Detective“. Psychologisch gesehen ist das aber noch gänzlich unmotiviert. Zu überraschen vermag die erste Folge erst mit den Dialogen, die in ihrer sophistication eine fast shakespearesche Geschliffenheit anstreben. Geschrieben werden sie von Neil Cross, einem Mann, der, wie er sagt, in der englischen Unterschicht mit halbkriminellem Hochstapler-Stiefvater aufwuchs und seit einiger Zeit in Neuseeland mit einer Kiwi-Familie eine Barfußexistenz führt. Mit Luther schuf er nicht nur einen überhitzten Othello, der im Büro Schreibtische umwirft und bei seiner Frau, die einen anderen liebt, die Tür einschlägt. Er ist zugleich ein intrigenfähiger und höchst eloquenter Jago, der, darin Columbo nicht unähnlich, Verdächtigen Fallen stellt und sich auf Psychospielchen mit seinen intelligenten Widersachern einlässt.

          Luthers erster Fall nach der Suspendierung - der Sturz des Täters bleibt für ihn ohne Folgen, da der Päderast im Koma liegt und nicht aussagen kann - führt den Inspektor an den Ort eines Familienverbrechens. Vater, Mutter und Hund sind erschossen worden, die Tochter, eine begabte Studentin der Astrophysik, sitzt aufgelöst und unter Schock im Wohnzimmer. Nach einem Verhör im Präsidium ist Luther davon überzeugt, dass sie die Mörderin ist. Als er die junge Frau mit seinem Verdacht konfrontiert, wandelt sich die scheinbar Verängstigte vom weinenden Mädchen zur eiskalten Psychopaten-Lady - eine Meisterleistung von Ruth Wilson. Immer selbstbewusster lässt sie ihre Oberlippe aufragen, der Luther in einem späteren Verhör kaum widerstehen kann. Zum abrupten Schluss der ersten Folge sehen wir sie vor dem Krankenbett des Serienmörders Henry Madsen; Luthers Frau hat sie auch schon aufgelauert.

          Dass diese Qualitätsserie nur auf dem Digitalkanal ZDFneo läuft, ist ein großer Fehler, sie gehört unbedingt ins Hauptprogramm des Zweiten.

          Luther läuft montags um 22.35 Uhr bei ZDFneo.

          Quelle: F.A.Z.

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