Warum Amerika „die größte Nation der Welt“ sei, möchte eine blonde Studentin von den Teilnehmern einer Podiumsdiskussion mit Journalisten in der Auftaktsequenz von HBOs neuer Serie „The Newsroom“ wissen, und man möchte die Augen verdrehen: Himmel, diese Amerikaner! Umso glatter geht die Tirade des Nachrichtenmoderators Will McAvoy (Jeff Daniels) auf Amerikas Mittelmäßigkeit runter. Es dauert keine fünf Minuten, da hat Aaron Sorkin sein Publikum am Haken.
Sorkin, der mit Serien wie „Sports Night“ und „The West Wing“ seitenlange Dialoge im Fernsehen salonfähig machte - man könnte auch sagen: geschliffene Plädoyers für ein besseres Amerika in Fernsehserien verpackte - nimmt sich in „The Newsroom“ die Fernsehnachrichten vor, und er tut es auf ebenso unterhaltsame Weise, wie er in „The Social Network“ (Oscar für das beste adaptierte Drehbuch) die leidlich interessante Geschichte der Erfindung von Facebook zu einem spannenden Thriller machte. Sorkins Will McAvoy ist ein Zyniker, dessen Idealismus durch Sachzwänge verstopft ist. Jeff Daniels spielt ihn mit der konsternierten Miene eines Mannes, der sich mit Sarkasmus über Wasser hält. Dass ihm mit Mackenzie MacHale (Emily Mortimer als abgeklärte Kriegsreporterin, deren gezielter Schlagabtausch mit McAvoy dem Ganzen den Hauch einer altmodischen romantischen Komödie gibt) ausgerechnet seine Ex als neue Produzentin vor die Nase gesetzt wird, macht die Sache nicht besser. Dass sie ihn anstachelt, wieder eine respektable Nachrichtensendung zu machen, scheint perfide.
Die Geschichte noch einmal
“Nichts ist in einer Demokratie wichtiger als eine informierte Wählerschaft!“, ruft die Kriegsreporterin kämpferisch, und McAvoy stöhnt gequält auf. „Wir machen hier kein Non-Profit-Theater, sondern werbefinanziertes Fernsehen“, sagt er. Aber natürlich geht ihm der Appell an die Ehre. Dann explodiert eine Ölbohrplattform im Golf von Mexiko, und fortan dekliniert Sorkin Newsstories der jüngeren Vergangenheit so durch, wie sie hätte sein sollen. „The Newsroom“, sagt Sorkin, sei eine Liebeserklärung an den Journalismus.
Vor sechsunddreißig Jahren wurde diese Geschichte schon einmal erzählt, damals im Kino in Sidney Lumets oscargekröntem „Network“ aus der Feder von Paddy Chayefsky. Aber Sorkin betont, dass der Film von 1976 über den vom Quotendruck frustrierten Nachrichtensprecher Howard Beale (“I’m mad as hell and I won’t take it anymore“) das exakte Gegenteil seiner Serie sei. „Network“, sagt Sorkin, sei eine zutiefst düstere Geschichte gewesen. „,The Newsroom’ dagegen ist eine verwegene, idealistische, romantische Komödie.“
Als Wills Team, vor allen anderen, das Leck der Ölbohrplattform Deepwater Horizon als Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes erfasst, als Will vor laufender Kamera den Finger in die Wunde legt und von Inkompetenz, Schlamperei und Kungelei zwischen Regierung und Privatfirmen berichtet, blitzt Hoffnung auf: So aufregend und aufrichtig könnten „Breaking News“ sein - kämpferisch, schonungslos die Fehler im System aufzeigend, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehend. „Aaron ist ein Romantiker“, sagt der Schauspieler Jeff Daniels über seinen Autor. „Und er mag nun mal große Ideen.“
Sorkin wirkt wie ein Relikt aus den Neunzigern: dunkelblauer Blazer, hellblaues Hemd, sandfarbene Slacks, runde Hornbrille. Er trägt blondiertes Haar und einen tief gebräunten Teint, und er vibriert vor nervöser Energie. Seine Stimme wird schrill, als er lachend erklärt, er sei keinesfalls ein Weltverbesserer. „Ich bin professioneller Entertainer, kein Aktivist“, sagt er, auch wenn das nicht bedeute, dass er sich nicht ernster Themen annehmen könne. Man schaue sich nur Shakespeare an, der Stücke wie Richard III. und Hamlet fürs Bauernvolk schrieb.
Ein handgreiflicher Ausrutscher
Trotzdem: Sorkins Stück über den Bedeutungsverlust der vierten Gewalt angesichts des Quotendrucks ist ein flammender Appell, und manchmal balanciert er haarscharf auf der Grenze zum Pathos. Doch meist sind Sorkins Dialoge kunstvolle Redeschlachten. „Wir rennen hier nicht mit gezogener Pistole um die Ecke und rufen ,Pass auf!“, sagt Jeff Daniels. „Aber Sorkins Dialoge und Tempo kommen einer Actionszene gleich.“
Wer meint, Sorkin sei ein vergeistigter Denker, den belehrt er gern eines anderen. Wenn er schreibt, agiert er oft die Szenen selbst aus, neulich stürzte er bei einer solchen spontanen Dramatisierung mit dem Gesicht voran in einen Spiegel. Wie das? Sorkin springt von seinem Stuhl in einer Suite des „Four Seasons Hotels“ in Beverly Hills auf, um vorzuspielen, wie er mitten in der Nacht einen handgreiflichen Ausrutscher von Will exerzierte. „Ich bin wohl der einzige Autor der Welt“, sagt er grinsend, „der sich beim Schreiben die Nase gebrochen hat.“
Achtung, Qualitätsfernsehen!
Es sind natürlich nicht Actionszenen, die „The Newsroom“ zu großem Fernsehen machen. Wenn sich Will in einem schwachen Moment bei seinem Team bedankt und zu spät merkt, dass er im falschen Produktionsraum steht, wenn seine Assistentin Maggie (wie ein Reh im Fernlicht: Alison Pill), die er zum dritten Mal „Karen“ nennt, mit ganzer Courage sagt: „Es gibt hier keine Karen. Nirgends.“; wenn Will mit eiskaltem Sarkasmus auf eine versöhnliche Entschuldigung Mackenzies reagiert, dann findet die Serie zu jenem altmodischen Charme, der an die romantischen Komödie George Cukors erinnert.
Sorkins Figuren - darunter der trinkselige Senderchef Charlie Skinner (wunderbar schräg-onkelig: Sam Waterston) und die konkurrierenden jungen Gockel in der Redaktion, Don (Thomas Sadowski als karrierebewusster Macho) und Jim (John Gallagher als bescheidener Neuling mit untrüglichem Näschen) sind faszinierend. Sorkins Dialoge - sind klug und vielschichtig, gespickt mit Anspielungen auf Hoch- und Popkultur - von Cervantes (Don Quichote ist ein Leitmotiv von „The Newsroom“) bis zum Musicaltheater, das Sorkin - eigentlich wollte er Schauspieler werden - an der New Yorker Syracuse University studierte. Ein amerikanischer Kritiker fand, Sorkin schreibe so scharfsinnig, dass man auf dem Schirm eine Warnung erwarte: „Achtung, Qualitätsfernsehen!“
Manchmal allerdings verhebt sich „The Newsroom“ an der Begeisterung über die eigene Cleverness, und dann sehnt man sich nach der Zurückhaltung, die einstige Nachrichtenmänner wie Edward Murrow oder Walter Cronkite von den eitlen Schreihälsen der heutigen amerikanischen Nachrichtenlandschaft scheiden. HBO lässt zu, dass der Oscarpreisträger Sorkin seinem Überschwang zum Opfer fällt. Ironischerweise tappt „The Newsroom“ damit in dieselbe Falle, die in der Realität MSNBCs Vorzeigemoderator Keith Olbermann zum Verhängnis wurde, als er sich zum Gegenentwurf des Fox-News-Rechthabers Bill O’Reilly stilisierte und stattdessen dessen auf links gestricktes Abziehbild wurde.
Aaron Sorkin ist freilich als Kontrollfreak verschrien, der keine Eingriffe in seine Dialoge duldet. Jeff Daniels findet, das sei ein Segen. „Ich komme vom Film, wo ich oft genug den Eindruck habe, dass in den Drehbüchern irgendein junger Studiomanager mit einem Handbuch übers Skript gewischt hat.“ Sorkin, sagt Daniels, schreibe mit singulärer Stimme.
Manche der Schauspieler mussten sich mit dieser Stimme erst anfreunden - die Engländerin Emily Mortimer zum Beispiel, die zugibt, dass ihr die haltlos idealistischen Reden, die sie als Mackenzie schwingt, auch dann kaum über die Lippen gingen, als Sorkin aus der ursprünglich als Amerikanerin angelegten Figur eine Britin machte. Emily Mortimer ist mit einem Amerikaner verheiratet und hat seit 2010 die amerikanische Staatsbürgerschaft. „Aber diese Serie dreht sich nun mal darum, wie schwierig es ist, idealistisch zu sein - und dass es sich trotzdem lohnt.“
In der Eingangsszene ist es Mortimers Mackenzie McHale, die Will zu der Frage nach Amerikas amnegblicher Großartigkeit eine Antwort in den Schreibblock kritzelt und damit die Essenz von „The Newsroom“ formuliert: „Ist es nicht. Kann es aber sein.“
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Closed via SSO (KlausTheo)
- 24.06.2012, 15:01 Uhr