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Veröffentlicht: 28.05.2013, 17:10 Uhr

„Neue Adresse Paradies“ im ZDF Auferstehung ist machbar, Herr Nachbar

Der Schauspieler Martin Brambach ist eine Wucht, die Sozialkomödie „Neue Adresse Paradies“ wuppt er wie nix.

von Heike Hupertz
© Erika Hauri, ZDF Humor hilft gegen Abstiegsangst: der gestrauchelte Ex-Manager Stefan (Martin Brambach) fällt sanft in die Sozialidylle Campingplatz

Eigentlich ist Stefan ein Supertyp. „Immer lustig, immer großzügig, immer gut gelaunt.“ Stemmt erfolgreich sein Bauunternehmen. Hängt sich auch sonst rein. Interessiert, engagiert, langmütig. Ist sich für nichts zu schade. Backt an Festtagen, steppt und singt weihnachtlich beschwingt zu „Rudolph, the red-nosed Reindeer“. Schmachtet auch nach zehn Jahren Ehe seine Frau Jenny (Dana Golombek) an, unterstützt sie beim Heilpraktikerinnenlehrgang mit Rat und Tat. Ist immer da für seine fünfzehnjährige Ziehtochter Natascha (Leonie Katarina Tepe). Obwohl er keinen leichten Stand bei ihr hat und er das weiß. Den ersten Brief hat sie ihm schon mit sechs Jahren geschrieben: „Lieber Stefan, hau ab. Und vergiss bitte nicht, dass du ein Pups bist.“ Für Natascha ist Stefan, dessen Haarpracht auch schon bessere Tage gesehen hat, einfach nur peinlich. Loser bleibt Loser - und ein Pups eben, da kann er noch so erfolgreich tun.

„Neue Adresse Paradies“ ist als Komödie, die auch auf ernstere Zwischentöne wert legt, aus der Sicht der verwöhnten Tochter erzählt. Es ist eine Geschichte vom sozialen Absturz einer Familie aus Mutter, Tochter und Stiefvater, die über Nacht aus der Villa in Alleinlage aus- und in ein gebrauchtes Wohnmobil zwischen lauter aufdringliche Dauercamper und ihre Gartenzwerge und Regelwerke ziehen muss. Die Bank, wer sonst, ist schuld. Fehlspekulation, Insolvenz, Pfändung. Da gerät selbst der Laptop der Tochter in die Verlustmasse, und der Zuschauer von heute weiß sofort: Dies ist kein Fernsehfilm über den wirtschaftlichen Absturz einer Bedarfsgemeinschaft allgemein, sondern es ist ein Film über den sozialen Tod im Besonderen. Samt Auferstehung, sonst wäre es ja keine Komödie.

Das Böse trägt Nadelstreifen

Und Auferstehung heißt in diesem Fall, denn wir sind ja beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen: nicht das Wiedereinsetzen in das alte Leben, in langweilige Luxusabhängigkeit und oberflächliche Freundschaften, so wie sie Natascha vor ihrem Eintritt in den Stand der „Trailerqueen“ pflegte, sondern Wiederauferstehen in eine Welt der sozialen Wärme, der Herzensgüte, der tiefen familiären Beziehungen, der Flowerpower und der Erkenntnis, dass Pleitesein und „Hartzen“ keine Schande, sondern im Endeffekt heutzutage die moralisch am besten abgesicherte Daseinsform ist. Also nichts wie her mit der Krise!

Nur schleimige Intriganten, hier in Gestalt des Magistratsmitarbeiters Kreuzer (Peter Fieseler), tragen im piekfeinen Anzug ihre Haut zu Markte. Alle anderen lassen ihre Füße lustig in den pittoresken See baumeln und bleiben ganz bei sich selbst und ihren Allerliebsten. Das nennt man dann auch Achtsamkeit.

Der mehr als bemerkenswerte Auftritt des Martin Brambach

Dana Golombek als patente Jenny, die schon in der RTL-Serie „Die Camper“ als Stefanie Fuchs einschlägige Erfahrung mit skurrilen Freiluft-Typen und Waschraum-Gesprächen sammelte, verkörpert auch hier das Macherinnen-Prinzip. Und Stefan, der Loser, der Pups, der Pleitier? Ist vor allem für die Zwischentöne zuständig. Wenn einem vorher jemand das Drehbuch von Marlene Schwedler gezeigt hätte, wäre umstandslos klar gewesen, dass diesen Stefan niemand anderes als Martin Brambach hätte spielen können. Und er spielt ihn. Und wie. Martin wer? Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass das Publikum mit Brambachs Namen nicht besonders viel anfangen kann.

Größer aber noch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Brambachs Gesicht den Zuschauern sehr wohl vertraut ist. Wer ihn gesehen hat, vergisst ihn nicht. Brambach spielt enervierende Spießer, Pedanten, Psychopathen und Normalos mit Abgründen genauso gut wie Stasi-Männer, die er beispielsweise in „Das Leben der Anderen“ und „Goodbye, Lenin“ verkörpert hat. Auch seine Stimme prägt sich mit ihrem einzigartigen Brambach-Sound sofort ein. Er hat in oscarprämierten Filmen mitgespielt. 2011 wurde er für „seine stetige schauspielerische Leistung in unterstützenden Rollen“ mit einer Spezial-Nominierung für den Grimme-Preis bedacht. Warum also ist Martin Brambach keiner der ganz Großen im deutschen Fernsehen? Er ist es, aber erst allmählich gewöhnen sich die Fernsehmacher daran, ihm die Hauptrollen zu geben und ihn nicht unter „bemerkenswerter Nebendarsteller“ abzuspeichern.

Humor als Krisenrezept

Wie gut Martin Brambach ist, wie nuanciert und uneitel er spielt, zeigt sich auch in „Neue Adresse Paradies. Nachdem er jede Situation mit links zu wuppen gewohnt war, verfällt sein Stefan auf dem Campingplatz zwischen lauter Überlebenskünstlern erst einmal in tiefe Lethargie. Dank des polnischen Fossils Bolek (Eisi Gulp) und der Flirtanstrengungen von Jennys Jugendliebe Christian (Steffen Wink) neu beflügelt, scheut er keine Anstrengung (zu sehen auch an den Schweißplacken unter den T-Shirt-Achseln), um erstens die Achtung Jennys, zweitens die Anerkennung Nataschas und drittens die Überlebensfähigkeit des bedrohten Campingidylls zu sichern. Dass er nicht nur, trotz des Mangels an klassischer männlicher Schönheit, als „love interest“ genau richtig besetzt ist, sondern ebenso zart wie verletzlich um die väterliche Würde bei seiner Stieftochter werben kann, macht einen großen Teil des Charmes von „Neue Adresse Paradies“ aus.

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Für manchen mag der Film (Regie Peter Stauch) den sozialen Absturz und seine Folgen zu schönfärberisch behandeln; mögen die wirtschaftliche Krise und ihre gesamtgesellschaftlichen Folgen hier sträflich unanalysiert bleiben; mag die Familie, mit oder ohne Patchwork, als Hort des Glücks und der Zufriedenheit zu naiv aufgefasst sein. Als Vorschlag zur Güte ist „Neue Adresse Paradies“ sicher nur am Rand des sozialen Diskurses brauchbar. Als humorbegabte Charakterstudie eines Mannes und klassischen Alleinverdieners, der eine neue Rolle finden muss, ist der Film aber richtig gut gelungen.

Glosse

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