25.08.2008 · Dieser Mann lässt es krachen: Hermann Joha ist Deutschlands Action-Produzent par excellence. In die neue tägliche Serie „112 - Sie retten Dein Leben“ bei RTL hat er viel investiert. Das Warten auf erste Einschaltquoten bereitet selbst einem ehemaligen Stuntman Bauchschmerzen.
Von Matthias HannemannSie liegen dort kreuz und quer: Polizeiwagen, Feuerwehrwagen, Rettungswagen und selbst ein Hubschrauber, wie umhergeschleudert von harter Hand. Hermann Joha aber lässt sich nichts anmerken. Er ignoriert die Versenkung der Tischplatte, in der für schwierige Konferenzsituationen Spielzeugautos deponiert wurden. Er verdunkelt das Zimmer, rauft mit einer Fernbedienung. Und siehe da: Auf einem Bildschirm werden nunmehr echte Autos zerlegt, in Zeitlupe, mit Feuerball, zu schicksalsschweren Orchestersalven aus dem Nichts. „Wenn diese Sendung beim Zuschauer nicht ankäme“, sagt Joha - er mag die Trailer, die Mitarbeiter ihm eben brachten, er spricht von echten Helden, netten Geschichten und einer Serie ohne Gewalt -, „das wäre eine mittlere Katastrophe für uns. Wir haben viel investiert.“
Aber sie wird funktionieren. Meint der Action-Produzent und Stuntman Hermann Joha. Meint RTL. Meinen diejenigen, die einen Teil der achtzig ersten Folgen der neuen Vorabendserie „112“ gesehen haben. Denn die kaum fünfundzwanzigminütige Seifenoper „112“, die jetzt anläuft, hat nicht nur alles, was „Marienhof“ & Co. auch haben, den handelsüblichen Herzschmerz-Faktor inklusive. Sie will den Vorabend mit knallharter Action durcheinanderwirbeln, inszeniert von einem Mann, der seit 1996 mit „Alarm für Cobra 11“ die deutsche Autobahnpolizei zu einem reifenquietschenden Exportschlager gemacht hat: Hermann Joha.
Vier hüfthohe Stuntmen-Oscar
Als Teenager war Joha mit den britischen „Hell Drivers“ unterwegs. Als junger Mann brachte er Produktionen wie den „7. Sinn“, „Tatort“ und „Eurocops“ auf Trab. Heute ist er Deutschlands Fachmann für Stunts jeder Art, schickt seine Filme in chinesische Kinos und verfügt mit seinem Unternehmen „Action Concept“ in Hürth-Kalscheuren bei Köln über Möglichkeiten, wie sie für eine Serie dieser Statur wie geschaffen sind. Einen Hubschrauber etwa. Dutzende Einsatzwagen. Ein privates Stück Autobahn, das per Computer in jede beliebige Szenerie der Welt gebeamt werden kann. Und ein versiertes Stunt-Team natürlich. Das vor allem.
Der „112“-Helikopter, der unten im Hof steht, ist von Johas Bürofenster aus nicht zu sehen. Auch nicht die Mechaniker, die in den Werkstätten damit beschäftigt sind, Sicherheitskästen für tollkühne Fahrer in einen alten BMW einzubauen. Dafür hat Joha drei hüfthohe „Taurus World Stunt Awards“, die Oscar der Stuntmen, auf einem Regal postiert. Die sind einen knappen Meter hoch, an denen kommt man nicht vorbei. „Der vierte steht bei ihm daheim“, flötet die Mitarbeiterin, die einen reichlich starken Kaffee bringt.
Diesen Mann bringt nichts mehr aus der Ruhe, denkt man da. Bis Hermann Joha die Füße auf den Tisch legt und von „112“ spricht. Von der Million, mit der er die ersten Pilotfolgen vorproduzierte, den laufenden Kosten eines Mittelständlers. Und vom Getuschel der Branche, die auf die ersten Gerüchte einer täglichen deutschen Seifenoper dieses Zuschnitts mit demonstrativem Achselzucken reagierte, dann aber sogleich Ähnliches durchzurechnen versuchte.
Deutschland ist nicht Amerika
„Ich war absolut überzeugt, dass sich die Sender diese Serie nicht entgehen lassen würden“, sagt er. „Nur wir können Geschichten mit solchen Stunts in der geforderten Schlagzahl kostengünstig produzieren. Und RTL war ja auch sofort begeistert. Ebenso Freemantle, die für uns den internationalen Vertrieb machen werden.“
Trotzdem ist Joha aufgeregt vor dem Sendetermin. So aufgeregt, als sei er Börsenmakler und nicht Stuntman. Neun von zehn Projekten seiner Entwicklungsabteilung wandern in den Papierkorb. Zwei Dutzend Projekthefter liegen auf dem Fenstersims. „Und das hier ist nicht Amerika. In Deutschland haben wir leider noch keine riesigen Entwicklungsbudgets.“
An diesem Projekt, einer täglichen Soap um eine Leitstelle, die Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr unter einem Dach vereint, könnte die Zukunft eines Unternehmens mit hundertsechzig festen Mitarbeitern hängen. Wieder einmal, lacht Joha. Der aufwendige „Clown“, die wummernde Verlängerung der RTL-Serie auf die Leinwand, wurde in Deutschland als Hollywood-Imitat belächelt. Dass es im Ausland besser lief, scheint für Joha eines der Rätsel zu sein, an denen diese Branche nicht arm ist.
Risiken eingehen
Dabei ist es bei den Produktion von Action Concept wie bei den Stunts: Sie planen, rechnen und sichern, was zu sichern ist. Doch ein nicht zu unterschätzendes Restrisiko bleibt. So wie damals, Mitte der Achtziger, als Joha die Stunts noch selber machte und sich mit einem Volvo in die Elbe stürzte. Sieben Minuten klemmte er unter Wasser fest, weil ein Sicherheitssystem nach dem anderen versagte. „Stuntmen werden nie eine Beamten-Mentalität haben“, sagt er gleichwohl, „aber natürlich gehen wir nur Risiken ein, die vertretbar sind.“
„112“ soll nun zünden wie lange nichts - ein preiswert und schnell, aber effizient produzierter Angriff auf alles, was am späten Nachmittag unter den Jungen, Gelangweilten und Erschöpften, Quote macht. Eine effektlastige Seifenoper mit viel Blaulicht, Pathos und Feuerwehrstange, die in ihrer Machart Produktionen wie der „Verbotenen Liebe“ und dem „Marienhof“ näher ist als amerikanischen Helden-Epen wie „Third Watch“, der Serie um Polizisten, Feuerwehrleute und Retter in New York, die Vox eine Zeitlang ausstrahlte.
Und auch hier wird einzig die Quote zählen, der Markanteil, die Attraktivität für den Werbemarkt. Wenn es gut läuft, sagt Joha, könnte man schon in einigen Wochen damit anfangen, im Rheinland neue Episoden für die Monate nach Weihnachten zu produzieren. Und wenn nicht? Er wiegelt ab. „112“ wird funktionieren, heißt das. Dann muss er los: nicht auf den Riesenspielplatz mit seinen Polizei- und Feuerwehrwagen, sondern in den Schneideraum. Die letzten Abnahmen warten. Und die neuen Trailer. Der Pulsschlag von Hermann Joha: steigt.
ich glaub's nicht
Cornelia Bürger (MyAnswer)
- 25.08.2008, 19:23 Uhr