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Netzpräsenz statt Einschaltquote : Vergesst endlich das blöde Zählen!

Erfolg bemisst sich längst nicht mehr an Einschaltquoten, sondern an der Präsenz im Netz. Alison Brie hat sie perfektioniert. Und stellt bekanntere Schauspieler locker in den Schatten.

          Wenn es stimmt, dass die Menschen dem Fernsehen davonlaufen, weil sie längst ihr eigener Programmchef sind, dann hat man an den vergangenen Sonntagen nicht sehr viel davon bemerkt. 12,57 Millionen wollten Til Schweiger als neuen „Tatort“-Kommissar sehen, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr, aber der Rekord hielt nicht lange. Schon zwei Wochen später schafften es die Münsteraner Kollegen Thiel und Boerne, sich den Bestwert zurückzuerobern, 12,81 Millionen waren es diesmal, 240.000 Zuschauer mehr. Wozu weniger Gaststar Roland Kaiser beigetragen haben dürfte als vielmehr die Tatsache, dass auch Teile des Publikums solche Sendungen seltsamerweise nicht mehr nur aus Interesse (oder Langeweile) einschalten, sondern motiviert durch eine Art sportlichen Ehrgeiz.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Früher stellte sich vor jedem ,Tatort’ nur die Frage: lohnt sich der Krimi? Heute wird schon im Vorfeld das Quoten-Potential des jeweiligen Ermittlerteams diskutiert“, analysierte der Onlinedienst „Meedia.de“ im Vorfeld, um dann ausgiebig das Quoten-Potential zu diskutieren, und rief die „Münster-Mission“ aus: „Schweiger-Quote killen“. Und wer, am Montag danach, andere Zuschauer fragte, wie ihnen der Krimi gefallen habe, dem konnte es leicht passieren, dass er zur Antwort bekam: „12,81 Millionen“.

          Mitleid statt Empörung

          Von den Programmverantwortlichen bekommt man solche Antworten schon seit langem, und dass sie sich dafür schämten, die Wirkung ihres Programms auf diese eine Währung zu reduzieren, ist auch schon ewig her. Ob eine Sendung „funktioniert“, hängt nie davon ab, wie begeistert die Zuschauer sind oder wie leidenschaftlich sie darüber debattieren, sondern nur wie viele sich am Ende messen ließen.

          Es könnte aber sein, dass sich das gerade ändert: Die Zuschauer nämlich, nicht nur jene des „Tatorts“, sitzen nicht mehr stumm vor dem Fernseher, sie reden auch darüber, sie twittern und kommentieren, was sie sehen. Und wenn auch nur ein bisschen dran ist an dem Hype, der sich gerade an dem Begriff des „Second Screen“ festmacht, an all den Dingen also, mit denen sich schon heute zwei Drittel der Deutschen beschäftigen, wenn sie fernsehen, dann ist Empörung über die Quotenhörigkeit der Programmchefs möglicherweise bald nicht mehr die richtige Reaktion. Mitleid wäre vielleicht angemessener.

          Keine Sonnenbrille

          In 5640 zufällig ausgewählten deutschen Haushalten steht neben dem Fernseher eine Box der Gesellschaft für Konsumforschung, die erfasst, wer gerade was guckt. Diese Methode ist nicht nur deshalb dürftig, weil sie die Zuschauer der Online-Mediatheken nicht berücksichtigt, die auch in Deutschland bei manchen Sendungen die des traditionellen Fernsehpublikums schon übersteigen. Sondern auch, weil sie das, was Programmmacher (und auch Werbekunden) eigentlich interessieren müsste, nicht messen kann: Ob die Menschen mögen, was sie sehen. Wie laut sie lachen. Und ob es sie auch noch beschäftigt, wenn die Sendung längst vorbei ist. Ob sie sich Dialoge gemerkt haben. Ob sie sich von Argumenten überzeugen lassen. Ob sie sich am nächsten Tag eine neue Sonnenbrille kaufen.

          Weil sich die Defizite der bloßen Zuschauerzählerei nicht mehr übersehen lassen, will das Marktforschungsinstitut Nielsen, das für die Ermittlung der Einschaltquoten des amerikanischen Fernsehens zuständig ist, ab Herbst 2013 mit Twitter zusammenarbeiten. Das „Nielsen Twitter TV Rating“ soll die Diskussionen analysieren, die sich auf Twitter zu den einzelnen Shows abspielen. Dass es nicht nur eine Rolle spielt, wie viele Zuschauer ein Programm anspricht, sondern auch welche (und wie stark), das ist letztlich auch ein Grund für die Beliebtheit all jener amerikanischen Serien, die heute im Mittelpunkt zeitgenössischer Popkultur stehen. Denn auch in den Vereinigten Staaten sind weder „Mad Men“ noch „Breaking Bad“, weder „Homeland“ noch „Girls“ große Quotenerfolge. Woraus man, wie es neulich das Magazin „Wired“ ausgedrückt hat, zwei Schlussfolgerungen ziehen kann: Entweder sollte man all diese Serien absetzen. Oder die Forscher messen falsche Dinge.

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