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Netflix-Serie „Ozark“ : Sie bringen das Verderben ins Paradies

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Dafür wird die Schubkarre nicht reichen: An ihrem Zufluchtsort sieht sich die Familie Byrde mit einem Haufen schwerwiegender Probleme konfrontiert. Bild: Netflix

Von wegen Hillbillies: In der brillanten Serie „Ozark“ muss eine Familie erfahren, dass die Bewohner des amerikanischen Hinterlandes sich so leicht keinen Bären aufbinden lassen.

          Was große Erzählkunst kann, ganz ohne Spezialeffekte oder ausgefallene Konzepte, zeigt eine neue Serie von Netflix. „Ozark“ ist ein Thriller in der Tradition von „Breaking Bad“ – hochklassig besetzt, vielschichtig erzählt und gespickt mit lauter haarsträubenden Wendungen. Als der Zuschauer die Familie Byrde kennenlernt, offenbart sich ihm ein mäßig interessantes Mittelklasse-Panorama: Marty (Jason Bateman) ist Finanzberater in Chicago, seine Frau Wendy (Laura Linney) schläft mit einem anderen, und die beiden Kinder Charlotte (Sofia Hublitz) und Jonah (Skylar Gaertner) sind just in dem Alter, wo nichts langweiliger ist als die eigenen Eltern. 57 Minuten später ist sowohl Martys Firmenpartner als auch Wendys Lover tot und die Familie auf dem Weg in das Hinterland des Bundesstaates Missouri – die titelgebenden Ozark Mountains.

          Die Serie verliert keine Zeit, ihre Prämisse aufzufächern: Wie sich rasch herausstellt, hat Marty im Nebenerwerb Drogengeld für ein mexikanisches Kartell gewaschen, und als dessen Boss sich um ein paar Millionen betrogen wähnt, rollen Köpfe. Nur dank einer an den Haaren herbeigezogenen Idee kann Marty seinen Hals aus der Schlinge ziehen: In der idyllischen Seenlandschaft der Ozarks – in die jeden Sommer massenweise Touristen einfallen – lässt sich mehr Geld waschen als irgendwo sonst, behauptet er. Der Kartell-Scherge Del (Esai Morales) gewährt ihm daraufhin eine Schonfrist.

          Wer Geldwäsche als Nebenerwerb betreibt, lebt gefährlich

          Doch die vielbelächelten Hillbillies (Hinterwäldler) sind nicht so dumpf, wie es ihr Ruf oft kolportiert: Martys aalglatte Verkaufsmasche, mit der er sich Provinz-Unternehmen nebst deren große Vorräte an Bargeld unter den Nagel zu reißen versucht, verfängt nicht. Stattdessen pfuscht er, ohne es zu ahnen, anderen ins Geschäft.

          „Ozark“ hält seine Zuschauer mit hohem Erzähltempo und der bewährten „Breaking Bad“-Strategie, die Hauptfigur mit der Lösung eines Problems zwei weitere kreieren zu lassen, bei der Stange. Gleichzeitig besticht es durch seine Charakterzeichnung, die sich Stereotypen verweigert, und durch die spielerische Vermengung von Thriller-Elementen mit eher bodenständigen Lebenswelten.

          Der örtliche Clan von Kleinkriminellen und Nichtsnutzen wird von der scharfsinnigen Teenagerin Ruth (Julia Garner) angeführt, die eine Mutterfigur für ihre Onkel und Cousins ist, gleichzeitig jedoch ihren inhaftierten Vater fürchtet. Derweil legt der hiesige Drogenboss Jacob Snell (Peter Mullan), der sich der Tourismus-Entwicklung in den „Ozarks“ angenommen hat, ebenfalls viel Wert auf Prinzipientreue. So auch der naive junge Prediger Mason Young (Michael Mosley), der sich nach einer Schießerei von Gott berufen fühlte und nun zum zweiten Mal in die Schusslinie gerät.

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          Diese Leute seien alle keine Kosmopoliten, sagt der Schauspieler und mitverantwortliche Produzent Jason Bateman, der mehrere Episoden inszenierte, der „New York Times“. Doch müsse man mit ihnen rechnen. Die „Times“ bemerkte, dass die Serie damit eher zufällig, aber wirkungsvoll jene tiefe soziale Spaltung Amerikas spiegele, die sich in der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten offenbarte und die Erkenntnis nach sich zog, dass es ein leichtfertiger, wenn nicht gefährlicher Fehler der städtischen Eliten ist, die ländliche Unterschicht als ignorant abzuschreiben.

          Als der Serienschöpfer Bill Dubuque („The Accountant“) und der Showrunner Chris Mundy („Hell on Wheels“) die Serie bei Netflix vorstellten, bewarben sie ihr Werk zunächst als Thriller, jedoch auch als Familiendrama. Dieses entfaltet sich auf einer dritten Ebene. Marty bewahrt mühsam die Fassung angesichts der wachsenden Bedrohungen. Doch seine cleveren, blitzschnell kalibrierten Reaktionen auf die nächste Krise halten ihn ein ums andere Mal über Wasser. Die Illusion allerdings, dass die Situation mit dem nächsten cleveren Plan endgültig zu lösen sei, schwindet. Bald muss er sich seiner Beziehung zu Wendy ebenso stellen wie der Angst seiner Kinder. Zudem dämmert es ihm, dass immer mehr Unschuldige in den Sog seiner Machenschaften geraten.

          Dieses Paradies, es ist für alle verloren

          Wie die Kamera dabei das Mienenspiel der Figuren beobachtet, sekundenlang auf Gesichtern verharrt und sich so Raum für feine Nuancen nimmt, das ist sehenswert. Bateman und Linney spielen ihre komplizierte Partnerschaft und Ehe schmerzlich glaubhaft. Julia Garner aber gibt mit der eisenharten und zugleich zutiefst verunsicherten Neunzehnjährigen Ruth eine der interessantesten Figuren von „Ozark“. Die Serie fasziniert noch bis in die Nebenrollen: Jason Butler Hamer spielt den depressiven FBI-Agenten Petty mit einer stetig siedenden Wut, Peter Mullan verleiht dem Heroinfabrikanten Jacob Snell eine Autorität, die sich aus der Landschaft der „Ozarks“ selbst zu speisen scheint, und Sofia Hublitz zeigt in ihrer entnervt-verzweifelten Rolle der Tochter Charlotte die bittere Erkenntnis, dass die großen Versprechen des Erwachsenwerdens auch ihren Tribut fordern.

          „Alles geschieht aus einem Grund“, sagt Martys Partner Bruce in einer Episode, die als komplette Rückblende angelegt ist, voller Ereignisse, die vor dem Beginn der Geschichte geschehen sind. „So ein Schwachsinn“, gibt Marty zurück. „Dinge geschehen, weil Menschen Entscheidungen treffen und handeln. Und das bringt andere Menschen dazu, Entscheidungen zu treffen. Es ist ein Schneeballsystem.“ „Ozark“ zeigt genau dies. Mit ein paar Strippenziehereien in der Provinz hofften die Byrdes nach ihrer Vertreibung aus dem Chicagoer Paradies ihre Haut zu retten. Stattdessen aber tragen sie ein schreckliches Chaos an den Ort ihrer vermeintlichen Zuflucht. Das Paradies ist verloren.

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