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Netflix-Serie „Bloodline“ : Einer vertreibt alle aus dem Paradies

  • -Aktualisiert am

So glatt wird die See nicht bleiben: Danny Rayburn (Ben Mendelsohn) geht unruhigen Zeiten entgegen. Bild: Netflix

Als der verlorene Sohn zu seiner Familie in Florida zurückkehrt, nimmt das Unheil seinen Lauf: Netflix legt mit seinem Thriller „Bloodline“ eine Serie vor, die auch die Konkurrenz das Fürchten lehrt.

          Schön ist es auf den Florida Keys, jener Inselzunge, die sich am südlichen Ende des „Sunshine State“ in den Golf von Mexiko streckt: Das Wasser funkelt türkis, endlose Sandstrände kontrastieren mit den Pastellfarben des Himmels, Bananenbäume und Palmen rascheln in der Brise. Aber das sonnendurchflutete Paradies kann eine gewisse Dunkelheit nicht überdecken, die hier ebenfalls beheimatet ist: in der Familiengeschichte der Rayburns nämlich, deren ungeliebter ältester Sohn Danny (Ben Mendelsohn) mit seiner Rückkehr in den Schoß der Familie die Idylle bedroht.

          Die Brüder Todd und Glenn Kessler und Daniel Zelman haben mit „Bloodline“ einen stimmungsvollen Thriller geschaffen für das Programm von Netflix, das sich zusehends als Renommiersender im amerikanischen Fernsehmarkt positioniert. „Bloodline“ entwickelt mit stiller Wucht die Geschichte einer Familie, die von längst begraben geglaubten Geheimnissen eingeholt wird.

          Seit Jahrzehnten führen die Rayburns in den Florida Keys ein hübsches Bed and Breakfast am Strand, so beliebt sind sie in der kleinen Gemeinde, dass ihnen zu Ehren ein Pier benannt werden soll. Als sich der verlorene Sohn Danny zur Feier ankündigt, erfasst eine nervöse Unruhe die restlichen Rayburn-Geschwister. John (Kyle Chandler) ist ein respektierter Polizist, Meg (Linda Cardellini) eine erfolgreiche Anwältin, und Kevin (Norbert Leo Butz), der Jüngste der vier, ist ein bierseliger Kumpel-Typ, und zunächst erscheint ihre Aversion gegen Dannys Rückkehr von der Sorge um ihre Eltern (Sam Shephard als kajakpaddelnder Patriarch, Sissy Spacek als liebende Mutter, die nur Gutes will) geprägt.

          Familie Rayburn beim Abendessen: Langsam entwickelt sich das Familiendrama.

          Etwas Schreckliches wird passieren

          Und wie erwartet gibt es Schwierigkeiten: Statt nach Hause geht Danny bei seiner Ankunft zunächst zu einem Treffen mit einem halbseidenen Freund, und zur großen Feier bringt er eine Freundin mit, die betrunken aus der Rolle fällt. Aber, wie sich herausstellt, haben auch Dannys Geschwister ein paar Leichen im Keller. „Etwas Schreckliches wird passieren“, sagt John aus dem Off. „Und nichts kann das verhindern.“

          Mendelsohn spielt Danny als nervöses Wrack mit Engelsgesicht, mit einer düsteren, verletzlichen Sprunghaftigkeit, die offenlässt, ob das Drama, das sich hier entfaltet, tatsächlich von ihm ausgeht - oder nicht vielmehr von der Rolle, die seine Familie ihm zugewiesen hat. „Im Herzen der Geschichte“, sagte Todd Kessler im Gespräch mit dieser Zeitung, „geht es um die Spannung zwischen individueller und familiärer Identität. Wir leben ja alle Rollen, die uns irgendwann zugewiesen wurden, auch wenn sie sich nicht richtig anfühlen. Die Frage ist, was es bedeutet, aus diesen Rollen auszubrechen – und ob das überhaupt möglich ist.“

          Es ist ein Stoff, den man noch vor nicht allzu langer Zeit auf HBO gefunden hätte, aber Netflix schlug nach Angaben von Todd Kessler mehrere Mitbieter aus dem Feld, indem es stehenden Fußes eine komplette, dreizehnteilige Staffel bestellte. Üblich ist im amerikanischen Fernsehen, dass die Sender zunächst eine Pilotfolge in Auftrag geben, auf deren Grundlage dann die Entscheidung über einen „Pickup“ gefällt wird. Der Netflix-Programmchef Ted Sarandos aber berichtete im Januar, warum er anders verfährt: „Wir schmeißen keine groben Ideen an die Wand, um zu sehen, was passiert. Die Serien, die zu uns kommen, haben vielleicht deshalb größere Erfolgsaussichten, weil sie besser durchdacht sind.“

          Ein dreizehnstündiger Film

          „KZK“, wie die Kessler-Brüder und Zelman sich als Team nennen, hatten zuvor für den Kabelsender FX die preisgekrönte Serie „Damages“ um die rücksichtslose Anwältin Patty Hewes (Glenn Close) geschrieben und damit eine echte Antiheldin geschaffen. Die Zusammenarbeit mit Netflix bedeute für das Trio, „einen dreizehnstündigen Film schreiben zu dürfen“, sagt Todd Kessler. Das sei „eine entschieden andere Art, Geschichten im Fernsehen zu erzählen, weil man viel tiefere Nuancen in den Figuren zeigen kann und weil man den Zuschauern ihre eigenen Rückschlüsse erlauben kann, anstatt ihnen zu sagen, was sie von den Ereignissen zu halten haben“.

          Netflix verpflichtete namhafte Darsteller – auch Chloe Sevigny als Chelsea O’Bannon.

          Netflix ermöglichte es den Fernsehmachern außerdem, die Geschichte vor Ort in den Florida Keys zu drehen, die der Serie einen faszinierenden visuellen Hintergrund verleihen. Netflix profiliert sich – neben den namhaften Darstellern, die man für prestigeträchtige Serien wie „House of Cards“ oder jetzt „Bloodline“ verpflichten konnte – mit Drehs an spektakulären Originalschauplätzen. So nahmen die Wachowski-Geschwister ihre Netflix-Serie „Sense8“ (Start im Juni) auf fünf Kontinenten auf, in Kolumbien wird zurzeit die Serie „Narcos“ gedreht, die von der Jagd auf den Drogenzar Pablo Escobar handelt.

          Die Unausweichlichkeit der Katastrophe

          „Die Florida Keys“, sagt Todd Kessler, „bieten eine reizvolle Spannung zwischen dem Paradies an der Oberfläche und den unterschwelligen Familien-Verwerfungen, von denen diese Serie erzählt.“ Es ist ein wirkungsvoller Kontrast, auch wenn er im Thrillergenre nicht neu ist. Neu ist indes, mit welcher Gemächlichkeit hier ein Familiendrama seinen Lauf nimmt, mit welcher Unausweichlichkeit sich aus kleinen Unwahrheiten und alten Vorurteilen eine Katastrophe entwickelt.

          Todd Kessler verdiente sich seine Sporen als Drehbuchautor der zweiten und dritten Staffel der HBO-Serie „The Sopranos“. Seither, sagt er, habe sich die amerikanische Unterhaltungslandschaft stark verändert. Aus den Filmstudios kämen inzwischen vor allem Comic-Verfilmungen und Fortsetzungen, während im Kabelfernsehen Raum für nuanciertes Geschichtenerzählen entstand. Das Zentrum dieser Geschichten war einmal HBO. Aber die nächste Stufe dieser Entwicklung, sagt Kessler, vollziehe sich jetzt bei Netflix.

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