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„Altered Carbon“ bei Netflix : Du kannst für immer siebzehn sein

Die Welt ist unübersichtlich geworden, aber immerhin schön bunt: Takeshi Kovacs (Joel Kinnaman) ist nach 250 Jahren in einem neuen Körper aufgewacht. Bild: Netflix

Spiel mir das Lied von der Unsterblichkeit: In der Science-Fiction-Serie „Altered Carbon“ hat der Mensch den Tod überlistet. Dafür hat er jetzt viel Zeit, sich und anderen das Leben zur Hölle zu machen.

          Die entferntere Zukunft ist nicht nur ungewiss, sondern auch entsetzlich ungesund. Denn selbst nach dem neuesten Stand der Dinge bringt sie im Laufe der Zeit allen Menschen verlässlich den Tod. Ungesund sieht die Zukunft auch in Netflixs neuer Neon- und Hochglanz-Serienproduktion, „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ nach dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Richard K. Morgan aus dem Jahr 2002 aus.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das beginnt schon mit den Trinkgewohnheiten. In den mehr als zehn Stunden der Serie ist eigentlich nie ein anderes Getränk als Whisky zu sehen. Geraucht wird auch – und zwar immer und ziemlich Old-School. Die E-Zigarette hat sich auch im 24. Jahrhundert nicht durchgesetzt. Zudem gehen die Menschen extrem rücksichtslos mit den Körpern ihrer Mitmenschen um. Es wird sehr viel und sehr effektheischend gekämpft (formidable Stunt-Koordination von Larnell Stovall und Larry Lam), Blut vergossen und das Zeitliche gesegnet. Das klingt brutal und ist es – in Wort, Bild und Ton. Doch aus Sicht der Bewohner des „Altered Carbon“-Universums spielt das alles keine Rolle. Denn den Tod, wie wir ihn kennen, gibt es nicht mehr.

          Seelenwanderung ist ein aufwändiger Luxus

          In „Altered Carbon“ ist das menschliche Bewusstsein nicht mehr und nicht weniger als eine handliche Portion Daten (hier „Digital Human Freight“, kurz DHF genannt), das durch eine Art hochentwickelten USB-Stick („Cortical Stack“) etwa auf Höhe des Halses an das Rückenmark angedockt wird. Das hat den vermeintlichen Vorteil, dass das auf dem Stack gespeicherte Bewusstsein nach dem Hinscheiden des Menschen aus dem nutzlos gewordenen Körper entfernt und in einen neuen, eine neue Hülle, verfrachtet werden kann.

          Endlich wieder Whisky: Der wird hier noch nicht mal von der hilfreichen, künstlichen Intelligenz Edgar A.I. Poe (Chris Conner) verschmäht.

          Menschliche Körper werden demnach „Sleeves“ (Ärmel oder Überwurf) genannt. Der Mensch – wenn man ihn losgelöst von seinem Körper noch als solchen betrachten will – wäre somit im Prinzip unsterblich. Und eben darum und um die Frage, was es heißt, wenn Körper und Bewusstsein unabhängig voneinander existieren, kreist in „Altered Carbon“ eigentlich alles. Der Mensch hat die Reinkarnation selbst in die Hand genommen und muss nun damit leben.

          Die menschliche Natur wird dadurch leider nicht besänftigt. Menschen, die ohnehin schon alles haben, haben nun nur noch mehr Zeit, Macht und Reichtum anzuhäufen. Die oberste Kaste der „Meths“ (nach dem biblischen Methusalem) bildet in „Altered Carbon“ die überschaubare Elite der Mächtigen. Allein ihnen ist es vorbehalten, ihre Körper vielfach zu klonen, aufzubewahren und ihr Bewusstsein, das alle 48 Stunden in einen Satelliten hochgeladen wird, über Jahrhunderte von Körper zu Körper zu transferieren. Seelenwanderung ist ein aufwändiger Luxus – für neue Götter und ihre alten Probleme.

          Auch für den Zuschauer ein Haufen Arbeit

          Vor diesem Hintergrund rollt bereits der Roman eine Kriminalgeschichte aus, die mit reichlich Film-Noir-Elementen ausgestattet, in einer elektrifizierten Cyberpunkwelt herrlich zwischen High-Tech-Society und Neon-Holo-Untergrund hin und her wogt. Im Zentrum steht das Bewusstsein von Takeshi Kovacs. Der war in einem früheren Leben Mitglied einer mordlustigen Spezialeinheit des UN-Protektorats, den „Envoys“. Diese Elite-Soldaten erhalten ein spezielles Training, damit sich ihr Bewusstsein schnell und effektiv an verschiedene „Sleeves“ anpassen kann. Wenig später, immer noch im ursprünglichen „Sleeve“ (verkörpert von Will Yun Lee), ist der Mann allerdings schon im Widerstand zugange. Darin kommt Kovacs um, sein Bewusstsein – allein das ist eine Waffe – wird auf Eis gelegt.

          Nun, etwa 250 Jahre später, wird er in Bay-City – dem ehemaligen San Francisco nebst zum Container-Slum gewordener Golden-Gate-Bridge – im Körper des Ex-Polizisten Elias Ryker (Joel Kinnaman) wiederbelebt. Ein „Meth“ namens Laurens Bancroft (James Purefoy), der sein Imperium über 375 Jahre und mehrere Welten hinweg aufgebaut hat, holt ihn zurück und stellt ihm einen hochgerüsteten Körper zur Verfügung, damit Kovacs einen Mord für ihn aufklärt – und zwar den an ihm selbst.

          Auf dem Trockenen und auf sich gestellt: Der Widerstand ist verraten worden, Takeshi Kovacs - hier in seinem ursprünglichen „Sleeve“ (Will Yun Lee) - muss sich allein durchschlagen.

          Dieses üppige Setting wirft nun so viele Fragen auf, die in der Handlung berücksichtigt werden wollen, dass die Chefproduzentin Laeta Kalogridis ihre ursprüngliche Idee verwarf, das Puzzle in einem Kinofilm auszubreiten. Sie hatte sich schon beim Erscheinen des Buches vertraglich die Rechte an der Verfilmung gesichert. Netflix bestellte die Serie erst im Januar 2016. Das Ergebnis war für die Beteiligten und ist für den Zuschauer ein Haufen Arbeit.

          Die Bilder (Kamera Martin Ahlgren und Neville Kidd) sind düster-opulent, halten mit jedem modernen Kinofilm mühelos mit, geben sich aber in puncto Gewalt, Sexualität und menschlichen Abgründen keine Mühe, auch nur irgendetwas zu umschreiben. Das ist „Game Of Thrones“ im 24. Jahrhundert – kaum eine nackte Brust noch die verschwenderisch abgefeuerten Patronen haben dramaturgischen Mehrwert. Es ist wie mit dem Whisky: irgendwann zu viel des Guten. Auch die Schauspieler sehen oft schlicht besser aus, als sie spielen. Wer ein Epos haben will, braucht eben auch die entsprechenden Darsteller. Den wechselnden Motiven der handelnden Personen zu folgen ist zudem eine Aufgabe für sich.

          Hochspannend und im besten Sinne bewegend aber sind die Fragen, die „Altered Carbon“ dem Zuschauer mit auf den Weg gibt: Was passiert mit einem Menschen, der seinen eigenen Tod erlebt hat? Wie führen wir eine Beziehung, die 118 Jahre oder länger dauert? Was geschieht mit dem Programm „menschlicher Geist“, wenn es zu lange läuft? Wie empfinden wir, wenn wir geliebte Menschen in einem völlig anderen Körper wiedersehen? Und schließlich: Was trennt uns noch von den Maschinen, die in „Altered Carbon“ durch mal mehr, mal minder hilfsbereite künstliche Intelligenzen personifiziert werden? Zumindest auf letzteres gibt die Serie eine eindeutige Antwort: der Tod.

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