Home
http://www.faz.net/-gsb-vb5w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

NDR entlässt Eva Herman Vertreibung aus dem Paradies

Wegen ihrer Äußerungen zur Familienpolitik der Nazi-Zeit hat der NDR mit sofortiger Wirkung seine Zusammenarbeit mit Eva Herman beendet. NDR und ARD werden nun aufatmen, sie haben ein Problem weniger.

© AP Vergrößern Ritt auf Prinzipien ins Abseits: Eva Herman

Ein Wort zu viel war es, auf das man bei der ARD wartete. Eine Provokation mehr, ob berechnet oder unfreiwillig - und das Maß des für den Senderverbund Erträglichen wäre voll gewesen. Eva Herman hat dieses Wort geliefert. Bei der Vorstellung ihres neuen Buches verwies sie darauf, dass [...] In zwei Sätzen zweimal „abgeschafft“. Und zwei Sätze nur brauchte am Sonntag der Fernsehdirektor des NDR, Volker Herres, um Eva Herman für die ARD „abzuschaffen“: Ihre „schriftstellerische Tätigkeit“ sei „nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin. Dies ist nach ihren Äußerungen anlässlich einer Buchpräsentation in der vergangenen Woche deutlich geworden.“

Michael Hanfeld Folgen:  

Damit wäre der Fall fürs Erste erledigt. Eva Herman hat sich selbst unmöglich gemacht und dem Boulevardjournalismus, auf den sie bis dato hundertprozentig zählen konnte, das Material geliefert, das etwa die „Bild am Sonntag“ für die Vernichtung braucht: [...] stand gestern auf Seite eins, da erübrigt sich jeder Kommentar, auch der, den Eva Herman dem Blatt gab, der aber alles nur noch schlimmer machte: „Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die Achtundsechziger abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft. Und dazu gehören Werte, die uns auch vor dem Dritten Reich zusammengehalten haben und uns ja auch das Überleben gesichert haben. Familie nämlich.“

Mehr zum Thema

Dummheit Hermans macht es ihren Gegnern leicht

Da ist wirklich nichts mehr zu retten. Denn wer, wie Eva Hermann angeblich, für ein neues Familienbild eintreten will, sollte zumindest schon einmal davon gehört haben, wozu die Rolle der Familie, der Frau, der Mutter im Nationalsozialismus einzig taugte - zur Hervorbringung von Kanonenfutter an allen Fronten und zur Aufzucht von Herrenmenschen, deren Weg weniger von Mutterliebe und trauter Generationenfolge geprägt sein sollte, sondern vom Aufgehen im völkischen Kollektiv. Das wahre Familienbild der Nationalsozialisten war der Lebensborn.

herm eva © AP Vergrößern Frau mit Prinzipien: Eva Herman beginnt ihren Mütterfeldzug

Mit dieser Dummheit hat Eva Herman es ihren Gegner leicht gemacht. Jetzt beweist sie endgültig, dass ihr Denken so schlicht ist, wie man fürchtete. Und es vervollständigt sich der Verdacht, dass ihr Bestseller „Das Eva-Prinzip“, der den Frauen zur Rückkehr an Heim und Herd rät, vor allem Ausdruck eines medial perfekt inszenierten Ego-Trips ist. Es ist beileibe kein Makel, zum vierten Mal verheiratet zu sein, ein Kind zu haben und dazu eine ansehnliche Karriere - dumm ist nur, wenn man den Geschlechtsgenossinnen weismachen will, dass genau dies der falsche Weg sei.

Am wunden Punkt der Familienpolitik ändert sich nichts

Was hat Eva Herman nur für Kritik auf sich gezogen: Feministinnen und kinderlose Karrierefrauen haben ihr den Gefallen getan, sie in eben jener schrillen Weise anzugiften, die Eva Herman ihnen als Grundhaltung attestiert. Nicht zu vergessen die verwegenen Exegeten, die sie als Präzeptorin eines neuen völkischen Schwenks nach rechts sahen und sich nun bestätigt sehen dürfen. Doch sollte man eines nicht vergessen: Die hiesige familienpolitische Debatte hat die Hohlheit dieses Disputs nie verdient. Der Punkt, an den Eva Herman rührt, den sie ausbeutet und gefährlich rückwärtsgewandt missdeutet, ist nämlich der wunde: Die Entfremdung von Frauen wie Männern von ihren Familien, der vollständige, wenn nicht totalitäre Anspruch der Arbeitswelt im Zeitalter des globalen Finanzkapitalismus. Mit den Achtundsechzigern hat das nur am Rande zu tun.

NDR und ARD werden nun aufatmen, sie haben ein Problem weniger. Und Eva Herman, welche die Moderation der Talkshow „Herman & Tietjen“ abgeben muss und wohl auch nicht mehr als Sprecherin der „Tagesschau“ zurückkehren kann, wird der Eklat zumindest auf dem Buchmarkt vielleicht nicht schaden, wenn sie es vermag, sich abermals als Opfer zu inszenieren. Alle anderen kümmern sich weiter um Kind und Kegel und Karriere und die Quadratur des Kreises.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutsche Kritik an Social Freezing Wir mischen uns nicht in die Familienplanung ein

Facebook und Apple wollen Mitarbeiterinnen in Amerika das Einfrieren von Eizellen bezahlen. In Deutschland reagieren Arbeitgeber und Gewerkschaften mit Skepsis. Mehr

16.10.2014, 08:23 Uhr | Wirtschaft
Mariupol unter Beschuss

Kurz vor einer möglichen Waffenruhe haben sich ukrainische Sicherheitskräfte und Rebellen heftige Kämpfe um die Hafenstadt Mariupol geliefert. Mehr

05.09.2014, 08:07 Uhr | Politik
Sexualaufklärung in Schulen Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Kinder sollen ihre Lieblingsstellung zeigen, Puffs planen, Massagen üben. Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm. Mehr Von Antje Schmelcher

14.10.2014, 17:00 Uhr | Politik
Kämpfe um den Flughafen von Tripolis

Der Flughafen der Hauptstadt gleicht einem Schlachtfeld. Regierung und Milizen haben sich heftige Kämpfe geliefert. Ein kleiner Militärflughafen musste geöffnet werden, damit es überhaupt eine Luftverbindung ins Land gibt. Mehr

16.07.2014, 08:28 Uhr | Politik
Gazastreifen Kaum Hoffnung auf Heilung

An diesem Wochenende soll in Kairo über den Wiederaufbau in Gaza beraten werden. Das wird schwierig: Die seelischen Wunden der Menschen sind schlimmer als die Kriegsschäden. Mehr Von Hans-Christian Rößler, Gaza-Stadt

11.10.2014, 10:51 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.09.2007, 13:56 Uhr

Notnagel für leere Kassen

Von Andreas Rossmann

In einer Aktuellen Viertelstunde diskutiert der NRW-Kulturausschuss über den Verkauf der Warhol-Bilder. Schon in der Eingangshalle des Landtags wird dem Besucher angst und bange - denn da hängt ja Kunst! Mehr