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ARD-Nachrichten : Wo zeigt der Kompass denn hin?

Kein Mitgefühl für das Opfer

Von der aber kann man mit Blick auf das Opfer, wie der Journalistin Birgit Gärtner im Online-Magazin „Telepolis“ aufgefallen ist, nicht reden. Gesprochen wird über den – mutmaßlichen – Täter. Zu dessen Gunsten führt die Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, Theresia Höynck, ins Feld, dass er möglicherweise in seiner Heimat oder während der Flucht schlimme seelische Verletzungen erlitten habe. Man könne zwar „nicht in den Kopf des Jugendlichen schauen“, sagt die Professorin für das Recht der Kindheit und der Jugend an der Universität Kassel, aber eine Spekulation über das Vorleben des – mutmaßlichen – Täters traut sie sich gleichwohl zu. So viel zum Thema Anteilnahme.

Dabei ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geklärt, ob Abdul D. überhaupt fünfzehn oder sechzehn Jahre alt ist oder nicht vielleicht viel älter. Was für die mögliche Strafzumessung von Belang ist und allein deshalb herausgefunden werden sollte. Das aber wurde im Medien- und Politdiskurs auch gleich wieder problematisiert – als Eingriff in die Rechte von Menschen, die ohne Papiere nach Deutschland kommen. Ebenso stellt sich die Frage, warum ein Haftbefehl wegen Totschlags ergeht und nicht wegen Mordverdachts bei einem Verbrechen, auf das sich der – mutmaßliche – Täter augenscheinlich vorbereitete, das er weit entfernt von seinem aktuellen Wohnort beging, mit einem langen Messer bewaffnet.

Solche Fragen stellen sich und in einem größeren Zusammenhang auch jene, die wiederum die Autorin Birgit Gärtner aufwirft: Warum wird bei einem Frauenmord von einer „Beziehungstat“ und nicht von einem gesellschaftlichen Problem gesprochen, da im Jahr 2016 an fast jedem zweiten Tag eine Frau an den Folgen von Männern ausgeübter Gewalt sterbe? Die Antwort ist: Es gibt einen Täterschutz der linksliberalen Öffentlichkeit, der einsetzt und die Verhältnisse auf den Kopf stellt, sobald Kriminalität, Herkunft, Flüchtlingszuzug und die Sozialisation in zutiefst patriarchalisch geprägten Gesellschaften in einen Zusammenhang gestellt werden. Denn das, so die Argumentation, sei Hetze und nutze nur den Rechten. Also werden, was den Journalismus angeht, Hilfsargumente angeführt, um möglichst gar nicht zu berichten, es werden entlastende, fragwürdige Angaben sofort übernommen (fünfzehnjährige Jugendliche, Beziehungstat) und es wird – zu Recht – auf Ausbrüche von Fremdenhass und Tiraden im Netz verwiesen.

Ignoranz und Eiertänze

Diese allerdings werden durch Ignoranz oder durch Eiertänze, wie sie die „Tagesschau“ aufführt, nur noch befördert. Und es wird verhindert, dass sich der Blick auf die vielen „Einzelfälle“ von Gewalt gegen Frauen richtet, die ausweislich der polizeilichen Kriminalstatistik in Bund und Ländern in den vergangenen beiden Jahren zu einem alltagsbestimmenden Phänomen geworden sind. Und um die Gruppen, von denen diese Gewalt ausgeht.

Doch diesen Punkt berührt die „Me too“-Debatte nicht, es ist der wunde Punkt des sogenannten Netzfeminismus und auch der einer Berichterstattung, die mehr mit Aktivismus denn mit Journalismus zu tun hat und mit ihrer vermeintlichen Volkspädagogik immer weiter Sturzbäche auf die Mühlen derjenigen leitet, die zu bekämpfen sie vorgibt. Bei dem Verbrechen in Kandel und dem von den Ermittlern beschriebenen Vorgehen des – mutmaßlichen – Täters, läge es jedenfalls näher, nach einem „Ehrenmord“ zu fragen denn das Geschehen unter „Beziehungstat“ abzuheften. Und es gilt – wie bei den Übergriffen auf Frauen am Silvesterabend in Köln vor zwei Jahren und dem Attentat auf dem Breitscheidplatz in Berlin vor Weihnachten 2016 – den Blick auf Versäumnisse zu lenken und diese zu benennen. Sonst denkt man am Ende, es hätten jene recht, die auch mit Blick auf die Medien als vermeintlicher „vierter Gewalt“ so gerne von einem kompletten „Staatsversagen“ sprechen.

Wie sagt Kai Gniffke von der Redaktion ARD-aktuell, die gestern das vierzigjährige Bestehen der „Tagesthemen“ feierte (so wie das ZDF das Jubiläums des „heute journals“)? In Zeiten, „in denen gesellschaftliche Fliehkräfte stärker werden“, bekomme ein „Lagerfeuer“ wie die „Tagesschau“ immer größere Bedeutung. Wer glaubt, er besitze die größte Ausstrahlungskraft, muss dieser Bedeutung aber auch gerecht werden und dabei bleiben „niemandem eine Meinung“ vorzuschreiben.

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