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Nachgespielt Schmidt, Pocher, Playmobil und große Geschichte

31.10.2008 ·  Playmobilkönige in vollem Ornat und ineinander verkeilte Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren: Harald Schmidt und Oliver Pocher spielten gestern in ihrer Show den fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ nach. Eine Kritik von Patrick Bahners.

Von Patrick Bahners
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Jugend im Leistungsstress, Jugend im Leistungsrausch, Jugend im Leistungsglück! Und zwar akademische Jugend! Wer hätte das gedacht? Wir nicht, wir haben gedacht: Unsere Studenten bringen's nicht mehr. Für uns Feuilletonredakteure der F.A.Z., die wir mit Hans-Ulrich Wehler aufgewachsen sind wie mit der Mengenlehre und Wim Thoelke, war der Lesesaal zu Wehlers Gesellschaftsgeschichte, in den wir unsere Leser sechs Wochen lang gebeten haben, ein melancholisches Ritual, ein Abschied nicht ohne Wehmut, wie seinerzeit bei Marcel Reich-Ranicki und Heinrich Mann oder vor kurzem bei Elke Heidenreich und dem ZDF.

Denn im fünften Band, auf den vorletzten Metern ist plötzlich zu spüren, dass die deutsche Geschichte, wie Wehler sie erzählt, nachdem sie sich gerade erst und mit welcher Wucht in eine Erfolgsgeschichte verwandelt hat, doch kein gutes Ende nehmen wird. Von wegen, Wehler der wiedergeborene Heinrich von Treitschke, der die gesamte Geschichte der Deutschen siegesbundesrepublikanisch anstreichen will! Er weiß ja selbst nicht, und macht in seiner erfrischenden Art daraus gar keinen Hehl, was nun werden soll, nachdem man den 530 Seiten dicken Band aus der Hand gelegt hat. Die deutsche Geschichte geht weiter: Richard von Weizsäcker konnte sich herausnehmen, ein Buch so zu nennen; aus dieser metaphysischen Zukunftsgewissheit spricht das Selbstgefühl des Adels, der durch alle Regimewechsel hindurch obenauf bleibt. Aber geht die deutsche Gesellschaftsgeschichte weiter? Wer soll den sechsten Band denn schreiben?

Wehler will es nicht tun. Jüngere müssten ran, hat er gesagt. Doch woher sollen sie kommen? Die meisten seiner Doktoranden werden noch über Jahre damit beschäftigt sein, den Datenmüll der Statistikanhänge ihrer Doktorarbeiten zu trennen. Wehlers Lieblingsschüler Paul Nolte möchte lieber Geschichte machen als Geschichte schreiben und spekuliert darauf, dass Ursula von der Leyen sich irgendwann ihr Omageld auszahlen lässt und für ihn ihren Ministersessel räumt.

Ein Ruck ging durch die Gelehrtenrepublik

Gestern abend aber ging ein Ruck durch die Gelehrtenrepublik. Kein bloßer Paradigmenwechsel ist zu vermelden, ein wahrer Paradigmenwirbelsturm fegte durch Sonderforschungstreibhäuser und Exzellenzgebüsche, ausgehend von Köln, dem Ort, wo Hans-Ulrich Wehler sich vor fünfzig Jahren seine ersten Leistungsnachweise verdiente, nachdem er aus dem reaktionären, nur scheinbundesrepublikanischen Bonn geflohen war - Historiker der Geschichtswissenschaft vergleichen diese Rheinuferbahnfahrt schon mit der Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Harald Schmidt hat, mit Oliver Pocher als etatmäßigem Assistenten wie weiland Wehler bei Theodor Schieder, den fünften Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ illustriert, mit Playmobilfiguren in Puppenhausszenarien, die zusammenführten, was im Methodenstreit zwischen Wehler und seinem verstorbenen Münchner Kollegen Thomas Nipperdey auf ewig unverbunden zu bleiben drohte: Modellhaftigkeit und Anschaulichkeit.

Die Deutschen sind eigentlich ein Supervolk mit tadellosen Laktatwerten, so griffig fasste Schmidt Wehlers Botschaft zusammen, die in diesen Krisentagen Kraft spenden sollte. Der Superhistoriker, von Schmidt als Supersportler gewürdigt, der noch mit siebenundsiebzig Jahren jeden Tag ins Freibad geht, hat seinen Superinterpreten gefunden. Wir sehen die deutsche Geschichte jetzt mit anderen Augen und den sechsten Band schon vor uns, der von der Phantasie unserer Zeit geprägt sein wird wie die ersten fünf von den Perspektiven der siebziger Jahre.

Bastelarbeiten

In Doktorandendachstübchen in ganz Deutschland setzte schon um Mitternacht, wie an den einschlägigen Fußnotentauschbörsen zu bemerken war, ein energischer Revisionismus ein - überall dort nämlich, wo gerade Arbeiten über das Panorama entstehen, den Guckkasten als altmodisches Medium der historischen Repräsentation, bei Professoren wie Ute Daniel in Braunschweig („Wissenschaftstheater“) oder Friedrich Lenger in Gießen (Eintrittsgelder im Verhältnis zu den Professorengehältern). Verworfen werden muss nämlich nach Schmidts Demonstration die alte Lehrmeinung, dass mit dem Illusionismus von Spielfigurenarrangements die Komplexität der modernen Geschichte nicht dargestellt werden könne.

Schmidts Bastelarbeiten, in enger Anlehnung an unseren „Lesesaal“ mit derselben Hingabe an die Einzelheiten hergestellt wie Wehlers bibliographische Anmerkungsapparate, setzten nicht bloß Ereignisse ins Bild, sondern Wehlers Interpretationen - die Thesen des Buches auf dem Niveau des Buches. Der Fahrstuhleffekt im Verhältnis der sozialen Schichten wurde, wie es der sonstige Inhalt der Sendung nahelegte, am Beispiel des Showgewerbes fasslich gemacht. Durch die Bebilderung der anstößigen These vom NS-Leistungsfanatismus als der Ressource des Wirtschaftswunders legte Schmidt eine bei Wehler höchst implizit bleibende moralische Dimension des Argumentes frei: Die massentouristische Mobilmachung der fünfziger Jahre war buchstäblich die Kehrseite der Wanderlust der Wehrmacht.

Ineinander verkeilte Heere von Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren

Sogar die Methodenfrage, der Streit zwischen Historismus und Strukturalismus, erwies sich als Stoff zum dramatischen Nacherzählen: Drei Playmobilkönige in vollem Ornat repräsentierten den historistischen Glauben, dass Männer die Geschichte machen, zwei ineinander verkeilte Heere roter und grüner Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren dienten als Emblem der Gegenmeinung von der schicksalhaften Bestimmungsmacht der sozialen Formation. Die Wahrheit von Wehlers strukturalistischer Saga wird historistisch beglaubigt, durch das so charakteristische wie nicht verallgemeinerbare und dadurch anrührende Detail: Die Nackten, vor denen Rudi Dutschke angeblich seine Reden gehalten hat, wird man als Idealtypen nicht ganz im Sinne von Max Weber nehmen, aber Dutschkes quergestreiften Pullover könnte man nicht erfinden.

Dem Sportsgeist der kritischen Geschichtswissenschaft hält Schmidt die Treue, indem er Wehler gleichsam im Vorüberlaufen widerlegt. Die Kulturgeschichte, wenn sie sich an Playmobilfiguren hält, hat eben doch das Potential zur Synthese, und Assistent Pocher, durch geschickte pädagogische Ansprache („Na, Oliver?“) gefordert, beweist, dass die Leistungsbereitschaft nichts ein für allemal Gegebenes oder gar Vererbtes ist. Ob Pocher auch noch seinen Doktor machen wird? Im Mittelalter war die bebilderte Bibel für die Armen da. Die Gesellschaftsgeschichte in Bildern kann Neureichen und Neuarmen ihren Gustav Freytag und ihren Guido Knopp ersetzen.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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