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Nach der WM Wir sollten den Fußball küssen

10.07.2006 ·  Seine Eröffnungsfeier wurde im letzten Augenblick abgesagt, die deutsche WM-Organisation aber bringt André Heller ins Schwärmen. Im F.A.Z.-Interview erklärt er, wie sein Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ wahr wurde.

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Angeblich lag es am Rasen, daß die von Andre Heller nach allen Regeln der Kunst geplante Eröffnungsfeier der Fußball-WM im letzten Augenblick abgesagt wurde. Doch es war kein schlechtes Omen, nicht einmal der Künstler selbst will daran noch einen Gedanken verschwenden. Wir haben ihn gefragt, warum die WM wurde, wie sie ist.

Herr Heller, privat stehen Sie dem Fußball eher fern. Haben Sie sich dennoch von der Stimmung anstecken lassen?

Ich habe die WM in Deutschland und auf Reisen in Frankreich und Italien als faszinierendes Massenspektakel erlebt. Ein Satz, den ich dieser Tage im Ausland oft höre, lautet: "Wir stehen regelrecht unter Schock: Die Deutschen sind uns plötzlich sympathisch!" Das ist eine wunderbare Trendwende im Ansehen dieses Landes, das für Tüchtigkeit, eine gewisse Unsinnlichkeit und Schwere stand, aber nie für Leichtigkeit und etwas Mozartisches. Für diese wirksamste positive Energieausstrahlung seit Jahrzehnten sollten die Deutschland-Strategen aller Couleur aus Dankbarkeit einen Fußball küssen.

Haben Sie sich vorstellen können, daß Ihr Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" so in der Wirklichkeit angenommen wird?

Ich hatte durchaus anfangs Ängste, wir würden mit unserem Slogan und dem weltoffenen Kulturprogramm eine bestimmte Qualität behaupten, aber die deutsche Wirklichkeit würde etwas Dumpferes herstellen. Nun ist uns diese Blamage erspart geblieben. Im Gegenteil, es gibt eine schöne Synchronität zwischen unseren Hoffnungen und dem Ton, auf den Deutschland während der WM gestimmt ist.

Was ist passiert?

Ich konnte schon beim Kulturprogramm, das fast drei Millionen Menschen besucht haben, beobachten, daß beim Publikum eine gänzlich andere Hochstimmung herrscht, als es uns viele Medien lange Zeit vermittelt haben. Es gibt offenbar eine glitzernde Liebesgeschichte zwischen den Angeboten dieser WM und zahllosen Deutschen. Diese äußerte sich unter anderem auch im lockeren, unverbiesterten Patriotismus, der genügend Raum für die freundschaftliche Wahrnehmung der angereisten Welt ließ. Man war durchaus am sogenannten Fremden engagiert interessiert. So war für mich eine der symbolträchtigsten Szenen dieser WM das Verhalten der deutschen Fans nach dem Spiel gegen Polen: Sie umarmten und trösteten die unterlegenen polnischen Fans. Möge diese Stimmung über die WM hinaus bitte so bleiben.

Was hat das für Ursachen?

Ich glaube, im magischen Sinn hat dieses Stimmungs-Glück wesentlich Franz Beckenbauer angestiftet. Seine Sympathie generierenden Reisen in alle WM-Teilnehmer-Länder haben einen gewaltigen, hierzulande gerne unterschätzten internationalen Bonus geschaffen. Sein in gewisser Hinsicht aberwitziger Besuch aller Spiele während der WM kommt mir so wie sein ganz persönlicher Jakobsweg vor und erinnert an die Einlösung eines Gelübdes, damit die von ihm für Deutschland eroberte WM gesegnet werde.

Und dann spielte auch die Nationalmannschaft viel besser, als viele erwartet haben.

Ich habe ja häufig verschrobene Gedanken. So glaube ich zum Beispiel, daß das deutsche Team anfänglich durch die sicher schwierige Demutsübung von Oliver Kahn beflügelt wurde. Dazu kam, daß Klinsmann den Mut hatte, zwischen all dem Spott über seine Trainingsmethoden, all der Wut anderer über seine Amerika-Erdung und dem Entsetzen über schlechte Resultate bei Vorbereitungsspielen seine Grundhaltung und den Glauben an dieses junge Team nicht zu verraten. Das hat ihm die Mannschaft gelohnt.

Der Kulturchef der WM ist also zufrieden, dabei fing die WM für Sie mit der Absage der Gala an. Haben Sie an das "Rasen-Argument" je geglaubt, und hat sich Sepp Blatter wenigstens entschuldigt?

Reden wir nicht über verschüttete Milch. Seien wir froh, daß die Absage der Gala das bisher einzige nennenswerte Unglück der WM war. Ich habe da keinen schlechten Nachgeschmack, der Erfolg der parallel zu den Gala-Proben entstandenen Show "Afrika! Afrika!" hat mich für alle Fifa-Unbill im Übermaß entschädigt. Ich verabschiede mich für dieses Leben vom Thema WM durchaus und zu meiner eigenen Verwunderung mit zwei lachenden Augen. Und der einzige Rasen, dessen Problematik mich künftig noch interessiert, ist der in meinem Paradiesgarten in Italien.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z., 10.07.2006, Nr. 157 / Seite 46
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