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Nach der Kleber-Absage Der „Spiegel“ braucht jemanden, der sich traut

14.12.2007 ·  ZDF-Moderator Claus Kleber will doch nicht Chefredakteur des „Spiegel“ werden. Die Mitarbeiter tragen Trauer, der nächste Kandidat dürfte wohl aus dem eigenen Haus kommen: „Spiegel Online“-Chef Matthias Müller von Blumencron hat gute Karten.

Von Michael Hanfeld
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Er traut sich die Aufgabe zu, aber er traut sich nicht hin: Claus Kleber hat es abgelehnt, Chefredakteur des "Spiegel" zu werden. Er bleibt beim ZDF in Mainz, als Moderator und als Redaktionschef des "heute journals".

Als solcher hat er künftig mehr Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten denn je. Seine Sendung wird aufgewertet, er selbst wird noch häufiger als bisher um die Welt reisen und Reportagen drehen. Als sogenannter "Anchor on location" wird er uns begrüßen, aus Moskau, Washington, Bali und vielleicht sogar vom Mars. Den Planeten "Spiegel" aber wollte Kleber dann doch nicht betreten.

Offen, direkt, klar und professionell

Beim Abwägen, ob er zum "Spiegel" gehen oder beim ZDF bleiben wolle, sagt Kleber, habe er gemerkt: "Das Fernsehen ist mein Medium." Insofern stelle seine Entscheidung keine gegen den "Spiegel", sondern eine für seinen jetzigen Arbeitgeber dar. Er habe sich für das Medium, für seine Sendung und für "meine Mannschaft" entscheiden, sagte Kleber im Gespräch mit dieser Zeitung (Siehe auch: „Der Spiegel“ weiter ohne Chef: Claus Kleber bleibt beim ZDF). Dabei habe er die Verhandler des "Spiegel" als offen, direkt, klar und professionell erlebt. Die Alternative, vor die er sich gestellt sah, habe ihn beschäftigt wie kaum eine andere Entscheidung in seinem Berufsleben.

Das darf man Kleber abnehmen. Er ist ein moderierender Reporter und er ist ein Mann des Fernsehens. Das stand ja auch als Einwand gegen ihn im Raum - ein Mann, der die Dinge so flach beschreibt, wie der Bildschirm ist. Doch hätte Kleber beweisen können, dass es nicht so ist. Und ein wenig seltsam mutet es schon an, sich eine der schwierigsten, aber prestigeträchtigsten und bedeutendsten Aufgaben im deutschen Journalismus zuzutrauen, aber dann doch nicht vom Lerchenberg in Mainz zu springen.

Beim ZDF ist Kleber unumstritten

Eitel Freude herrscht beim ZDF nach dem Hin- und Herverhandeln. Man habe in Kleber den "Spitzenmann" des deutschen Fernsehens in seinen Reihen, sagte der Intendant Markus Schächter. Der Chefredakteur Nikolaus Brender, der Kleber 2003 von der ARD zum ZDF holte, darf sich rühmen, seinen Mitarbeiter davon abgehalten zu haben, den Top-Job in Hamburg anzunehmen. Beim ZDF ist Kleber unumstritten. Beim "Spiegel", auch das wird ihm bei seiner Abwägung bewusst geworden sein, wäre es nicht so einfach.

Vor allem die Mitarbeiter des "Spiegel" sind nun enttäuscht und ratlos. Sie wollten Kleber wirklich. "Er hätte gut zu uns gepasst", sagt Armin Mahler, der Sprecher der Mitarbeiter KG, die mit einem Anteil von 50,5 Prozent Hauptgesellschafter des "Spiegel" ist. Man bedaure Klebers Entscheidung und werde nun in Ruhe und ohne Zeitdruck weitersuchen.

Von Gruner + Jahr, Gesellschafter mit 25,5 Prozent, kommen forschere Töne: bald werde die Suche nach einem neuen Chefredakteur beendet sein. Man sei zuversichtlich, "im Januar eine tragfähige Lösung" präsentieren zu können, zitiert die Deutsche Presse-Agentur Gruner + Jahr-Kreise. Verärgert sei man dort darüber, dass die Entscheidung der "Spiegel"-Gesellschafter für Kleber während der Verhandlungen bekannt wurde. Das schade der Marke "Spiegel". Die Vertrauensbasis unter den Gesellschaftern werde dadurch nicht gestärkt.

Ironie oder Perfidie?

Dabei muss man allerdings fragen, was Gruner + Jahr selbst unternimmt, um zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit unter den Gesellschaftern beizutragen. Wenn jetzt in Agenturmeldungen auf das Interview verwiesen wird, das Jakob Augstein, Gesellschafter und Sohn des Magazingründers Rudolf Augstein, der F.A.Z. gab (Siehe auch: Das Magazin braucht einen Chef, keinen Moderator), ist das nicht ohne Ironie. Oder Perfidie? Augstein sagte, der "Spiegel" brauche "einen Chef, keinen Moderator". Das Interview erschien vor drei Wochen - Kleber, der Moderator vom ZDF, hatte bei den Gesellschaftern erst in der vergangenen Woche vorgesprochen.

Als Rudolf Augstein testamentarisch verfügte, seinen Kindern von ihren fünfundzwanzig Prozent Anteilen das eine entscheidende Prozent zu nehmen und es je zur Hälfte an die Mitarbeiter KG und an Gruner + Jahr zu geben, bürdete er diesen beiden Gesellschaftern eine große Verantwortung auf. Bei der Mitarbeiter KG wird man sich dessen bei dieser Chefredakteurssuche zum ersten Mal bewusst - und man darf nicht vergessen, dass es eine Premiere ist.

Ihre Vertreter stellen sich vielleicht nicht besonders geschickt an, aber sie haben ein Mandat, und sie haben offenbar eine - ungefähre, kritikwürdige - Vorstellung davon, wen und was sie haben wollen und wen nicht. Die Rolle, die Gruner + Jahr, der doch eigentlich erfahrene Verlag, als "Spiegel"-Gesellschafter spielt, ist indes - unklar.

Nach Klebers Absage deutet alles darauf hin, dass der neue Chefredakteur des "Spiegel" aus dem eigenen Haus kommen könnte. Dem Chef von "Spiegel Online", Matthias Müller von Blumencron, werden im Augenblick die besten Chancen eingeräumt. Der "Spiegel" braucht jetzt jemanden, der es sich nicht nur zutraut, sondern, der sich auch traut.

Quelle: F.A.Z., 14.12.2007, Nr. 291 / Seite 38
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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