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Sonntag, 19. Februar 2012
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Nach dem Spiel Der falsche Bösewicht

09.06.2008 ·  „Wir haben gespielt wie nie - und verloren wie immer.“ Nach der neuerlichen Niederlage gegen die Deutschen zeigen sich die Polen melancholisch. Selbst der Boulevardpresse scheint die Lust aufs Blutgrätschen vergangen. Sie feiert lieber einen Siegertyp abseits des Fußballplatzes.

Von Jörg Thomann
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Auf diese Schlagzeile hatten sie so lange gewartet. Nach all den langen, entbehrungsreichen Jahren konnte endlich ein polnischer Sieg verkündet werden. Wie sehr man ihn erhofft hatte, ja erzwingen wollte, und zwar mit brutalsten Mitteln, hatten die Titelblätter der vergangenen Tage gezeigt mit ihren blutrünstigen Karikaturen, in denen die Deutschen den polnischen Rächern in wahrstem Sinn des Wortes zum Opfer fielen. Nun aber ist er da, der Tag des historischen Triumphes, und das Boulevardblatt „Super Express“ schreit ihn an diesem Montag hinaus: Sieg über die Deutschen. Oder, ganz präzise zitiert: „Kubica schlägt die Deutschen“.

Gut, hier wird sich, dazu sind wir auf dem Boulevard, die Wirklichkeit mal wieder ziemlich phantasievoll zurechtgedreht, und natürlich hätten sich die Kollegen in Warschau gewiss einen anderen Wortlaut gewünscht: „Smolarek schlägt die Deutschen“ vielleicht oder „Zurawski schlägt die Deutschen“ - nicht aber, wie es die „Super Express“-Konkurrenz von „Fakt“ formulierte, „Podolski schlägt die Polen“. Mangels balltretender Siegertypen aber blickt „Super Express“ über den Spielfeldrand hinaus und erspäht, welch Glück im Unglück, Kubica. Der Formel-1-Fahrer schafft es am heutigen Tag, die polnischen Fußballer zu verdrängen: Denen bleibt nur ein schmaler Streifen oben auf der Seite, dem die Leser entnehmen, dass Polen noch „nicht verloren“ sei. „Kubica schlägt die Deutschen“ ist für eine „Super Express“-Nachricht sogar von vergleichsweise hoher Seriosität und Wahrhaftigkeit, ließ der Rennfahrer in Kanada doch immerhin fünf Deutsche hinter sich. Wenn auch, doch für diesen Hinweis reichte der Platz nicht mehr, in einem deutschen Auto.

Wie ein Spielball behandelt

Die Zuflucht zur Formel 1 belegt noch einmal, wie schmerzlich die neuerliche Fußball-Niederlage für Teile der polnischen Öffentlichkeit ist. Schon aus den befremdlichen Grunwald-Allegorien sprach ja im Grunde keine wirkliche Siegesgewissheit, sondern der verzweifelte Trotz desjenigen, der im Laufe seiner meist tragischen Geschichte von den übermächtigen Nachbarn immer wieder wie ein Spielball behandelt wurde, auf eine Weise, die mit Fairplay nichts zu tun hatte. Und schon während des Spiels war der großmäulige Ton leiser Resignation gewichen: „Wir spielen wie nie - wir verlieren wie immer“, hatte „Super Express“ seinen Lesern mitgeteilt.

Eine Fotomontage mit den abgehackten Köpfen von Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack in einer polnischen Zeitung sorgt für Entrüstung. Polens Trainer Beenhakker entschuldigte sich, Löw kommentierte den Eklat zurückhaltend.

Mancher deutsche Fan wird Genugtuung empfinden dafür, dass sich Polens Kampfblätter für ihr unsportliches Spiel nicht belohnt sehen - auch wenn die Feinmotorik ihrer deutschen Pendants kaum weniger plump wirkte, allen voran die der „Bild“-Zeitung, die die Ausfälle ihrer polnischen Springer-Kollegen von „Fakt“ pauschal „den Polen“ zuschrieb. Angesichts der wacker kämpfenden polnischen Elf, angesichts des unleugbaren Pechs etwa bei dem ersten Tor, als Klose - oder zumindest sein linkes Bein - im Abseits stand , und angesichts der mehr als kuriosen Tatsache, dass letztlich zwei praktisch polnische Jungs den Ausschlag gaben, scheint sich der Sieger jede Häme verkneifen zu wollen. Diesen Eindruck jedenfalls weckte der gestrige Fernsehabend.

Podolskis schlechtes Gewissen

„Fast ein schlechtes Gewissen“ glaubte ZDF-Kommentator Béla Rethy aus den Gesichtszügen des allenfalls innerlich jubelnden Torschützen Podolski herauszulesen. Eine „hochrespektable Reaktion“ bescheinigte Johannes B. Kerner dem gebürtigen Gleiwitzer, der im Interview erklärte, „auf jeden Fall“ gemischte Gefühle zu haben, schließlich habe er in Polen eine große Familie, die ihm auch „sehr am Herzen“ liege. Und auch wenn ein paar frustrierte Fans nach dem Spiel in Internet-Foren ihren Ärger über den „Verräter Podolski“ äußerten, dürfte die Art und Weise der Niederlage die meisten Polen doch weniger zornig als vielmehr melancholisch stimmen. Podolski, der kein Hehl daraus macht, ein polnisches Herz unterm deutschen Adler zu tragen, der daheim mit seiner Familie polnisch spricht und dies auch direkt nach dem Spiel gegenüber der polnischen Presse tat, eignet sich einfach nicht für die Rolle des Bösewichts.

Für die Mehrheit der Polen ist Deutschland schon lange kein Feindbild mehr, sondern ein durchaus geschätzter, vereinzelt sogar bewunderter Nachbar - der freilich gern etwas überheblich auftritt und sich ziemlich ignorant zeigt gegenüber den polnischen Empfindlichkeiten, so ignorant, dass er seit zwanzig Jahren seine Stereotypen nicht gewechselt hat. Als kurz vor der EM der Werbespot einer deuschen Wettanbieterfirma zeigte, wie sechs angeheiterte deutsche Fans nach einer Pinkelpause ihren Wagen nicht mehr fanden - eingeblendet wurde dazu schlicht das Datum des Spiels Deutschland gegen Polen - hatte sich der frühere polnische Nationaltorwart Jan Tomaszewski darüber ereifert, dass hier wieder einmal das Klischee der Autoklauer bedient werde. Könnten die Deutschen nicht einmal Witze über andere, aktuellere Aspekte machen, etwa über die polnische Korruption?

Tomaszewski wird sie nicht gesehen haben, die ZDF-Show namens „Nachgetreten“ im Anschluss an das Spiel, in der komödiantische Blutgrätscher wie Ingolf Lück und Mike Krüger ihren Senf auf die ärmsten Würstchen des EM-Geschehens pinseln. Das Schlimmste stand zu befürchten, doch selbst diese Runde zeigte sich erstaunlich milde, fast so, als hätte Gesine Schwan die Texte vorab gegengelesen. Lück knotete für die Polen einen Luftballonpudel, Guido Cantz mutmaßte, Podolski müsse sich nun so fühlen, als habe er der eigenen Mutter den Parkplatz weggeschnappt, und Oliver Welke schob seinem Kommentar, dass Polen, anders als in der Nationalhymne beteuert, nun doch verloren habe, eilig ein „nur auf sportlicher Ebene“ hinterher. Und selbst jene Rubrik der Satiresendung, in der die Hymnen der EM-Gegner mit einem Nonsens-Text versehen werden, schien bemüht um Klischeevermeidung. „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“, legte man da den polnischen Spielern in den Mund, ließ aber den Schlusssatz folgen: „Und es ist uns schnuppe.“

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