Der Medienmogul James Murdoch zieht die Notbremse und stellt das Erscheinen des britischen Boulevardblattes „News of the World“ ein. Die letzte Ausgabe komme am Sonntag in den Handel, teilte Murdoch am Donnerstagabend mit. Die Zeitung ist in einen massiven Abhörskandal verwickelt, der zuletzt immer weitere Kreise zog.
Möglicherweise seien auch die Angehörigen getöteter britischer Soldaten abgehört worden, die Zeitung „The Telegraph“ am Morgen des Donnerstag berichtet. Nachdem zahlreiche Anzeigenkunden „News of the World“ die Zusammenarbeit aufkündigten, dürfte die Affäre auch die Übernahme des Senders BSkyB durch den Medienunternehmer Rupert Murdoch gefährden. Dem Bericht des „Telegraph“ zufolge verfügte der Privatdetektiv Glen Mulcaire, der im Mittelpunkt des Skandals steht, auch über die persönlichen Daten der Hinterbliebenen von Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan getötet wurden.
200 Journalisten betroffen
Der zuständige Verlag News International erklärte, die Einnahmen aus der am Sonntag verkauften Ausgabe würden einem wohltätigen Zweck gespendet. Zudem würden keine Anzeigen geschaltet. Ob der in den Vereinigten Staaten ansässige Konzern anstelle der „News of the World“ einen neuen Titel auf den Markt bringt, war zunächst unklar. Zuletzt wurden von der Wochenzeitung rund 2,6 Millionen Exemplare verkauft.
Von der Schließung sind etwa 200 Journalisten betroffen, von denen sich viele schockiert zeigten. „Wir haben das überhaupt nicht erwartet“, hieß es in Redaktionskreisen. „Keiner von uns hat etwas Unrechtes getan. Wir haben gedacht, dass wir den Sturm überstehen“, sagte ein Journalist der Nachrichtenagentur Reuters.
Rücktrittsforderung an Chefin von News International
Die Affäre beschäftigt Großbritannien seit Jahren, 2007 wurden bereits ein Journalist und ein Privatermittler verurteilt. In den vergangenen Tagen kamen neue Einzelheiten ans Tageslicht. Journalisten der Zeitung sollen demnach auch Angehörige der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn 2005 abgehört haben. Zudem war 2002 im Auftrag der Zeitung das Handy eines verschwundenen, später ermordet aufgefundenen Mädchens gehackt worden. Gehackt worden ist möglicherweise auch das Handy des Anwalts, der nach dem Tod von Lady Diana die Familie von deren Lebensgefährten Dodi al Fayed vertreten hatte.
Premierminister David Cameron hatte am Mittwoch Untersuchungen der Vorwürfe gefordert (siehe auch Britische Abhöraffäre: Die Neuigkeiten der Welt). Forderungen nach einer öffentlichen Untersuchung wolle er unterstützen, allerdings müssten zunächst die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen werden. Die oppositionelle Labour-Partei forderte den Rücktritt der Chefin von News International, Rebekah Brooks, die zur Zeit der Abhöraktionen Chefredakteurin bei „News of the World“ war. Oppositionsführer David Miliband forderte Cameron auf, sich von Brooks zu distanzieren.
Rupert Murdoch selbst hatte die Vorwürfe zunächst als „bedauerlich und nicht akzeptabel“ bezeichnet und beteuert, sein Unternehmen werde bei den Ermittlungen mit der Polizei zusammenarbeiten. Brooks sicherte er jedoch seine volle Unterstützung bei der Aufklärung zu. Unterdessen wurden in Großbritannien Forderungen laut, nach denen die vollständige Übernahme des Satellitensenders BSkyB durch die Murdoch-Gruppe auf Eis gelegt werden müsse. Murdoch besitzt bereits 39 Prozent des Senders. Wohl auch um die Kaufabsichten nicht noch weiter zu gefährden, hat Murdoch nun sein Boulevardblatt geopfert. Nachdem die News-Corp-Aktie am Mittwoch mehr als fünf Prozent in New York gefallen war, tendierte sie am Donnerstag im Verlauf kaum verändert.
Endlich eine gute Nachricht
Uwe Siemon-Netto (UweSiemon)
- 07.07.2011, 20:44 Uhr
Murdochs Raffgier nach sensationellen Nachrichten ist unergrundlich ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 08.07.2011, 02:42 Uhr
Hut ab, Herr Murdoch
Richard Löwe (RichardL)
- 08.07.2011, 09:06 Uhr
@Uwe Siemon-Netto: Mal eine stinklangweilige Internet-Funktion benutzen?
Hans-Joachim Zierke (ha-jo)
- 08.07.2011, 09:58 Uhr
@ Jeeves
Richard Löwe (RichardL)
- 10.07.2011, 10:52 Uhr