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Veröffentlicht: 18.10.2012, 17:27 Uhr

„Mutter muss weg“ im ZDF Von Zeit zu Zeit beseitigt er die Alte gern

In „Mutter muss weg“ spielen Judy Winter und Bastian Pastewka eine tödliche Familienaufstellung durch. Das ist grandios bitterböse und unfassbar komisch.

von Heike Hupertz
© ZDF Tristan Fromm (Bastian Pastewka) folgt seiner Mutter Hannelore (Judy Winter) aufs Wort und auf Schritt und Tritt. Doch er hat einen Plan

An Tristan (Bastian Pastewka) hätte jeder Analytiker seine Freude. Muttersöhnchen par excellence, berufslose Existenz, prüder Spießer, drückt seine ganze schlappe Haltung Unentschlossenheit aus. Auch als Enddreißiger hängt er am Rockzipfel der herrischen, reichen Frau Mama (Judy Winter), gehorcht mit hängenden Schultern aufs Kommando und lässt sich jede Bevormundung verzweifelt gefallen. Tristan ist nicht für sich selbst, sondern existiert nur, wenn er sich in den Augen der Mutter spiegelt. Die ihn dafür bis ins Mark verachtet.

Dabei sieht Tristan seine Situation sonnenklar - wenn er sie nicht wortreich zu verschleiern sucht. Doch auch die Rede ist seine Sache nicht. Mal purzeln ihm die Sentenzen aus dem Mund wie verrückt, dann will er sie zurückholen, verhaspelt sich, die Mimik verzweifelt - nur um wieder mit angelerntem Stumpfsinn in sich zu versinken.

Wer Bastian Pastewka trotz seiner Serie „Pastewka“ immer noch bloß für einen begabten Witzbold hält, kann sich in der hervorragenden Komödie „Mutter muss weg“ eines Besseren belehren lassen. Wie Bastian Pastewka Tristan spielt, der seine Abhängigkeit gut freudianisch in Tötungsphantasien kompensiert, ist große, präzise Schauspielkunst. Mit Judy Winter als Konterpart, die ihren Starappeal hier unübertrefflich zur Geltung bringt, hat Pastewka zudem eine Mit- und Gegenspielerin, die es beiden gestattet, aus ihren Rollen ebenso witzige wie tragische Funken zu schlagen, bis ihr Film zum rabenschwarzen, immer wieder neue Volten drehenden komischen Flächenbrand wird.

Vorträge über das Masturbieren

Wenn jemand Komödien, zumal solche im Fernsehen, für überflüssig oder bestenfalls belanglos hält, dann sollte er wenigstens diese einschalten. Selten sah man ein solch nahezu perfektes Buch so kongenial umgesetzt (Drehbuch Marc Terjung, Regie Edward Berger), selten so durchdachtes Szenenbild (Annette Lofy), selten so überlegte Kamera (Jana Marsik), gelungenen Schnitt, intelligent eingesetzte Musik. Diszipliniertes Timing, unabdingbar für die vermeintlich leichte Form des Lustspiels, tut hier ein Übriges, um „Mutter muss weg“ eine singuläre Stellung unter den Fernsehkomödien der letzten Zeit zu schaffen.

Tristans Therapeutin, die kühle Frau Dr. Korff (Karoline Eichhorn), hat große Freude an ihrem Muster-Klienten. Lösen müsse er sich vom dominanten Einfluss seiner Mutter, fordert sie so unablässig wie vergebens. Kaum ist die Stunde um, tanzt Tristan im Restaurant an, um seine Mutter Hannelore, nicht zum ersten Mal, um Geld für eine neue Geschäftsidee zu bitten.

Unternehmen Muttermord

Puppenhäuser für erwachsene Frauen sollen es diesmal sein, einzurichten mit Designermöbeln. Wunschmöbel für ein Wunschleben, durchzuspielen als Tagtraum. Warum aber zielt die Kinderpuppe im kleinformatigen Wohnzimmer mit einer Pistole auf die lasziv auf dem Sofa hingestreckte Mutterpuppe? Beim Transport verrutscht, stammelt Tristan. Mutter weiß es besser. Wie Mutter überhaupt alles besser weiß - die mondäne, sexuell zügellose Gestalt, die ihrem Sohn Vorträge über das Masturbieren hält, wobei er schaut, als werde die Scham ihn jetzt und sofort verschlingen.

Pornodarstellerin war Hannelore in den Siebzigern (ihr Sohn eventuell bei einem Pornodreh gezeugt), nun verlegt sie erotische Bücher, residiert in einem Protzpalast und liebt immer noch Wagner. Tristans Träume - und Träume sind nach Freud Wunscherfüllung - richten sich auf ganz andere Dinge: Mutter muss weg. Mehr zufällig entpuppt sich die Kneipenbekanntschaft Josip (Albert Kitzl) als Auftragsmörder. Als außerordentlich ungeschickter, der von Hannelore ordentlich eins auf Birne bekommt.

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Bleibt die Frage: Hat sie den zweiten Täter unter der Skimaske erkannt? Als Tristan im Krankenhaus erfährt, dass seine Mutter ohnehin stirbt, will er das Unternehmen Muttermord abblasen. Unerhörte Komplikationen ergeben sich. Und wer verfolgt hier eigentlich wen?

Mit Jörg Hartmann, Rosalie Thomass, Jürgen Schornagel und Götz Schubert vervollständigen weitere beeindruckend spielfreudig aufgelegte Mimen das Ensemble. Bei den deutschen Fernsehpreisen haben es Komödien traditionell schwer. An „Mutter muss weg“ aber wird man nur schwerlich vorbeisehen können.

Glosse

Der Nase nach

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Ein kurioses Projekt des University College in London widmet sich den Gerüchen alter Bücher. Mit deren Hilfe soll es gelingen, Duftmarken der Vergangenheit zu rekonstruieren. Mehr 1

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