02.09.2008 · Medienberichte mit Details zum Mordfall Michelle behindern nach Angaben der Staatsanwaltschaft Leipzig die Arbeit der Polizei. Diese stellt auf Grund von Veröffentlichungen ein verändertes Zeugenverhalten fest. Die Wahrnehmung sei nicht mehr objektiv.
Im Mordfall Michelle liegt der Staatsanwaltschaft Leipzig inzwischen ein Obduktionsbericht vor. „Wir werden uns zum Inhalt und zu entsprechenden Medienberichten mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen und die Angehörigen der Verstorbenen nicht äußern“, sagte ein Sprecher gestern, nachdem die „Bild“-Zeitung bereits ohne Angabe der Quelle von einem Obduktionsergebnis berichtet. „Das hat nichts mit einer Nachrichtensperre zu tun, sondern ist Ausdruck der auch sonst gebotenen Zurückhaltung über die Informationen zu einem laufenden Ermittlungsverfahren“, sagte der Sprecher weiter.
Solche Medienberichte mit angeblichen Details behinderten und erschwerten die „Puzzle-Arbeit“ der Sonderkommission. „Muss man das wirklich schreiben?“, mahnte der Staatsanwalt auch unter Verweis auf die Familie des Opfers eine größere Zurückhaltung an. Der „Bild“-Bericht sei „nicht dienlich“ gewesen und „bringt nur Nachteile“, sagte der Leipziger Polizeisprecher Uwe Voigt.
„Boden unter Füßen weggezogen“
Die Ermittler seien entsetzt darüber gewesen. „Das hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen. Uns hat man bei der Fahndung nach dem Täter keinen Gefallen getan.“ Die Sonderkommission werte derzeit mehr als 1000 Zeugenhinweise aus und filtere sie. Michelle war am 18. August auf dem Weg vom Schulhort nach Hause verschwunden. Drei Tage später wurde ihre Leiche in einem Teich entdeckt. Seither suchen 177 Beamte nach dem Mörder.
Eine erste Obduktion der Leiche brachte die Gewissheit: Michelle ist einer Gewaltstraftat zum Opfer gefallen. Sie war seit Montag vermisst worden.
Unter anderem untersucht die Polizei in Leipzig auch Gegenstände, die sie am Freitagabend auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei im Osten der Stadt sichergestellt hat. Dabei handelt es sich um ein rot-blaues Kinderfahrrad, einen Fahrradanhänger, wie er zum Transport von Getränkekisten verwendet wird, und einen Stuhl. Noch ist nicht klar, ob es sich dabei überhaupt um das Fahrrad des Mädchens handelt.
Zeugin spricht lieber mit der Zeitung
Wenn die Spurensicherung abgeschlossen ist, wird man aber vielleicht wissen, ob es von ihr berührt wurde, weil der Täter es womöglich als Lockmittel genutzt hat, wie Polizeisprecher Andreas Loepki sagte. Ebenfalls am Wochenende wurden in der Nähe des Fundortes der Toten Gartenanlagen untersucht. Hierzu nahm die Polizei bei einer „Begehung“ Parzellen, verwilderte Gärten und leerstehende Schuppen in Augenschein und sprach mit den Pächtern, ob ihnen irgendetwas aufgefallen sei.
Befragt wurde auch eine Zeugin, die sich in der Montagsausgabe der „Bild“-Zeitung detailliert zu einem Mann geäußert hat, der vor ein paar Wochen ihre dreijährige Tochter auf einem Spielplatz angesprochen und ihr einen Schokoriegel angeboten habe. Nach ihren Angaben habe sie den Mann auch vor Michelles Schule gesehen, am Tag, als das Kind verschwand. An diesem 18. August soll er dort auch Kinder angesprochen haben. Nach Angaben der Polizei hat die Zeugin diese detaillierten Informationen bislang aber nicht der Sonderkommission mitgeteilt. Erst durch den Bericht habe man nun die Frau noch einmal nach ihren Beobachtungen befragt, sagte Loepki.
Fahndungsbild bezieht sich auf anderen Fall
Ihre Aussagen gründet die Zeugin auch auf ein Phantom-Bild, das die Zeitung schon mehrfach abgebildet hatte. So solle der Mann ausgesehen haben, der vor Michelles Schule gestanden habe. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein offizielles, aktuelles Fahndungsbild im Mordfall Michelle. Vielmehr gehört das Bild zu einem Fall, der sich im April dieses Jahres zugetragen hatte. Damals war ein Schulkind auf dem Nachhauseweg von einem Mann bis in den Hausflur verfolgt worden. Der Mann legte dann den Arm um das Kind und fasste dem Mädchen in den Mund. Da sich das Kind wehrte und schrie, ließ er von ihm ab und verschwand.
Natürlich prüfe man einen Zusammenhang, sagte Loepki. Doch die nicht autorisierte Veröffentlichung behindert nach Angaben der Polizei die Ermittlungen. Denn schon jetzt beobachtet die Polizei ein verändertes Zeugenverhalten. Das Erinnerungsvermögen wird durch das Bild in eine bestimmte Richtung gelenkt, die Wahrnehmung ist nicht mehr objektiv. Doch der Polizeiarbeit nutzen möglichst wertungsfreie Aussagen am meisten - damit nichts durchs Raster fällt. Eben so ein Raster wird allerdings mit einem Phantombild hergestellt.
Allgemein „Straftäter“ überprüft
Darüber hinaus hat sich am Wochenende ein in dem Fall Michelle überprüfter vorbestrafter Mann das Leben genommen. Die Polizei schließt allerdings aus, dass er etwas mit dem Fall zu tun hatte. Zudem habe er schon einmal versucht, sich umzubringen. Auch wollte die Polizei Medienberichte nicht bestätigen, nach denen die Sonderkommission insgesamt etwa 250 ehemalige Sexualstraftäter auf ihre Alibis hin überprüfe. Nach Polizeiangaben werden allgemein „Straftäter“ überprüft, zu den Delikten werden keine Angaben gemacht. Genausowenig will sich die Polizei dazu äußern, wie Michelle ums Leben kam und ob es wirklich ein Sexualdelikt gewesen ist.