02.08.2007 · Fünf Milliarden Dollar lässt Rupert Murdoch sich Dow Jones kosten. Das Prunkstück des Konzerns, das „Wall Street Journal“, hat es ihm besonders angetan. Kritiker sprechen von einem „schwarzen Tag“ für Amerikas Journalismus. Doch dieser Kauf geht die ganze Welt an.
Von Jordan Mejias, New YorkWas nun? Ja, sicher, Rupert Murdoch hat es geschafft. Das „Wall Street Journal“ samt dem Konzern, der es verlegt, wird demnächst ihm gehören. Die Sache ist gelaufen, der Deal unterschriftsreif. Fünf Milliarden Dollar ist er schwer. Ende vom Lied. Aber so richtig spannend wird die Geschichte eigentlich erst jetzt. Denn niemand weiß, wie sie ausgeht. Und niemand kann wissen, was Murdoch mit einer der beiden letzten seriösen landesweit verbreiteten Zeitungen der Vereinigten Staaten wirklich vorhat.
Spekulationen blühen umso üppiger, wenn auch niemand ganz ins Blaue zu spekulieren braucht. Murdoch ist schließlich kein Unbekannter, seine Vorlieben und Geschäftspraktiken, seine Politik, seine Interessen und Obsessionen werden seit Jahrzehnten unter die Lupe genommen, in allen Teilen der Welt. Barry Diller, ehemals in Diensten Murdochs und heute als Chef der Interactive Corporation (IAC) einer der richtungweisenden Medienzaren Amerikas, erklärte gegenüber der „New York Times“: „Es geht ihm nicht darum, Spielzeug zu sammeln. Das ist Sauerstoff für ihn.“
Das fehlende Kernstück
Wofür er den Sauerstoff brauchen könnte, lässt sich wohl so erklären: Das WSJ, das seit langem auf Murdochs Wunschliste steht, ist das Kernstück, das ihm noch fehlt, um seine rund um die Welt zerstreute Medienmacht digital zusammenzuschweißen. Autorität und journalistisches Kapital einer Zeitung, die sich zudem die letzten Jahre mit Erfolg im Internet etabliert hat, sollen die Software-Nahrung garantieren, ohne die sein Imperium in all seinem Hardware-Glanz nicht überleben kann. Fernseher, Computer und Handys liefern nicht von allein Information, sie sind auf Informationsquellen angewiesen, und das WSJ sprudelt nun einmal zuverlässig wie kaum eine andere.
Ob dabei das Zeitungspapier noch lange in Gebrauch sein wird oder die digitalen Medien alles an sich reißen, spielt in diesem Szenario eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass Information ungehindert fließen kann, und zwar über die von Murdochs News Corporation angelegten Kanäle. Murdoch, Jahrgang 1931, will sich jedenfalls nicht länger gedulden. Die Zukunft soll schon im Herbst beginnen, wenn er als nächsten Akt seine amerikanische Fernsehpräsenz, die mit dem erzkonservativen Nachrichtensender Fox News eine der großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre aufzuweisen hat, um einen eigenen Wirtschaftskanal erweitert. Allein dafür musste er das WSJ haben, um so gut wie jeden Preis.
Verachtung für „die Eliten“
Der Mann, der sich gern populistisch gibt und darum seine Verachtung für „die Eliten“ oft und offen an den Tag legt, auch wenn er ihnen längst zuzurechnen ist, wird also eine der elitären Nachrichtenorganisationen übernehmen. Was er mit der kostbaren Trophäe anstellen wird, hat sich auch die Familie Bancroft gefragt, Mehrheitseigentümer des Verlagshauses Dow Jones & Company. Ihr monatelanges Zögern nach dem opulenten Angebot Murdochs spricht Bände. Bevor sie sich dem Geldsegen aussetzten, werden die Bancrofts womöglich auch „The Murdoch Archipelago“ gelesen haben, Bruce Pages scharfe Abrechnung mit einem Geschäftsmann, der ihm weder furchterregend noch besonders böse vorkommt. „Er ist ein Falstaff“, schreibt Page. „Er hat absolut keine Vorstellung von Ehre.“
Selbst linksliberale Kritiker rechnen nun nicht damit, dass er das WSJ in ein rechtes Kampfblatt verwandelt. Paul Krugman, Kolumnist der „New York Times“, fürchtet in Murdoch vielmehr den Opportunisten, der eine Medienlandschaft, die dank einer ins Laissez-faire vernarrten Regierung nicht mehr viel Aufsicht aus Washington zu fürchten braucht, ruchlos ausnutzt. Kaum anders hat es das WSJ auf seiner Titelseite verkündet, als das Blatt seinen künftigen Besitzer einer ausführlichen Analyse unterzog. Nachrichten, fährt Krugman fort, würden bei Murdoch so aufbereitet, wie sie am besten in sein Geschäftskonzept passten. Davon profitierten, solange sie allein an der Macht waren, Politiker aus dem konservativen Lager. Inzwischen engagiert sich Murdoch auch als Fundraiser für Hillary Clinton.
Defizite ohne Ende
Ähnlich flexibel erwies er sich in China, wo er die Machthaber damit erfreute, die BBC von seinem Satellitensender zu bannen. Auch an Tony Blair fanden er und seine Schlagzeilenschreiber einst Gefallen, was seine britische Medienmacht womöglich davor bewahrte, zerschlagen zu werden. Murdochs Verteidiger verweisen wiederum auf die Londoner „Times“, die er 1981 kaufte und in der redaktionellen Linie weitgehend unangetastet ließ. Auch als vorübergehender Besitzer der orthodox linken „Village Voice“ und des Stadtmagazins „New York“ tat er sich nicht mit politischen Interferenzen hervor. Die „New York Post“, das Boulevardblatt, das er vor mehr als dreißig Jahren erstmals erwarb, dann verkaufte und Anfang der neunziger Jahre wieder kaufte, genügt ihm offensichtlich als Sprachrohr. So darf die Zeitung ruhig Defizite ohne Ende einbringen.
Auch mit dem WSJ strebe er nicht nach Geld, sondern nach Ruhm, meinen jetzt einige Beobachter. Bis sich da etwas Klarheit ergibt, ist die Frage interessanter, ob oder wie und wann sich sein Einfluss in den Spalten des Blattes bemerkbar machen könnte. Er sei ohnehin zu beschäftigt, um Schlagzeilen zu schreiben, pflegt Murdoch zwar zu scherzen, aber immer wieder hat er dafür gesorgt, dass die Handschrift des Chefs klar zu erkennen war. Zuletzt mischte er sich direkt ein, als er den Skandal um O. J. Simpsons fiktiv verschlüsseltes Geständnisbuch „If I Did It“ und das zugehörige Fernsehinterview beendete. Beides hatten Tochterfirmen der News Corporation zu verantworten, beides brachte er zu Fall. Freilich handelte er erst, als die Empörung der Öffentlichkeit jede Profitchance zunichtegemacht hatte. Es bietet sich an, darin abermals ein Beispiel für seinen hellwachen Opportunismus zu sehen.
Eingebautes Puffergremium
Die Hoffnung der Redakteure des WSJ, dass er ihnen die von der Familie Bancroft gewohnte Freiheit nicht beschneidet, hat er mit dem Angebot genährt, ein Puffergremium, wie bei der „Times“, zwischen ihm und der Redaktion einzurichten. Der Deal umfasst anscheinend eine Klausel, die der gegenwärtigen Redaktionsleitung volle Unabhängigkeit garantiert. Um leitende Redakteure zu entlassen und neue einzustellen, müsste Murdoch demnach das Einverständnis eines Komitees einholen, über dessen erste Zusammensetzung die Bancrofts und die News Corporation gemeinsam entscheiden. Danach aber darf Murdoch die Gremiumsmitglieder nach eigenem, alleinigem Gutdünken bestimmen. Erst dann wird sich zeigen, ob er sich auch gegenüber einem Medium bremsen kann, wie er es in dieser Güteklasse noch nicht in seinem Portfolio hat, und ob die Redaktion nicht auseinanderfällt. Der Verlockung, das WSJ in seinem Sinne zu formen und einzusetzen, muss sicher auch ein eingefleischter Geschäftemacher erst widerstehen lernen. Als solcher wird Murdoch jedoch nicht die Edelmarke WSJ leichtfertig aufs Spiel setzen.
Das letzte Mittel, den Kauf zu unterbinden, könnte nun nur noch vom Kongress verabreicht werden. Anhörungen wurden zwar schon gefordert, aber es ist mehr als fraglich, ob ein Parlament, das in diesen Tagen keine vetosicheren Mehrheiten zustande bringt, auch noch über Fragen des Medienmonopols streiten will. Ein Vorstoß, Murdochs Medienmacht einzudämmen, wurde 2003 von den Republikanern abgeblockt.
Der „düstere Tag für Amerikas Nachrichtenmedien“, den Krugman mit der Übernahme des WSJ durch die News Corporation voraussagte, ist somit angebrochen. Aber auch die Welt muss Notiz nehmen. Denn wenn auch jetzt nur ein amerikanischer Medienkonzern den Besitzer wechselt, geht es Murdoch doch ums globale Informationsnetz, in dem er schon über 175 Zeitungen gebietet. Mit dem „Wall Street Journal“ kann er die mediale Globalisierung mit neuer Energie betreiben.
Murdochs Pläne gehen die ganze Welt an
Susanne Fiek (SophieCharlotte)
- 01.08.2007, 22:46 Uhr
Fal-staff ?
uwe gottwald (ugottwald)
- 01.08.2007, 23:41 Uhr
Murdoch kriegt den Hals nicht voll
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 02.08.2007, 06:14 Uhr