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Murdochs neues Blatt Die Sonne wird blasser

 ·  Mit „The Sun on Sunday“ wirft Rupert Murdoch eine neue Zeitung auf den Markt. Hinter dem Projekt steckt sehr viel Kalkül und sehr wenig Erfindungsgeist.

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© AFP Rupert Murdoch präsentiert sich als Leser seiner „The Sun on Sunday“

In Britannien kommt die Sonne jeden Tag raus“, kalauerte die Werbung auf dem Druckereigebäude in Hertfordshire am Rande Londons, wo die erste Sonntagsausgabe von Rupert Murdochs rot betitelter „Sun“ über die Maschinen lief. Anders als angekündigt, heißt das hastig zusammengesetzte Boulevardblatt, das sich den Marktanteil der im vergangenen Juli wegen des Abhörskandals eingestellten „News of the World“ zurückholen will, nicht „Sun on Sunday“. Es ist bloß eine am Sonntag erscheinende, von derselben Mannschaft unter Einsatz aller Kräfte produzierte Ausgabe der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes, gekennzeichnet durch eine kleine, unter dem Titelkopf aufsteigende gelbe Sonne mit der Aufschrift „Sunday“.

Inhaltlich bietet der Neuankömmling nichts von der aggressiven, sensationshaschenden Berichterstattung, auf die sich die „News of the World“ so viel zugutehielt. Darin spiegelt sich die allgemeine Zurückhaltung der sich seit den Enthüllungen über die illegalen Methoden der Informationsbeschaffung so gut wie möglich benehmenden britischen Journaille. Das betont frauen- und familienfreundliche Blatt macht auf mit einer über vier weitere Seiten ausgedehnten „Exklusivgeschichte“ über den Beinahekindbetttod einer Jurorin der Fernsehshow „Britain’s got Talent“, die ihr Mutterglück zur Schau stellt.

Die erste Ausgabe wirkt sogar zahmer als die Zeitung, die Arbeiter jeden Tag in der Frühstückspause lesen. Das barbusige Mädchen von der Seite drei bedeckt denn auch ihre nackten Brüste g’schamig mit den Händen. Und zu den „Star“- Kolumnisten zählt der Erzbischof von York, dessen Beitrag, zumal an der Stelle, wo er Alexander Popes „Irren ist menschlich, vergeben ist göttlich“ zitiert, sich verdächtig liest wie aus der Feder eines gewieften „Sun“-Redakteurs der alten Schule.

Eine erzwungene Gegenoffensive?

Unter patriotischer Berufung auf die kontinuierliche Berichterstattung über das Schicksal der Streitkräfte wird daran erinnert, dass die „Sun“ eine „Kraft des Guten“ gewesen sei. Die Zeitung verspricht weiterhin „furchtlos, freimütig, spitzbübisch und amüsant“ zu sein. Davon ist in der Premierenausgabe wenig zu spüren. Selbst Murdochs zuverlässiger Verteidiger, der ehemalige „Sun“-Chefredakteur Kelvin MacKenzie, zeigte sich enttäuscht, dass der Neuankömmling so wenig von dem alten Pfiff der verrufenen „News of the World“ vorweise. Der Leitartikel geht kurz auf deren Einstellung und die Festnahme mehrerer „Sun“-Redakteure ein, die unschuldig blieben, bis die Schuld bewiesen sei. Das Erscheinen der „Sun“ markiere jedoch einen Neustart. Das hofft keiner so inständig wie Rupert Murdoch, dem der Abhörskandal an den Kragen geht.

Murdochs Kritiker behaupten, die Zeitung sei so schnell produziert worden, weil weitere Enthüllungen erwartet werden, die eine spätere Gegenoffensive unmöglich gemacht hätten. An diesem Montag beginnt die zweite Phase der Anhörungen von Lordrichter Levesons Untersuchung der „Kultur, Praxis und Ethik“ der Presse. Zudem mehren sich die Hinweise, dass News International, die Holdinggesellschaft von Murdochs britischen Zeitungen, potentiell belastendes Material vernichtet habe. Dunkle Wolken also drohen vor die Sonne zu ziehen.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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