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Murdochs iPad-Zeitung „The Daily“: Denken und lächeln

03.02.2011 ·  Bunt, bewegt und papierlos: Rupert Murdoch will mit „The Daily“ das Zukunftsmodell der Zeitung erfunden haben. Das speziell für das iPad entwickelte Medienprojekt aber droht, ins Informationschaos abzugleiten.

Von Jordan Mejias, New York
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Durch jede Zeitung, die etwas auf sich hält, kann der Leser heute wischen, ziehen und tippen. Blättern kann er, wenn er will und auf den Kontakt mit dem Papier Wert legt, aber auch noch. „The Daily“ ist die erste Zeitung, die niemand mehr durchblättern kann. Erfunden hat sie Rupert Murdoch, der Herrscher über ein globales Medienimperium, gemeinsam mit der Firma Apple. Darum führt das Wischen und Tippen auch nur zum Erfolg, wenn ein iPad zur Verfügung steht. „The Daily“ ist also zunächst einmal ein exklusives Medium, wenn auch diese Exklusivität dank fünfzehn Millionen verkaufter iPads die Grenzen sehr weit zieht.

Als Murdoch nun, assistiert von Eddy Cue, der bei Apple als Vizepräsident für Internetdienste zuständig ist, „The Daily“ in New York vorstellte, war nicht nur wie derzeit so oft von Revolution die Rede, sondern auch von einer digitalen Renaissance. „Neue Zeiten verlangen nach einem neuen Journalismus“, erklärte der Chef der News Corporation, der sich ungerührt von drei alten Grundbedingungen des Gewerbes verabschiedete: „Kein Papier mehr, keine Druckmaschinen, keine Lastwagen.“

Das heißt auch, dass er weniger ausgeben muss. Murdoch tut so, als habe die Entwicklung von „The Daily“ ihm gerade mal ein Taschengeld gekostet. Mehr als 30 Millionen Dollar sollen es bis heute nicht gewesen sein. Eine halbe Million pro Woche soll reichen, die Zeitung herauszubringen, und auch der Leser braucht vorläufig nicht besonders tief in die Tasche zu greifen: 14 Cents kostet die Einzelausgabe, 99 Cents das Wochenabonnement, und für 39,99 Dollar ist „The Daily“ schon ein ganzes Jahr lang zu haben. Der Merksatz aus dem Hause Murdoch lautet: „Unsere Kosten sind niedrig, unser Ehrgeiz ist groß.“

„The Daily“ soll Teil der sozialen Vernetzung werden

So hat Murdoch sich vorgenommen, das Zeitungsgeschäft wieder profitabel machen. Ideal wäre für ihn ein Umsatz, zu dem Abonnements und Anzeigen jeweils fünfzig Prozent beitragen. Auch im Internet ist „The Daily“ nicht ganz umsonst anzuklicken, und zum Wischen und Tippen gibt es am Computer ohnehin keine Gelegenheit. Leser, die für einen Artikel bezahlt haben, dürfen ihn allerdings kostenlos per Email weiterschicken oder ihn per Facebook und Twitter verbreiten. „The Daily“ soll sich auch gerade dadurch von einer herkömmlichen Zeitung unterscheiden, dass sie Teil der sozialen Vernetzung wird. Die Unterhaltung kommt dabei automatisch neben der Information nicht zu kurz, und umso interessanter wird es da zu beobachten sein, wie die rund hundert Redakteure in ihrer offiziell verkündeten Aufgabe, ihre User zum Denken und Lächeln zu bringen, künftig die Akzente verteilen.

Der ersten Ausgabe nach zu urteilen, hat Murdochs Boulevardblatt „New York Post“ eher Pate gestanden als sein „Wall Street Journal“. Aber ein Vergleich mit beiden Zeitungen führt nicht allzu weit. Auf dem iPad leuchtet jetzt nachrichtentechnisch in der Tat ein neues Ding auf. Es hat die visuellen und interaktiven Eigenschaften der Medienportale im Internet übernommen und weiterentwickelt. Die Augen kommen zuerst auf ihre Kosten. Bilder, die den ganzen Screen einnehmen oder, lässig ins Gleiten gebracht, den vollen 360-Grad-Rundblick gestatten, Moderatorenauftritte und Videofeatures verwandeln die Zeitung in ein Multimediaspektakel, in dem es die Textpassagen nicht leicht haben, sich gegen die bunt schillernde und rastlos bewegte Konkurrenz durchzusetzen.

Die traditionelle Zeitung droht da ebenso ins Hintertreffen zu geraten wie die traditionelle Fernsehsendung, die schließlich auch keine interaktive Mitwirkung und keine personalisierte, also nach individuellen Wünschen gestaltete Ausgabe zu bieten hat.

Sprungbrett in ein unendliches Unterhaltungsuniversum

In Steve Jobs' eleganter Verpackung liegt „The Daily“ vor einem aber auch wie eine Spielkonsole, die mit Hotspots und Links Nachrichten wie ein Sprungbrett in ein unendliches Unterhaltungsuniversum einsetzt. Da kann das Porträt einer Filmschauspielerin zur Kostprobe ihres eigenen Getwitters oder des ihrer Vermarkter verführen, da kann hinter einem Sportbericht sich ein Kosmos historischer Ergebnisse und Daten auftun und eine aktuelle Reportage mit enzyklopädischer Ausführlichkeit unterfüttert werden. Genau so schnell ist der Weg in den App Store gefunden. Erstaunlich wie das Design und die technische Kanalisation des Informationsstroms sind allemal auch seine geschäftlichen Verästelungen. Mit dem neuen Nachrichtenmodell wird jedenfalls auch wieder ein neues Geschäftsmodell getestet.

Während bis zu hundert Seiten pro Ausgabe versprochen werden, weitet sich das dahinterliegende Angebot ins Unüberschaubare. Vom Bilderkarussell, das sich vor dem User dreht und ihm einen Überblick über das Angebot des Tages geben soll, wird er direkt ins Informationschaos geschleudert. Die Reaktion hat sich schon überlegt, wie sie die Aktualität im Zaum halten kann. Natürlich wird es Nachrichtenticker geben und die Titelseite sich verwandeln, wenn „breaking news“ es verlangen.

Aber trotz laufender Aktualisierungen soll ein Produkt angeboten werden, dass zumindest einen Tag lang einigermaßen von Bestand ist. Ein Hauch von Halt soll den User doch umwehen. Als supertrendiger Digitaltransporteur trägt „The Daily“ ja auch einen geradezu rührend altmodischen Namen. Mit vollem Bedacht hat „Die Tägliche“ sich nicht „Die Stündliche“ oder gar „Die Minütliche“ genannt.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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