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„München 1970“ im Ersten : Linker Antisemitismus und vergeudete Zeit

Um 20.48 Uhr am 13. Februar 1970 geht bei der Münchner Feuerwehr der Alarm ein: Das jüdische Altersheim brennt. Mehr als vierzig Menschen können gerettet werden, sieben kommen ums Leben Bild: HR

„München 1970“: In einer hochbrisanten Dokumentation rückt Georg M. Hafner zwei Münchner Attentate ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und wirft neue Fragen über den Anschlag auf die Olympischen Spiele von 1972 auf.

          Georg M. Hafner leitet im Fernsehen des Hessischen Rundfunks die Abteilung Politik und Gesellschaft. In Kürze wird er in Pension gehen. Heute Abend zeigt das Erste mit der neunzigminütigen Dokumentation „München 1970. Als der Terror zu uns kam“ also auch seine Derniere. In mehrfacher Hinsicht ist sie ein Musterbeispiel dafür, was das dokumentarische Genre zu leisten vermag.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Hafner beginnt subjektiv. Er erzählt und zeigt uns, warum er das Thema auch aus ganz persönlichen Gründen gewählt hat. Zu Anfang der siebziger Jahre war er Student in München - und er war, nicht eben erstaunlich in jenen Tagen, links bis linksradikal. So wurde er unmittelbarer und unbeteiligter Zeuge jener Geschehnisse, die er nach mehr als vierzig Jahren nun mit Hilfe von Experten und Familienangehörigen der Opfer, mit Archivmaterial und aufgrund eigener Recherchen rekonstruiert, wieder aufleben lässt - und bewertet.

          Auch Rudolf Crisolli, Starreporter des ZDF, kam ums Leben

          Er macht kein Hehl daraus, dass er damals die Tragweite der Ereignisse nicht erkannt hat, wohl auch nicht erkennen konnte, aber aus politischer und menschlicher Sympathie mit den Obergenossen der Außerparlamentarischen Opposition, mit Fritz Teufel etwa und Dieter Kunzelmann, auch gar nicht erst erkennen wollte. Heute nennt er, was sich im Münchner Februar 1970 - und in den Monaten davor und danach auch an anderen Schauplätzen, zumal in Westberlin - abgespielt hat, „die größte antisemitische Anschlagserie, die es in Deutschland nach dem Ende des Nationalsozialismus gegeben hat“.

          Rudolf Crisolli, der Onkel des Dokumentaristen Georg M. Hafner
          Rudolf Crisolli, der Onkel des Dokumentaristen Georg M. Hafner : Bild: HR/Privatfoto

          Es gibt für Hafner einen zweiten persönlichen Grund. An Bord der Swissair-Maschine, die sich am 21. Februar 1970 auf dem Flug von Zürich nach Tel Aviv befand, in deren hinterem Laderaum neun Minuten nach dem Start eine Bombe explodierte und die kurz danach abstürzte, befand sich auch Rudolf Crisolli, weiland Starreporter des ZDF. Crisolli, achtunddreißig Jahre alt, kam von einem Einsatz im Vietnamkrieg und sollte in Tel Aviv für einige Wochen den Israel-Korrespondenten des Senders vertreten. Wie die anderen sechsundvierzig Passagiere und Besatzungsmitglieder kam er beim Absturz des Flugzeugs im Kanton Aargau ums Leben. Rudolf Crisolli ist Hafners Onkel gewesen.

          An Infamie nicht zu überbieten

          Wie Hafner das subjektive Motiv beim Fortgang des Films in eine minutiös genaue, vollkommen lakonische und gerade deshalb tief erschütternde Chronik der objektiven Tatsächlichkeit überführt, zeugt von großer und souveräner Professionalität. Zwei Münchner Attentate rückt er dabei ins Zentrum: die versuchte Entführung einer El-Al-Maschine durch drei palästinensische Terroristen am 10. Februar 1970 am Flughafen Riem und, drei Tage danach, den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße.

          Uri Cohen, der El-Al-Pilot, verhinderte durch seinen Einsatz in Riem - er rang einen der Terroristen nieder - weit Schlimmeres. Es gab einen Toten, den jungen Arie Katzenstein, der sich im Bus auf dem Rollfeld auf eine Handgranate warf und damit seinem Vater und weiteren Passagieren das Leben rettete. Hafner spricht jetzt mit Katzensteins Bruder Yuval über die Folgen dieses Opfertodes für die Familie - und er spricht mit der Schauspielerin Hanna Maron, die damals verletzt wurde und ein Bein verlor.

          An Infamie ist der Anschlag auf das jüdische Altersheim nicht zu überbieten. Sieben Menschen ersticken und verbrennen, in der Mehrzahl Überlebende des Holocaust. Hafner befragt neben anderen die jetzt siebzigjährige Gemeindeschwester Ruth Steinführer. Von ihr erfährt er, dass damals eines der Opfer, David Jakubowicz, bereits auf gepackten Koffern saß, um am nächsten Morgen nach Israel zu fliegen.

          Brisante Schlussfolgerungen für München 1972

          Der Brandanschlag ist bis heute unaufgeklärt. Hafner entwickelt - und das macht diesen Film zu einem hochbrisanten Dokument - nun Schritt für Schritt und dabei gestützt vom Münchner Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch die These, dass dieses Verbrechen wohl weder von Rechtsradikalen noch von Palästinensern begangen wurde, sondern vermutlich von den linksextremen „Tupamaros-München“, dass möglicherweise Fritz Teufel beteiligt war - und Kunzelmann zumindest die ideologische Rechtfertigung lieferte.

          Nicht minder brisant sind die Schlussfolgerungen, die Hafner am Ende zieht. Hätte man die Geschehnisse des Februars 1970 wirklich ernst genommen, wäre der Anschlag auf die Olympischen Spiele zwei Jahre danach womöglich zu verhindern gewesen: „Zeit genug war.“ Jochen Vogel, damals Oberbürgermeister, begründet im Gespräch mit dem Autor noch einmal das Sicherheitskonzept der heiteren Spiele. Erstaunlich bleibt, dass Zwi Zamir, von 1968 bis 1974 Chef des Mossad, Hafner zwar ein Interview gewährt, zum chaotischen Einsatz der deutschen Sicherheitskräfte am 5. September 1972 in Fürstenfeldbruck aber keinerlei Stellung bezieht.

          München 1970. Als der Terror zu uns kam läuft an diesem Dienstag um 22.45 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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